Lesebotschafterin Ulrike Hövelmann

Bremerin erhält Bundesverdienstkreuz

Ulrike Hövelmann war Lehrerin und Bürgerschaftsabgeordnete. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Kindern das Lesen näher zu bringen. Dafür bekommt sie nun das Bundesverdienstkreuz verliehen.
28.08.2016, 00:00
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Bremerin erhält Bundesverdienstkreuz
Von Alice Echtermann
Bremerin erhält Bundesverdienstkreuz

Ulrike Hövelmann mit den lesenden Stadtmusikanten – dem Symbol der Leselust, mit dem sie schon die Welt bereist hat.

Frank Thomas Koch

Ulrike Hövelmann war Lehrerin und Bürgerschaftsabgeordnete, sie ist um die Welt gereist und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Kindern das Lesen näher zu bringen. Dafür bekommt sie nun das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Ulrike Hövelmann wurde nie eingeschult. Sie war Lehrerin und Bürgerschaftsabgeordnete, sie ist um die Welt gereist und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Kindern das Lesen näher zu bringen – aber eine eigene Schultüte bekam sie nie.

„Ich habe mich in die Schule reingeschlichen“, sagt die 62-Jährige. „Ich wollte unbedingt zur Schule gehen. Wenn Bine das durfte, warum dann ich nicht?“ Bine, Sabine, ist Ulrike Hövelmanns ein Jahr ältere Schwester. Jeden Tag ging die fünfjährige Ulrike einfach mit ihr in die Schule, bis es dem Schulleiter zu bunt wurde und er sie für eingeschult erklärte.

„Ich war schon immer so“, sagt Hövelmann und schmunzelt. „Ich bin immer schon quirliger und draufgängerischer gewesen.“ Sie sitzt in dem blühenden Garten hinter ihrem Reihenhaus in Schwachhausen und erzählt ihre Lebensgeschichte. Was gar nicht so einfach ist, bei den vielen Dingen, die die Bremerin schon erlebt und gemacht hat.

Im Mittelpunkt steht der Verein Bremer Leselust, ein Projekt, das Hövelmann 2003 gründete und das heute ein fester Bestandteil der Bremer Lesekultur ist, mit Vorleseaktionen, prominenten Lesebotschaftern, Wettbewerben und Buchspenden. Ein Engagement, für das ihr am 4. Oktober das Bundesverdienstkreuz auf Schloss Bellevue verliehen wird.

Pisa-Ergebnisse waren der Anfang

„Angefangen hat alles mit den Pisa-Ergebnissen 2002“, erzählt Hövelmann. „Die waren ja grottig.“ Die Nachricht erreichte sie, als sie gerade im Urlaub mit ihrer Familie an der Ostsee war. Jeden Abend hatte sie dort ihren zwei Kindern vorgelesen, wie immer. Als sie von der zurückgegangenen Lesekompetenz der Kinder bundesweit erfuhr, dachte sie, man müsste etwas tun, um das Lesen wieder populärer zu machen.

Solche Forderungen seien damals fast schon als Marotte angesehen worden, erinnert sie sich. Die Erkenntnis, dass es ein Problem gibt, hatte sich noch nicht durchgesetzt. Doch Ulrike Hövelmann kann die Wichtigkeit des Lesens nicht oft genug betonen: „Das sinnentnehmende Lesen ist die Schlüsselkompetenz, sonst versteht man auch keine Matheaufgabe, keinen Beipackzettel, keine Gebrauchsanweisung für Facebook.“

"Einfach machen, nicht nur sabbeln"

Also wollte sie aktiv werden, und nicht nur eine schöne Rede im Parlament halten – obwohl sie das als damalige bildungspolitische Sprecherin der SPD natürlich auch tat. „Natürlich kannst du sagen, die Eltern müssen sich mehr kümmern, die Lehrer versagen und die Kinder sitzen immer nur noch vor der Glotze. Aber man muss auch selbst was tun“, sagt sie. Dieses „einfach machen, nicht nur sabbeln“ ist ein wichtiger Antrieb in Ulrike Hövelmanns Leben.

Sie organisierte also die „Vorlesezeit“, den Vorläufer der Bremer Leselust. Etwa zwei Wochen dauerte die Aktion in der Vorweihnachtszeit 2002, für die sie unter anderen den gesamten Senat gewann. Die Lesebotschafter packten Bücherpakete für Grundschulen, auch Bürgermeister Hartmut Perschau war dabei. „Das alles war immer überparteilich“, betont Hövelmann.

Ohnehin habe sie als Abgeordnete stets inhaltlich gearbeitet. „Ich habe nicht gekungelt. Ich hab immer meine Arbeit gemacht, Vorlagen ordentlich gelesen, das war ich so gewohnt.“ Eigentlich wollte sie nach der Aktion nicht weitermachen, ließ sich aber überreden. So entstand die Bremer Leselust.

Die Rentnerin arbeitet immer noch für den Verein

Heute ist Ulrike Hövelmann Rentnerin und verbringt etwa zwei bis drei Tage in der Woche mit ihrer Arbeit für den Verein. Früher, gerade in der Anfangsphase, arbeitete sie oft die Nächte für die Bremer Leselust durch. „Mein Mann kam dann abends oder spät nachts an: Bist du wieder leselustig?“, erzählt die 62-Jährige.

„Projektskizzen oder Ideen fallen nicht vom Himmel.“ Die ganze Arbeit mache sie allein. Ihr Verein hat nur 12 Mitglieder, bekannte Bremer, die ihren Namen beisteuern und für die guten Beziehungen in alle Bereiche des öffentlichen Lebens in Bremen sorgen.

Identifikation ist wichtig, weiß Ulrike Hövelmann. „Wenn ich Jugendliche für das Lesen begeistern will, brauche ich Vorbilder und Idole.“ Deshalb arbeite sie auch eng mit Werder Bremen zusammen. Das Markenzeichen der Bremer Leselust sind die Stadtmusikanten – dafür hat sie viele große, bunte Figuren anfertigen lassen.

In Shanghai leitete Hövelmann den Bremer Stand

Eine davon steht vor der Bürgerschaft, andere waren bereits auf Reisen in der ganzen Welt. Bei der Weltausstellung 2010 in Shanghai leitete Hövelmann den Bremer Stand. Die lesenden Stadtmusikanten seien dort nach dem Walking Act von Bayern das beliebteste Fotomotiv gewesen – noch vor der Bank mit den Gartenzwergen aus Thüringen, betont sie.

Der wirksamste Weg, Kinder zum Lesen zu bringen, ist für Ulrike Hövelmann aber immer noch das Vorlesen der Eltern. Sie habe es mit ihren Kindern so gemacht und dürfe das Ganze nun mit ihren Enkelkindern noch einmal erleben. „Vorlesen ist das Heranführen und das Ritualisieren“, sagt Hövelmann. Und: Auch der Papa müsse vorlesen, denn gerade Jungs seien ein Problemfeld beim Lesen.

Wenn man sich in Hövelmanns Haus und ihrem Garten umschaut, wo überall Spielzeug liegt und Kindermöbel stehen, braucht sie das Offensichtliche eigentlich gar nicht mehr auszusprechen: „Ich mag Kinder sehr.“ Oft habe sie darüber nachgedacht, mit der Bremer Leselust aufzuhören. Aber immer wieder stelle sie fest, dass es ihr zu viel Freude mache.

An neuen Aufgaben mangelt es nicht

„Das klingt irgendwie kitschig, aber es ist so: Gestern habe ich wieder so einen kleinen, süßen Dreijährigen getroffen, mit großen Augen und langen Wimpern. Ich meine, da muss man sich doch drum kümmern, oder?“, sagt sie und ihre Stimme, sonst leicht rau und resolut, wird ganz weich. „Das finde ich wirklich.“

An neuen Aufgaben mangelt es nicht. Gerade richtet Ulrike Hövelmann unter anderem Spiel- und Lesezimmer in Flüchtlingsunterkünften ein.

„Weil ich der Überzeugung bin: Wenn es den Kindern da nicht gut geht, geht es unseren Kindern und Enkelkindern auch nicht gut. Das ist etwas, was man machen muss.“ Sie selbst liest gar nicht mehr so viel. Den Krimi, den sie im Urlaub angefangen hat, hat sie immer noch nicht durchgelesen. „Aber lesen Sie mal das Buch ‚Das achte Leben‘“, sagt sie. „Es hat ungefähr 1200 Seiten, aber das macht nichts – es ist grandios. Es gibt so viele gute Bücher.“

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