Schutz von Risikogruppen

Bremer Wissenschaftler kritisiert Corona-Krisenkommunikation

Bremer Gesundheitsexperten fordern in Pandemie-Zeiten eine aktive Vorbeugung zum Schutz von Risikogruppen anstelle von Drohkulissen. In einer Stellungnahme haben sie ihre Forderungen festgehalten.
23.10.2020, 05:00
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Bremer Wissenschaftler kritisiert Corona-Krisenkommunikation
Von Justus Randt

Während die Corona-Infektionszahlen steigen, wächst auch die Kritik am Vorgehen der Länder und des Bundes. Der Bremer Universitätsprofessor Gerd Glaeske meldet sich gemeinsam mit anderen Gesundheitsexperten in einer „Ad-hoc-Stellungnahme“ zu Wort. Darin fordern sie unter anderem „spezifische zielgruppenorientierte Prävention“ und „moderne Risikokommunikation“, zum Beispiel „regelmäßig eine verständliche Neuanalyse der Situation“.

Stets „nur mit dem erhobenen Zeigefinger“ auf die individuelle Verantwortlichkeit zu verweisen, könne nicht funktionieren, erläutert Glaeske. Das führe zu „Ermüdung, Abwendung und Flucht in falsche Heilslehren“, vor allem „im Zusammenhang mit einer Drohkulisse, die aus den impliziten Versatzstücken ,langandauernder Winter', ,Weihnachten im Lockdown' und ,es könnte für Sie kein Intensivbett mehr frei sein' zusammengesetzt ist“. Disziplin zu erzwingen, indem Ängste geschürt würden, sei kontraproduktiv. „Eine Fortentwicklung und Beachtung dieser grundlegenden Erkenntnisse ist jedoch nicht sichtbar“, kritisiert die Autorengruppe.

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„Natürlich gibt es präventive Notwendigkeiten“, sagt Glaeske, „aber wir wollen nicht nur verbieten, sondern wir wollen auch etwas anbieten.“ Zum Beispiel müssten unter Präventionsaspekten für Jugendliche und junge Erwachsene, die jetzt häufig wegen ihres Partymachens kritisiert würden, Kommunikationsräume geschaffen werden – auch in den Universitäten.

Zur Kommunikation gehöre schließlich auch, den Fragen nachzugehen: „Was können wir für Vorkehrungen treffen, die wir regeln wollen? Statt mit dem Lockdown zu drohen, sollte gesagt werden: Ja, wir wissen, wir haben es noch lange mit der Epidemie zu tun, wir müssen bestimmte Einschränkungen machen, aber wir wollen auch über Veränderungen nachdenken.“ Den Schutz von Risikogruppen in den Mittelpunkt zu rücken, ist eine Forderung der Autoren. Dass dies noch nicht geschehen sei, sei eine „folgenreiche Fehlentscheidung“.

Als Alternative bleibt die Misere

Frühere Erfahrungen, etwa bei der HIV-Bekämpfung, hätten gezeigt, dass allgemeine Vorkehrungen wie Abstandsregeln um eigene Schutzkonzepte für gefährdete Gruppen ergänzt werden müssten. „Als Alternative bleibt sonst nur die Misere, die sich derzeit beobachten lässt: Die allgemeinen Maßnahmen müssen immer weiter verschärft werden (bis zum Lockdown), um dann festzustellen, dass sie keinen Erfolg bringen.“

Wie die Konzentration auf Risikogruppen aussehen soll? Die Expertengruppe hat hier unterschiedliche Institutionen im Blick: Außer um Altenheime gehe es auch um Pflegeheime, Krankenhäuser, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung – "es sind aber auch Volkshochschulen oder andere, es sind die Rehabilitationseinrichtungen, über die haben wir noch gar nichts gehört", sagt Glaeske. "Für Alten- und Pflegeheime zum Beispiel haben wir uns drei Stufen vorgestellt: Schnelltests der Bewohner ein- bis zweimal pro Woche, dann auch für die dort Beschäftigten und zum Dritten auch für Besucher.

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Die Antigentests helfen, Risiken zu erkennen, sie müssen leicht zugänglich sein, der Gesundheitsdienst wäre also gefordert. In den Krankenhäusern ist man sehr viel besser darauf vorbereitet." Man müsse Besuche ermöglichen, fordert Glaeske: "Man kann ja Scheiben aufstellen, wie in Geschäften."

Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) will das so nicht stehen lassen: „Viele der angesprochenen Punkte werden in Bremen bereits umgesetzt", sagt sie. "Der Schutz beispielsweise von Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeeinrichtungen funktioniert aktuell sehr gut, derzeit wirkt sich das konsequente Tragen von FFP2-Masken im Kontakt mit Bewohnerinnen und Bewohnern positiv aus. Darüber hinaus stimmen wir aktuell final den Einsatz der Antigen-Schnelltest in Pflegeeinrichtungen ab."

Bewegungsfreiheit verbessern

Wer von gezieltem Schutz spricht, meint oft die Isolierung von Risikogruppen. Der Bremer Professor sieht das so: „Ich muss den Schutz so organisieren, dass sich die Menschen nicht isoliert fühlen.“ Es müssten Möglichkeiten geschaffen werden, die Bewegungsfreiheit gerade älterer Menschen zu verbessern. „Man muss einsehen, dass es viele psychosoziale Probleme gibt, Vereinsamungsprobleme, dass man sich nicht mehr berühren darf“, sagt Glaeske.

„Man muss das als menschliche Komponente miteinbeziehen und kann nicht nur immer sagen: Es ist meine und deine Verantwortung, ob wir einen Lockdown kriegen. So ist es eben nicht.“ Es gebe auch die Fürsorge- und Vorsorgeverpflichtung des Staates. „Es geht um aktive Prävention, darum, die Möglichkeiten konsequent auszunutzen und sie weiterzuentwickeln, um Risiken besser differenzieren zu können.“

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Natürlich müssten sich Behandelnde schützen, bräuchten „Institutionen, auch Betriebe, einen konsequenten Hygieneplan“, so Glaeske. „Länder und öffentliche Gesundheitsdienste sind leider völlig überfordert. Jetzt hilft die Bundeswehr bei der Verfolgung von Infektionsketten, aber es geht darum, dass man kompetente Menschen anstellt und vernünftig bezahlt.“ Es zeige sich, dass restriktive Regeln wie die Sperrstunde, gegen die auch Bremer Gastronomen klagen, oder das Beherbergungsverbot nicht immer gerichtlichen Überprüfungen standhielten, stellt Glaeske fest. „Ich halte es für gut, dass Bremens Bürgermeister beim Beherbergungsverbot nicht mitgemacht hat.“

Die Gruppe vertrete letztlich "das alte Stufenmodell von Containment-Protection-Mitigation" (Eindämmung, Schutz von Risikogruppen, Folgeminderung), kontert Bernhard. "Das ist der aktuellen Pandemie nicht angemessen, weil sich die Stufen nicht zeitlich trennen lassen.“

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Zur Sache

Experten bilden Autorengruppe

Vier Thesenpapiere hat die Autorengruppe seit April zu Aspekten der Pandemie verfasst, ein fünftes ist in Arbeit. Dessen Schwerpunkt wird „Prävention“ sein. Dort sollen Virologen, aber auch Fachleute der Prävention, der Public Health, Soziologen und Kommunikationswissenschaftler zu Wort kommen. Die Autorinnen und Autoren sind Wissenschaftler, Krankenkassenmanager, Juristen und Mediziner aus Bremen, Berlin, Hamburg und Köln.

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