Was das Coronavirus so gefährlich macht

„Pandemie verbreitet sich nicht von selbst“

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer über die gründe für steigende Infektionszahlen, die Notwendigkeit von Masken und was das Coronavirus besonders gefährlich macht.
20.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Pandemie verbreitet sich nicht von selbst“
Von Sabine Doll
„Pandemie verbreitet sich nicht von selbst“

Dichtes Gedränge an den Ostseestränden: Besonders an den heißen Tagen spielte der Abstand keine große Rolle mehr.

Georg Wendt /dpa
Herr Dotzauer, die Zahl der Corona-Infektionen steigt wieder. Kommt das für Sie überraschend?

Andreas Dotzauer : Nein, eigentlich nicht. Wir haben alle damit gerechnet. Ein Grund dafür ist die Urlaubszeit und dass dadurch auch Infektionen mit Reiserückkehrern eingeschleppt werden.

Wie ist diese Entwicklung zu bewerten – als kurzfristiger saisonaler Anstieg wegen der Sommerferien?

Ganz so einfach ist das nicht. Denn: Selbst wenn es jetzt die Urlauber sind, die nach zwei Wochen am Strand in Risiko- oder Nicht-Risikoländern zurückkommen, bedeutet das ja nicht, dass dies nur eine vorübergehende Erscheinung ist. Die Infektionen sind da und damit die sehr akute Gefahr, dass es zu einer Ausbreitung und vielen Infektionsketten kommt.

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Nach einem halben Jahr Pandemie in Deutschland – wo stehen wir heute, auch angesichts der aktuellen Entwicklung?

Wir stehen wieder im Februar. Es ist die gleiche Situation, und es sind die gleichen Probleme, die wir damals auch hatten.

Welche meinen Sie?

Auch jetzt geht es wieder um die Frage, wie man auf steigende Infektionszahlen reagiert. Im Frühjahr wurde erfreulicherweise sehr schnell mit den ganzen Beschränkungen darauf reagiert. Jetzt wird viel vorsichtiger agiert, weil die Reaktionen darauf zum Teil doch sehr heftig sind. Ich halte das für einen Fehler, es müsste rigoroser gehandelt werden. Im Moment sind es nicht mehr, wie noch vor Kurzem, die Ausbrüche in sogenannten Clustern, also klar eingrenzbaren Infektionsherden. Es brennt an vielen Stellen, wo Ausbrüche stattfinden.

Sie sagen, die Infektionen, die aus dem Urlaub mitgebracht werden, sind ein Grund für die steigenden Zahlen. Was noch?

Bewusstes Fehlverhalten nicht nur einiger Weniger. Da gibt es Maskenverweigerer in Bussen und Bahnen. Abstand wird nicht eingehalten, private Feiern mit Dutzenden Menschen werden veranstaltet. Aus meiner Sicht ist das ganz klar bewusstes Fehlverhalten.

Was läuft da schief – müssten wir es nach Tausenden Toten, noch mehr Infizierten, wochenlangem Lockdown und erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Folgen nicht eigentlich besser wissen?

Von Anfang an wurde nicht verstanden: Eine Pandemie verbreitet sich nicht von selbst – wir sind diejenigen, die das Virus verbreiten. Das sieht man an den aktuellen Zahlen. Das ist aber auch nach sechs Monaten nicht im Bewusstsein angekommen. Die Vorstellung ist: Das ist ein Gewitter, das kommt und auch wieder geht. So ist es aber nicht. Wir reden hier von einem Lebewesen, einem Virus, das sich entsprechend anders verhält. Bestes Beispiel für mich ist diese ewige Debatte über die Maskenpflicht, die sich von Anfang an wie ein roter Faden durchzieht. Sie dreht sich immer noch um die Frage: Wen schützt sie, mich selbst oder die anderen? Daran sieht man, dass das, was wir Virologen sagen, nicht verstanden wird.

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Die Virologen sagen...

...es geht auch um den individuellen Schutz durch die Maske. Primär geht es aber darum, Infektionsketten zu unterbrechen. Egal, ob von demjenigen, der das Virus abgibt oder es aufnimmt. Infektionsketten müssen unterbrochen werden, und da sind Masken ohne Zweifel von Nutzen. Das wird einfach nicht eingesehen. Diese ständige Diskussion um die Masken – und zwar auf allen Ebenen – zeigt, dass man das Virus nicht verstanden hat. Bei uns und weltweit zeigt sich aber, dass die Mindestregeln – der Abstand, die Maske und die Anzahl der Personen in bestimmten Räumlichkeiten – greifen. Und diese Regeln sind nun wirklich auch gut ertragbar.

Es scheint aber ein Durchsetzungsproblem zu geben.

Das beste Mittel wäre die Einsicht, das wird aber nicht funktionieren. Wann in der langen Menschheitsgeschichte hat schon einmal etwas funktioniert, wenn man auf Einsicht gesetzt hat? Man muss tatsächlich rigorosere Verbote aussprechen, diese auch kontrollieren und bei Bedarf sanktionieren. Die Politik agiert an dieser Stelle viel zu zögerlich. Es muss auch viel deutlicher kommuniziert werden, womit wir es hier zu tun haben und was die Folgen sind.

Ein halbes Jahr Pandemie bedeutet auch, dass man mehr über das Sars-CoV-2-Virus weiß. Womit haben wir es zu tun?

Ganz unbekannt sind Coronaviren nicht. Man weiß, wie sie sich replizieren und wie sie sich in Zellen verhalten. Was man nicht wusste, wie sich diese neue Version eines längst bekannten Virus in der Bevölkerung verhält. Und dabei gab es einige Überraschungen: Am Anfang war die Einschätzung, dass es viel infektiöser ist, sich viel leichter überträgt. Das ist nicht so. Man hat auch eine typische Altersverteilung erwartet, wir sehen jetzt aber zum Beispiel, dass die Infektion bei Kindern eher symptomlos verläuft. Das ist im Übrigen ein Punkt, der mich in der Debatte über Schulen und Kitas ärgert: Symptomlos heißt nicht, dass kein Virus produziert und übertragen wird. Das wird aber immer gleichgesetzt. Und das ist falsch.

Bremen will nun offenbar auch eine Maskenpflicht an Schulen einführen, zumindest an weiterführenden Schulen.

Ich halte eine Maskenpflicht an allen Schulen für absolut zwingend – aber nicht nur auf Gängen und in Treppenhäusern. Auch in den Klassenräumen. Man kann nicht davon ausgehen, dass in den Lerngruppen der Abstand eingehalten werden kann und das Lüften reibungslos funktioniert. Fakt ist: Auch Kinder bringen dieses Virus mit und verbreiten es weiter.

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Was macht dieses Coronavirus besonders gefährlich?

Zunächst ist man davon ausgegangen, dass Sars-CoV-2 vor allem die Lunge befällt und dort eine Erkrankung auslöst. Inzwischen wissen wir: Es ist definitiv eine systematische Erkrankung, wenn die Bedingungen im Wirt – also dem Körper – für das Virus passen. Es breitet sich im gesamten Körper aus, verschiedene Organe werden infiziert. Das Immunsystem beziehungsweise die Immunantwort gerät völlig aus der Balance. Typisch sind die Entzündungsreaktionen, die im ganzen Körper stattfinden. Das macht das Virus gefährlich, und auch das ist nicht wegzudiskutieren.

Und es scheint nicht nur bei der akuten Infektion zu bleiben.

Das zeigt sich immer deutlicher. Nicht nur die tödlichen Verläufe müssen betrachtet werden, sondern auch die Langzeitfolgen. Dazu gehören Atemprobleme, Erschöpfung, Folgen für das Nervensystem, Desorientierung. Da könnte noch einiges hinzukommen, im Moment steht man bei diesen Erkenntnissen noch am Anfang. Ganz wichtig: Und auch das trifft Jüngere. Derzeit liegt das Durchschnittsalter der Menschen, die sich infizieren, bei 35 Jahren. Das sind unter anderem die sozial Aktiven.

Das Gespräch führte Sabine Doll.

Info

Zur Person

Andreas Dotzauer ist Virologe und Leiter des Laboratoriums für Virusforschung an der Universität Bremen.

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