Biografie eines Besatzungskinds

Bremerhavenerin veröffentlicht persönliche Lebensgeschichte

Renate Tibus wurde 1948 als Besatzungskind geboren, hat mehrere Jahre in Bremen gelebt und als uneheliches Kind Diskriminierung erlebt. Über die Suche nach ihren leiblichen Eltern hat sie ein Buch geschrieben.
18.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremerhavenerin veröffentlicht persönliche Lebensgeschichte
Von Ulrike Troue
Bremerhavenerin veröffentlicht persönliche Lebensgeschichte

Renate Tibus hat ihre Lebens- und damit Leidensgeschichte als Besatzungskind aufgeschrieben und jetzt als Buch veröffentlicht.

Privat

Renate Tibus ist 1948 als sogenanntes Besatzungskind in Bremerhaven geboren. Als Pflegekind habe sie viele Jahre ihres Lebens Ablehnung erfahren und jahrzehntelang nach ihrer leiblichen Familie gesucht, wie sie sagt. Die Frage „Woher komme ich?“ habe sie aufgewühlt. Jetzt hat Renate Tibus ihre Lebensgeschichte in dem Buch „Meine Würde kriegt ihr nicht“ veröffentlicht – und damit auch ein Stück Zeitgeschichte festgehalten.

„Das hat viel Zeit und Kraft gekostet“, sagt die 72-jährige Bremerhavenerin, die von 1994 bis 2005 in Bremen gelebt und als Krankenschwester in der Kinderklinik Links der Weser gearbeitet hat. Es sei ihr ein Bedürfnis gewesen, die vielen Notizen, die sie sich während der aufwendigen Recherche gemacht hat, in eine Textform zu bringen.

Ursprünglich waren die Aufzeichnungen für sie selbst und ihre beiden erwachsenen Söhne gedacht, wie die Bremerhavenerin betont. Auf Anregung aus ihrem Umfeld sei am Ende schließlich ein Buch daraus geworden. Renate Tibus stellt es in Lesungen in Bremerhaven vor und würde dies auch auf Anfrage in Bremen tun (E-Mail: tibusrenate@gmail.com).

Geschichte muss weitergegeben werden

Nicht nur sie sei unter äußerst schwierigen Bedingungen aufgewachsen und habe als uneheliches Pflegekind und Suchende immer um Anerkennung und Würde kämpfen müssen. Mit ihrer Lebensgeschichte möchte die 72-Jährige daher Inkognitopflegekinder und Adoptierte ermutigen, an sich zu glauben und „gegen alle Widerstände für ein selbstbestimmtes Leben“ zu kämpfen.

Geschichte müsse weitergegeben werden. „Wir sind das Gedächtnis dieses Zeitgeschehens“, sagt sie im Namen ihrer Generation und spielt mit ihrer Äußerung auf die Moralvorstellungen in den 1960er- und 1970er-Jahren an. Als uneheliches Kind und Mutter eines unehelichen Sohnes hätten sie und ihr erstes Kind unter vielfältigen Formen der Diskriminierung gelitten. „Der psychische Druck war enorm hoch“, sagt Renate Tibus.

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So berichtet sie unter anderem über den Rauswurf von ihrer Pflegefamilie, als sie mit 17 Jahren schwanger war und in ein Heim für „gefallene“ Mädchen verbannt worden sei. Und sie beschreibt den Kampf um ihren Sohn Michael, als ihr das Jugendamt Adoptiveltern vorgestellt habe, obwohl es für sie nie Thema gewesen sei, ihren 1966 geborenen Sohn abzugeben. In dem erzkatholischen Dorf, in dem sie und ihr Sohn in einem Heim lebten, sei sie aufgrund ihrer Situation nicht einmal bedient worden, nennt die Autorin als weiteres Beispiel für viele Vorfälle von Ablehnung, die teilweise erniedrigend gewesen seien.

Weil man damals erst mit 21 Jahren volljährig gewesen sei, habe sie praktisch nichts zu sagen gehabt, betont Renate Tibus. Trotzdem sei es ihr durch hartes Ringen und mit großer Beharrlichkeit am Ende gelungen, das Heim mit ihrem Sohn zu verlassen. Das eigenständige Leben zu meistern, sei eine weitere Herausforderung gewesen, „wenn man nach all den Jahren in Inobhutnahme plötzlich allein den Alltag bewältigen musste“, erzählt die 72-Jährige.

Unwissenheit über persönliche Herkunft

Sie habe immer gefühlt, dass irgendetwas anders sei in dieser Familie. Und sie habe immer eine unterschwellige Distanz wahrgenommen, sagt die Bremerhavenerin mit Blick auf ihre ersten Lebensjahre. Als Konfirmandin habe sie im Alter von zwölf Jahren von ihren Pflegeeltern erfahren, dass diese sie aus einem Heim zu sich geholt hätten. Die Geschichte ihrer leiblichen Eltern erfuhr sie aber erst später.

Das warf viele Fragen auf. Vor allem die eine: Wenn diese Menschen nicht ihre Eltern waren, wer und wo waren dann ihre leiblichen Eltern? Und: Warum hatten sie ihr Kind weggegeben? Die Unwissenheit über ihre Herkunft habe zu innerer Unruhe geführt und den Wunsch nach Wahrheit genährt, wie sie sagt. Bereits mit 14 Jahren habe sie die Suche nach den leiblichen Eltern aufgenommen. Viel später in ihrem Leben erst erfuhr sie von der Bremer Selbsthilfegruppe „Schattenkind“ und schloss sich ihr an.

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Trotz vieler Sperrvermerke in den Akten puzzelte sich Renate Tibus durch die Lebensgeschichte ihrer Mutter, die sie in Amerika ausfindig machte. Im November 1997 – damals war sie 49 Jahre alt – habe sie zum ersten Mal am Telefon mit ihr gesprochen. Ein kleiner Trost sind Renate Tibus Fotos und das Wissen, dass sie drei leibliche Brüder hat, sowie die wenigen Direktkontakte mit ihrer Mutter am Telefon.

Mit einer intensiven Suche nach ihr hatte Renate Tibus 1996 erneut begonnen, um die vielen Puzzleteile ihrer Recherchen zu ihrer Lebensgeschichte – auch zu ihrem Vater – zusammenzufügen und aufzuschreiben. Sie möchte ihre Erfahrungen an andere erwachsene Adoptiv- und Pflegekinder weitergeben. Aus dem Grund unterstützt sie auch weiterhin die Selbsthilfegruppe „Schattenkind“ als Beraterin.

Info

Zur Sache

Selbsthilfegruppe „Schattenkind“

Inkognitopflegekinder und Adoptierte können sich in Bremen in der Selbsthilfegruppe „Schattenkind“ austauschen und dort Unterstützung bei der Suche nach ihrer Herkunftsfamilie finden. Näheres steht im Internet unter www.schattenkind-bremen.de. Alle Adoptierten ab 16 Jahre haben ein Recht auf Einsicht in ihre Adoptionsakte bei der Bremer Adoptionsstelle, der als zentralen Fachdienst zum Amt für Soziale Dienste gehört. Die Adoptionsstelle ist unter Telefon 36 11 84 44 zu erreichen. Im Archiv befinden sich Adoptionsakten ab Jahrgang 1960. Jüngere Kinder und Jugendliche benötigen die Erlaubnis ihrer (Adoptiv-)Eltern, wenn sie Akteneinsicht nehmen wollen.

Weitere Informationen

Das 336 Seiten umfassende Buch „Meine Würde kriegt ihr nicht“ ist zum Preis von zwölf Euro im Buchhandel erhältlich.

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