Konzepte zur Wiederbelebung der City

Bremer Wirtschaft reagiert skeptisch auf Altmaiers Digitaloffensive

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will den darbenden Innenstadtläden in Deutschland zu neuem Umsatz verhelfen. Er startet eine Digitaloffensive. Die Bremer Wirtschaft ist skeptisch.
04.08.2020, 05:00
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Bremer Wirtschaft reagiert skeptisch auf Altmaiers Digitaloffensive
Von Jürgen Hinrichs
Bremer Wirtschaft reagiert skeptisch auf Altmaiers Digitaloffensive

Der Handelsverband Deutschland schätzt, dass die Corona-Krise dem Einzelhandel Umsatzeinbußen von 40 Milliarden Euro bescheren werde.

Frank Thomas Koch

Die Innenstädte in Bremen und anderswo stecken in einer Krise ungeahnten Ausmaßes, es droht ein großes Ladensterben – höchste Zeit zum Gegensteuern findet Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und lädt für Anfang September alle Beteiligten an einen Tisch. Den Schub für eine bessere Entwicklung der Geschäfte erhofft er sich von der Digitalisierung. Seit der Corona-Pandemie würden sehr viel mehr Einkäufe online getätigt, sagte Altmaier in einem Gespräch, das am Montag veröffentlicht wurde. An diesem Trend wolle er auch kleinere Läden stärker beteiligen. In Bremen, wo erst vor drei Wochen ein Innenstadt-Gipfel stattfand, stößt dieser Ansatz auf Skepsis. Digitalisierung sei unerlässlich, eigene Online-Shops aufzubauen aber problematisch, sagen Handelskammer und City-Initiative.

Der Handelsverband Deutschland schätzt, dass die Corona-Krise dem Einzelhandel Umsatzeinbußen von 40 Milliarden Euro bescheren werde. Am Ende könnten es etwa 50 000 Läden sein, die aufgeben müssten. Von der Entwicklung ausgenommen sei lediglich der Lebensmittelhandel. In der Bremer Innenstadt gibt es derzeit so viel Leerstand wie seit Jahrzehnten nicht mehr, berichten Makler. Aufgegeben haben zum Beispiel Ketten wie Esprit und Gerry Weber. Auch Appelrath-Cüpper ist bedroht, das Textilunternehmen war mit seiner Filiale erst vor knapp einem Jahr nach Bremen gekommen. Bei Galeria Kaufhof und Zara stehen die Schließungen bevor.

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„Wir müssen Konzepte zur Wiederbelebung der Innenstädte entwickeln“, fordert Altmaier. Es komme jetzt weniger darauf an, neues Geld zu verteilen, sondern darauf, die Attraktivität zu stärken. „Wir müssen den Geschäftsinhabern dabei helfen, ihre Kundenbeziehungen so zu digitalisieren, dass es auch den Modeläden und Schuhgeschäften zugutekommt.“ Wenn zum Beispiel ein Kunde ein Marken-Hemd online bestellen wolle, sollte er das nicht unbedingt beim Hersteller tun müssen, sondern die Möglichkeit haben, zum gleichen Preis auch über den Einzelhändler seiner Wahl online zu kaufen.

Karsten Nowak, Geschäftsführer bei der Handelskammer Bremen, kann die Initiative von Altmaier nur bedingt nachvollziehen: „Es ist zwar richtig, die Wirtschaft darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig Digitalisierung ist“, so Nowak, „einen Online-Shop aufzubauen, ist aber eine ganz andere Geschichte“. Das Beispiel mit dem Marken-Hemd geht für ihn nicht auf: „Die Großen im Markt wie Amazon, Otto und Zalando sind im Netz mit ihrem riesigen Angebot erstens schneller zu finden, zweitens wird dort die Ware effizienter bewirtschaftet, und drittens spielt auch der Preis eine Rolle.“ Regionale Plattformen von Händlern im Netz seien gegen diese Macht mehr oder weniger chancenlos.

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Trotzdem müssten sich auch diese Firmen digital optimal aufstellen, denn: „Was der Kunde nicht im Netz findet, findet nicht statt.“ Nowak nennt das Adressbildung. Der Aufwand dafür halte sich in Grenzen, anders als beim Aufbau eines Online-Shops: „Da sind sie schnell bei mehreren Zehntausend Euro und haben unter Umständen nur geringe Erfolgsaussichten.“ Für den Mann von der Handelskammer gibt es über die digitale Adressbildung hinaus nur den einen Weg: „Der Einzelhandel muss sich über eine veränderte Definition der Innenstadt neu erfinden.“ Einkauf als Erlebnis in einer Umgebung mit viel Gastronomie, Kultur, auch Wohnen. Sogenannte Pop-up-Läden, in denen das Angebot ständig wechselt. Oder Showrooms, die von Modemachern genutzt werden, um ihre neue Kollektionen vorzustellen.

Die Bremer City-Initiative, ein Zusammenschluss von 180 Kaufleuten in der Innenstadt, sieht es wie Nowak: "Mit eigenen Verkaufsplattformen kommen der lokale und regionale Einzelhandel gegen Amazon & Co. nicht an", sagt Carolin Reuther, Geschäftsführerin der Organisation. Die Digitalisierung solle im stationären Handel stattdessen dazu genutzt werden, den Service zu verbessern. Dadurch zum Beispiel, dass im Netz ein Schuh oder eine Hose aus dem Laden beim Lieferanten zusätzlich in einer anderen Version angeschaut wird, um anschließend online zu bestellen und die Ware ins Geschäft schicken zu lassen. "Das ist die verlängerte Ladentheke", erklärt Reuther.

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Um solche Chancen zu nutzen, müsse man sie kennen und lernen, mit ihnen umzugehen, sagt die Geschäftsführerin: „Bremen bietet bereits einiges, damit sich die Händler in der digitalen Welt zurechtfinden.“ Allem voran sei das der Digital-Lotse. Er ist ein Ratgeber für einzelne Firmen und Werbegemeinschaften, die in dieser Form Hilfe von neutraler Stelle bekommen, die nicht darauf ist, Betriebssysteme oder Ähnliches zu verkaufen. Einen Digital-Lotsen gibt es auch in Bremerhaven. Das Projekt wird von der Wirtschaftsbehörde gesteuert und finanziert. Es besteht seit einem Jahr.

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