Sorge um Kleinstbaustellen Wie hoch ist der Corona-Schutz auf Bremer Baustellen?

Kritisch beurteilt der Bremer Virologe Andreas Dotzauer den Umgang mit der Pandemie auf Großbaustellen. Der Verband der Bauindustrie widerspricht, bringt aber einen angepassten Handlungsleitfaden heraus.
02.02.2021, 21:02
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Wie hoch ist der Corona-Schutz auf Bremer Baustellen?
Von Frank Hethey

Vor einer unterschätzten Infektionsgefahr mit dem Coronavirus auf dem Bau warnt der Bremer Virologe Andreas Dotzauer. „Da arbeiten zum Teil zwei bis drei Leute zusammen an einer Sache – ohne Masken, ohne Abstände“, sagt er. Kritisch sieht Dotzauer es auch, wenn Beschäftigte auf Großbaustellen ihren Arbeitsweg gemeinsam zurücklegen. „Die Leute kommen ja nicht mit dem Privatwagen, sondern zusammen im Transporter.“ Zumindest das Tragen einer Maske bei engeren Arbeitskontakten hält Dotzauer für geboten. „Gerade angesichts der neuen Mutationen kann man das schon verlangen.“

In der Bauwirtschaft will man sich mangelhaft ausgeprägtes Problembewusstsein nicht nachsagen lassen. Im Gegenteil, die Verbände pochen auf verantwortungsvolles Handeln seit Beginn der Pandemie. „Es hat bisher kaum Corona-Fälle und keine Hotspots auf den Baustellen gegeben“, sagt Jörn P. Makko, Hauptgeschäftsführer des Verbands Bauindustrie Niedersachsen-Bremen. Die logische Folgerung: „Also hat die strikte Anwendung der Hygienestandards offensichtlich etwas genutzt.“

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Zum Beleg der erhöhten Sensibilität im Baugewerbe verweist Makko auf die am Freitag gestartete Verteilung von drei Millionen FFP2-Masken durch die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau). Die BG Bau will die Masken bundesweit an ihre 2,9 Millionen Versicherten verteilen – von denen allerdings längst nicht alle in der Bauindustrie arbeiten, wie BG Bau-Sprecherin Susanne Diehr betont. „Damit sind auch die Unternehmen nicht von ihrer Pflicht entbunden, für persönliche Schutzausrüstung ihrer Beschäftigten zu sorgen.“

Auf die laut Diehr vorerst „einmalige Aktion“ hatten sich die Sozialpartner verständigt: der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes, der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie und die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau). Für die Masken-Ausgabe gibt es laut Gewerkschaft einen triftigen Grund: In den Winterwochen verlagern sich die Arbeiten gewöhnlich in den Innenausbau und damit in geschlossene Räume – mit dem Ergebnis einer steigenden Infektionsgefahr.

Feste Kolonnen sind auf Baustellen sowieso üblich

Dass Masken im Baugewerbe keineswegs unüblich sind, betont der Verband Baugewerblicher Unternehmer, der überwiegend kleinere oder mittlere Betriebe vertritt. „Bei Mörtelarbeiten oder wenn Zementsäcke geöffnet werden entstehen Stäube. Dann werden ohnehin Masken getragen“, sagt Geschäftsführer Andreas Jacobsen. Bei der Corona-Prävention komme dem Baugewerbe auch noch ein anderer Umstand zugute. „Häufig gibt es auf Baustellen feste Kolonnen – analog zum Kohortenprinzip.“ Das könne helfen, wenn die Abstände aus arbeitstechnischen Gründen nicht einzuhalten seien. „Bei einem Ausbruch sind dann nicht alle Mitarbeiter betroffen.“

Eine „neue Dimension bei der Infektionsgefahr im Job“ fürchtet trotz allem IG Bau-Chef Robert Feiger. Als „völlig verantwortungslos“ bezeichnet er Sammeltransporte zur Baustelle und gemeinsame Pausen in engen Baucontainern. Auf vielen Baustellen gebe es kein fließendes Wasser, häufig fehlten Desinfektionsspender.

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Schwere Versäumnisse kann Makko nicht erkennen. „Die Unternehmen haben die Transporte zu den Baustellen entzerrt.“ Das Gleiche gelte für die Unterbringung der Arbeiter: Neben den Unterkünften seien vielfach Pensionen dazu gebucht worden. Mit einem neuen Handlungsleitfaden werde jetzt noch einmal nachgebessert. Dabei gehe es um den Aufenthalt in Containern und Pausenräumen wie auch eine erweiterte Maskenpflicht. „Damit nehmen wir eine Anpassung an die nicht nachlassende Corona-Entwicklung vor. Die Arbeitgeber tun was, um ihre Leute zu schützen.“

Skeptisch bleibt der Virologe Dotzauer. „Ein Konzept zu haben, ist das eine – das andere, es in der Praxis umzusetzen.“ Das Bremer Büro der IG Bau teilt seine Bedenken nicht. „Die größeren Betriebe haben die Situation im Griff, die machen das eigentlich vorbildlich“, sagt Gewerkschaftssekretär Reinhard Thiel. Zwar räumt er ein, dass es in der Baubranche schwarze Schafe gebe. „Wir haben auch schon mal einen Beschwerdeanruf bekommen, weil ein Fahrzeug mit sechs Leuten zur Arbeit gefahren ist.“ In solchen Fällen werde dann aber der Betriebsrat eingeschaltet.

Kleinere Betriebe bereiten eher Sorgen

Mehr Sorgen bereiten Thiel kleinere Betriebe, überhaupt die Arbeit auf Kleinstbaustellen. In diesem Bereich sehe er eher Schwierigkeiten, sagt Thiel. „Die Probleme dort kriegen wir gar nicht so mit.“ Es sei ihm aber bislang kein Corona-Ausbruch auf einer Kleinstbaustelle zu Ohren gekommen. Bei Großbaustellen vertraut Thiel auf die Beratungstätigkeit der BG Bau und staatliche Kontrollen.

Zumindest bei Letzteren dürften seine Erwartungen aber nicht zur Gänze erfüllt werden. „Wir haben unsere Überwachungen ein bisschen eingeschränkt“, sagt Hartmut Teutsch, Amtsleiter des Gewerbeaufsicht. Als Grund nennt er Eigenschutz und den Schutz der Mitarbeiter der Betriebe.

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Nur „körpernahe“ Arbeit verboten

In der aktuellen Corona-Verordnung sind laut Gesundheitsressort nur „körpernahe Dienstleistungen“ untersagt. Dazu gehören Friseure, Kosmetikstudios, Massagepraxen, Tattoo- und Nagelstudios. Handwerker sind von den Auflagen nicht betroffen, für sie gelten die allgemeinen Abstands- und Hygieneregeln. Auch bei Handwerkern, die ihre Kunden zu Hause besuchen, sieht die Behörde keinen Handlungsbedarf. „Handwerker und Kunden müssen sich nicht zwingend nahekommen“, sagt Sprecher Lukas Fuhrmann. Mit einem Shutdown des Baugewerbes rechnet der Bremer Virologe Andreas Dotzauer nicht. „Ich kann mir vorstellen, dass es Tätigkeiten gibt, bei denen man das nicht macht“, sagt er.

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