Bremer Wirtschaftsprüfer

„Ich bin nicht der Freund des Mandanten“

Seit Wirecard stehen die Wirtschaftsprüfer wieder im Visier. Wie der Bremer Ulrich Emde den Wirtschaftskrimi und die Aufgabe seiner Branche sieht.
03.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
„Ich bin nicht der Freund des Mandanten“
Von Lisa Boekhoff
„Ich bin nicht der Freund des Mandanten“

Der Fall Wirecard wirft Fragen zur Prüfungsbranche auf: EY hatte die Bilanzen des Finanzdienstleisters kontrolliert.

Peter Kneffel

Zwei Milliarden sind verschwunden. Herr Emde, was haben Sie gedacht, als die Dimensionen des Falls Wirecard deutlich wurden?

Ulrich Emde: Als Wirtschaftsprüfer frage ich mich ständig, wie der Nachweis eines Vermögens stattfindet. Es ist schon ungewöhnlich, dass an einer solch trivialen Ecke wie dem Nachweis von Bankguthaben ein Skandal aufbricht. Das sagt einem Wirtschaftsprüfer aber auch, dass der eigentliche Sachverhalt wahrscheinlich viel komplizierter ist. EY beherrscht das Einmaleins der Wirtschaftsprüfung. Hier hat sich mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Wirtschaftsprüfer sorglos irgendwas vorlegen lassen.

Wie erklären Sie sich dann diesen Wirtschaftskrimi?

Was sicher eine Erklärung sein kann, ist, dass die Kontrollinstanzen bei Wirecard in größerem Umfang nicht funktioniert haben sollen. Der Wirtschaftsprüfer muss sich die Kontrollsysteme zwar anschauen. Das ist naturgemäß aber sehr schwer, denn es geht um sehr komplizierte Prozesse und ihre Wirksamkeit und auch um Seriosität und Integrität. Wir müssen uns zudem klarmachen, dass Wirecard extrem schnell gewachsen ist. Das geht oft damit einher, dass die Innenstrukturen im Unternehmen nicht schnell genug mitwachsen. Und womöglich ist hier noch kriminelle Energie dazugekommen.

Lesen Sie auch

Im Fall von Wirecard gab es aber doch Hinweise, dass etwas nicht stimmt.

Solche Hinweise müssen die Grundhaltung eines Wirtschaftsprüfers auch beeinflussen. EY wird nun in zahlreichen Prozessen nachweisen müssen, dass sie ein hinreichend kritisches Niveau angelegt haben. Das ist aber alles völlig offen. Das werden in einigen Jahren die Gerichte zu entscheiden haben.

So lange könnte es dauern? Das dürfte EY sehr belasten – gar bedrohlich sein. Erste Unternehmen distanzieren sich.

Ich glaube schon, dass ein Risiko besteht. Wir müssen aber unterscheiden zwischen dem Renommeeverlust und juristisch relevantem Schadenersatz. Schadenersatz in Milliardenhöhe, wie es nun durch die Zeitungen geistert, wird nur relevant, wenn EY nachgewiesen werden kann, grob fahrlässig oder sogar vorsätzlich gehandelt zu haben. Beweise dafür sind nicht leicht zu erbringen.

Es gibt ein Rotationsprinzip: Bei börsennotierten Unternehmen müssen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wechseln. Das müsste doch zu einer schnelleren Aufklärung von Missständen führen.

Wir Wirtschaftsprüfer sind der Überzeugung, dass die Europäische Kommission und der deutsche Gesetzgeber das Risiko von Prüferwechseln unterschätzen und die Chance der Rotation überschätzen. Wenn Sie ein Unternehmen zur Prüfung übernehmen, müssen Sie das interne Kontrollsystem vollständig prüfen. Es ist jedenfalls sehr ambitioniert, dies im Rahmen einer Erstprüfung durchzuführen. Im Mittelstand kennen wir unsere meist langjährigen Mandanten dagegen intensiv. Wir bestreiten nicht, dass ein Wirtschaftsprüfer über viele Jahre auch betriebsblind werden kann. Die Nähe und Dauer der Verbindung birgt das Risiko, ein Auge zuzudrücken. Dennoch hat die langjährige Kenntnis der handelnden Menschen und die Kenntnisse über das Funktionieren der Kontrollsysteme einen höheren Wert.

Lesen Sie auch

Wie würden Sie denn das Verhältnis zu den Unternehmen beschreiben? Wenn man sich lange kennt, duzt man sich vielleicht irgendwann, oder?

Das halte ich für eine schwierige Sache. Insbesondere als Wirtschaftsprüfer ist auch im Sprachlichen aus meiner Sicht eine angemessene Distanz zu wahren, die immer klarmacht: Wir sind ein Gegenüber und nicht 'Kumpel'. Ich bin nicht der Freund des Mandanten oder Aufsichtsrats, sondern eine kritische Instanz. Das ist unsere Aufgabe, und das müssen wir ernst nehmen.

Das heißt auch, in den richtigen Momenten Widerstand zu leisten.

Gerade wenn ein Unternehmen in Schwierigkeiten steckt, ist es für den Wirtschaftsprüfer eine Herausforderung, sich richtig zu verhalten. Am Ende ist das eine Charakterfrage. Bin ich in der Lage, eine unangenehme Situation auszustehen? Kann ich dem Druck der Geschäftsführung standhalten? Oder stelle ich meinen wirtschaftlichen Vorteil über meine Seriosität und meinen gesetzlichen Auftrag?

Mussten Sie in Ihrer Laufbahn schon Schlussstriche ziehen?

Ja. Ich war deshalb aber glücklicherweise nie existenziell bedroht. Dazu gibt es auch berufsrechtliche Regeln, dass kein Mandat so wichtig sein darf, dass es das tut. Ein Wirtschaftsprüfer muss immer unabhängig sein und darf nicht am Existenzminimum leben. Sonst könnte er viel zu beweglich in seiner Haltung sein. Es braucht Rückgrat, um ein Testat zu verweigern. Für den Charakter gibt es aber keine Schulung. Wenn Sie das Wirtschaftsprüferexamen machen, werden Ihnen viele Wissensfragen gestellt. Doch ob Sie die innere Haltung besitzen, der Aufgabe gerecht zu werden, ist überhaupt kein Kriterium.

Verstehen Ihre Mandaten immer Ihre Rolle als kritische Instanz?

Die meisten tun das. Einige auch nicht.

Lesen Sie auch

Wie sieht der Wettbewerb in der Branche aus?

Der Prüfermarkt ist ein hart umkämpfter Markt. Die Preise sind oft nicht auskömmlich, und eine Prüfung muss sehr planvoll stattfinden, damit sie nicht mit Verlusten abgeschlossen wird. Es kommt auch vor, dass fehlende Margen in der Prüfung mit attraktiven Beratungsaufträgen kompensiert werden.

Wenn wir auf Ihre Kanzlei schauen: Welche Bedeutung hat denn hier die Beratung?

Im Mittelstand nimmt die Beratung der Unternehmen und der Gesellschafter einen weiten Raum ein. Wir sind Wirtschaftsprüfer und Steuerberater unserer Mandanten, beraten etwa auch Familiengesellschaften bei der Nachfolgeplanung und unterstützen bei vielen betriebswirtschaftlichen Fragestellungen.

Lässt sich ein Wirtschaftsskandal wie Wirecard vermeiden?

Jede Krise führt dazu, dass wir neue gesetzliche Vorschriften bekommen, die angeblich die Qualität der Prüfung erhöhen. Doch sie treffen selten den Kern. Wirecard wird ein ganz außergewöhnliches Ereignis sein – eine Kombination aus vielen Dingen. Es spielt auch der Honorardruck für die Prüfungsgesellschaften eine Rolle, der zulasten der Sorgfalt gehen kann. Eine Honorarordnung könnte den Druck nehmen – trotz aller damit verbundenen Probleme. Die Jahresabschlussprüfung ist aber nicht auf die Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten und kriminellen Machenschaften angelegt. Gleichwohl müssen wir Unregelmäßigkeiten, die während der Prüfung auffallen, adressieren und verfolgen. Ich denke, dass es immer wieder solche Fälle geben wird, weil Menschen ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung für Straftaten missbrauchen. Und dabei gehen sie manchmal so geschickt vor, dass auch ein aufmerksamer Wirtschaftsprüfer getäuscht werden kann.

Info

Zur Person

Ulrich Emde ist Partner der Kanzlei Westprüfung Emde. Das Unternehmen geht auf seinen Großvater zurück. Bremen ist der größte Standort vor Gießen und Kiel. Die Kanzlei berät vor allem den Mittelstand, betreut aber auch international tätige Konzerne.

Info

Zur Sache

„Verhaftet diesen Haufen Krimineller“

Bafin-Präsident Felix Hufeld schließt einen Rücktritt im Zusammenhang mit Kritik an seiner Behörde im Wirecard-Skandal weiterhin aus. Die Münchener Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Wirecard seit 2015 Scheingewinne auswies und ermittelt wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs. Formal war die Bafin nur für einen Teil des Konzerns zuständig: die Wirecard Bank. „Wir haben uns selbstverständlich auch das Unternehmen Wirecard sehr genau angeschaut“, sagt Hufeld. „Wir waren an dieser Stelle nicht blind. Aber wir haben uns zu lange auf die formal korrekten Verfahren verlassen. Mit dem Wissen von heute hätten wir die Staatsanwaltschaft angerufen und hätten gesagt: Verhaftet diesen Haufen Krimineller.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+