Bremer Virologe im Interview „Man muss auf die Einsicht setzen“

Die Quarantäne-Pflicht muss in der Pandemie die letzte Regel sein, die aufgehoben wird, sagt Andreas Dotzauer. Im Interview spricht der Virologe über den Stellenwert der Maßnahme und Grenzen der Kontrolle.
30.12.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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„Man muss auf die Einsicht setzen“
Von Nico Schnurr

Herr Dotzauer, warum ist die Quarantäne so wichtig in der Corona-Krise?

Andreas Dotzauer: Sie kann ein sehr wirksames Mittel sein, um Infektionsketten zu durchbrechen. Wenn sich Infizierte und Kontaktpersonen isolieren, helfen sie, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Das macht die Quarantäne zu einer entscheidenden Maßnahme. Dafür muss sie allerdings auch konsequent durchgeführt werden. Eine Kurz-Quarantäne reicht nicht.

Im Herbst wurde diskutiert, die Dauer der Maßnahme auf fünf Tage zu senken, um die Akzeptanz zu erhöhen.

Ich halte das für keine gute Idee. Man wird dem Coronavirus damit nicht gerecht. Die Inkubationszeit liegt in der Regel zwischen vier und elf Tagen. Wer sich angesteckt hat, kann die Krankheit schon ein bis zwei Tage vor dem Beginn der Symptome weitergeben. Auch wenn die Symptome abgeklungen sind, kann das Virus noch für einige Tage übertragen werden. Bei manchen kommt es auch zu einer Reaktivierung des Virus im Körper. Sie gelten schon als genesen, doch sind trotzdem wieder ansteckend.

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Wie häufig kommt das vor?

Wir sprechen hier von ungefähr jedem 20. Corona-Fall. Aus meiner Sicht zeigt das: Schon zwei Wochen sind als Zeitraum für die Quarantäne knapp bemessen. Man darf die Maßnahme auf keinen Fall verkürzen, wenn sie wirksam bleiben soll. Eher sollte man den Zeitraum noch ausweiten.

Maßnahmen helfen aber nur, wenn sie auch umgesetzt werden.

Es ist wichtig, dass es eine Pflicht gibt, doch die Kontrolle der Quarantäne ist schwierig. Im Mittelalter hat man Wachposten vor die Häuser gestellt, in denen Pestkranke untergebracht waren, damit niemand rein und raus kommt. Das ist heute zum Glück undenkbar. Man kann niemanden dauerhaft überwachen. Wir leben in einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft. Man muss auf die Einsicht setzen. Gerade weil Kontrollen kaum möglich sind, ist es bei der Quarantäne extrem wichtig, dass es eine hohe Akzeptanz für die Maßnahme gibt.

Oft heißt es, in asiatischen Ländern gebe es eine höhere Akzeptanz für die Quarantäne.

Es ist auch eine Frage, wie sehr der Einzelne bereit ist, sich für andere einzuschränken. Dieser Gemeinschaftssinn, um den es ja bei der Quarantäne geht, ist in asiatischen Ländern sehr ausgeprägt. Das ist aber auch bei uns möglich. Es muss einfach allen klar sein, warum sie sich isolieren. Man muss das Bewusstsein stärken, wie wichtig dieses Mittel ist, um die Pandemie zu bekämpfen.

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Wie lange wird die Quarantäne noch als Maßnahme bestehen bleiben?

Das Impfen hat erst begonnen. Es wird noch eine Weile dauern, bis wir durch die Impfungen eine Herdenimmunität erreicht haben. Solange werden wir die Quarantäne-Pflicht brauchen. Es sollte die letzte Maßnahme in der Pandemie sein, die aufgehoben wird.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Andreas Dotzauer ist Virologe. Er leitet das Laboratorium für Virusforschung an der Universität Bremen. Dort beschäftigt er sich unter anderem mit Mechanismen bei der Entstehung von Viruserkrankungen.

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