Lernort für eine bessere Welt

Bremerin will ein soziales Projekt in Indien bekannter machen

Im Institut „Kanthari“ in Indien werden Menschen qualifiziert, die in ihrem Heimatland ein Projekt für den sozialen Wandel umsetzen wollen. Jutta Matzantke aus Bremen hat es besucht und ist beeindruckt.
26.05.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremerin will ein soziales Projekt in Indien bekannter machen
Von Ulrike Troue
Bremerin will ein soziales Projekt in Indien bekannter machen

Der Besuch des „Kanthari“-Instituts in Südindien im vergangenen Herbst hat die Bremerin Jutta Matzantke schwer beeindruckt. „Das ist Hilfe zur Selbsthilfe“, kommentiert sie das siebenmonatige Trainingsprogramm, bei dem marginalisierte Menschen dazu befähigt werden, eigene Ideen für eine bessere Welt umzusetzen.

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Nach ihrer Reise nach Südindien im vergangenen Herbst ist es für Jutta Matzantke eine Herzensangelegenheit und ein Bedürfnis das Projekt „Kanthari“ in Bremen und dem norddeutschen Umland bekannter zu machen. „Das ist Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt sie nach ihrem Besuch des von Sabriye Tenberken und Paul Kronenberg aufgebauten Ausbildungscampus in Thiruvananthapuram im Bundesstaat Kerala.

Dort bietet das Paar Menschen aus aller Welt, die aus sozialen Randgruppen stammen, ein siebenmonatiges Trainingsprogramm an. Ihr Ziel für „Kanthari“ ist, das Potenzial marginalisierter Menschen zu wecken, sie weiter zu entwickeln, zu stärken und aus ihnen „Social Leaders“ für eine bessere Welt zu machen.

Denn nach Abschluss der Ausbildung sollen die Absolventen eigenverantwortlich in ihren Heimatländern ihre eigenen Projektideen umsetzen und andere dafür begeistern. „Kanthari ist aus dem Grund sehr darauf bedacht, den Teilnehmern nur das Werkzeug zur Lösungsfindung an die Hand zu geben. Den Weg müssen und sollen sie selber finden und gehen“, heißt es dazu auf der Website.

Persönlich betroffen

Das Trainingsprogramm basiert auf Stipendien. Die Aufnahmevoraussetzung ist nach Aussage der gebürtigen Deutschen Sabriye Tenberken, dass die Bewerber ein soziales Projekt im Kopf entwickelt haben, für das sie „brennen“ und auch eine stabile psychische Gesundheit vorweisen können. Einige von ihnen haben einen Universitätsabschluss, andere wenig formale Bildung und manche eine körperliche Behinderung. Doch eins eint die angehenden „Social Change Makers“: Sie engagieren sich aus persönlicher Betroffenheit.

Carolina Ortiz Ardaya (41) aus Bolivien zum Beispiel setzt sich aufgrund ihrer schweren häuslichen Missbrauchserfahrung heute dafür ein, dass Frauen aus einkommensschwachen Schichten eine bessere Bildung bekommen und beruflich qualifiziert werden, um wirtschaftlich unabhängiger zu sein.

Zu den „Kanthari“-Absolventen aus 2019 gehört ebenso der 32-jährige Yasinto Oyat aus Uganda. Der Bürgerkrieg in seinem Heimatland führte dazu, dass viele Kinder ihre Eltern verloren. Nun will Yasinto eine Berufsausbildung anbieten, um jungen Waisen moderne Techniken zum Recycling von Altmetall zu hochwertigen, marktfähigen Produkten wie Kochtöpfen, Toranlagen und Ventilatoren zu vermitteln.

Über 130 Projekte in elf Jahren

In den nunmehr elf Jahren seit der Gründung von „Kanthari“ seien auf Initiative der 226 Absolventen aus 48 Ländern schon 130 Projekte in ganz unterschiedlichen Bereichen entstanden, berichtet Jutta Matzantke. Die Bremerin reist seit 1982 regelmäßig für längere Aufenthalte nach Indien. Als sie im vergangenen Jahr wieder dort war, hat sie von ihrer Schwägerin von „Kanthari“ erfahren, die dem Förderkreis angehört und in der Nähe von Bonn lebt. „Das hat mich neugierig gemacht“, erzählt Jutta Matzantke, nahm daraufhin Kontakt auf und machte sich auf den Weg zum „Kanthari“-Institut.

„Was ich dort vorfand, hätte ich nicht in Traum erwartet“, sagt die Bremerin. Die angenehme Atmosphäre auf dem umweltfreundlich gestalteten Campus, das Konzept und die Authentizität der beiden Initiatoren, die sie bei ihrer persönlichen Begegnung als bodenständig erlebt hat, haben Jutta Matzantke beeindruckt und begeistert. „Alles ist von A bis Z gut durchdacht,“ sagt sie. Das Projekt „übt eine Faszination auf mich aus.“

Traumwerkstatt von Kerala

Im persönlichen Gespräch mit Sabriye Tenberken erfuhr die Bremerin, dass diese mit zwölf Jahren völlig erblindet ist. Nach dem ­Abitur studierte sie Zentral-Asien-Wissenschaften an der Uni in Bonn. Dafür entwickelte die blinde junge Frau die tibetische Blindenschrift als eigene Methode, die es bis dahin noch nicht gab, um das Studium zu schaffen. Im Sommer 1997 reiste Tenberken erstmals ohne sehende Begleitung nach Tibet. Sie interessierte die Lebensbedingungen blinder Menschen im tibetisch-sprachigen Raum.

Mit dem gebürtigen Holländer Paul Kronenberg gründete die Deutsche 1998 in Tibet eine Schule für Blinde und sehbehinderte Kinder, eröffnete später eine Farm als Rehabilitations- und Trainingszentrum in Lhasa und danach eine berufsausbildende Trainingsfarm in Shigatse. 2005 gründeten die beiden Visionäre das „Kanthari“-Institut. Den Alltag dort beschreibt Sabriye Tenberken nach Ansicht von Jutta Matzantke wunderbar in ihrem Buch „Die Traumwerkstatt von Kerala”. Wegen der in Kerala gültigen Ausgangssperre und weiterer starker Einschränkungen durch die Corona-Pandemie mussten die „Kanthari“-Gründer den nächsten Trainingskurs auf unbestimmte Zeit verschieben.

Aufklärungskampagne in Gebärdensprache

Sie beschäftigen sich stattdessen mit der Koordination der „Kanthari“-Nothilfe, veröffentlichen ferner täglich Blog-Posts darüber, wie Corona das Leben von „Kantharis“ und deren Communities weltweit beeinflusst. Auch die Absolventen haben demnach ihre normalen Aktivitäten eingestellt und engagieren sich teilweise anders: Faruk Musema aus Uganda arbeitet normalerweise im Behinderten-Sport, verstärkt mit Gehörlosen. Er spricht die lokale Gebärdensprache und erkannte schnell, dass viele Gehörlose von der Verbreitung der Krisenbotschaften ausgeschlossen waren.

Er sorgt nun für eine Aufklärungskampagne in Gebärdensprache und achtet darauf, dass die Gehörlosen selbst zu Botschaftern werden. Als „Kanthari“-Botschafterin versteht sich auch Jutta Matzantke aus dem Peterswerder. Sie wünscht sich, weitere Fördervereinsmitglieder zu gewinnen. Ihre nächste Reise nach Indien hat sie für Ende Oktober geplant. Jutta Matzantke hofft, dass sie Sabriye Tenberken und Paul Kronenberg vielleicht schon von weiteren Bremer Mitstreitern berichten kann.

Weitere Informationen

Nähere Informationen über „Kanthari“ gibt es online unter https://www.kanthari.de.

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