Vier Jahre nach EHEC Bremerin leidet an Spätfolgen und sucht weitere Betroffene

Im Frühsommer 2011 wird eine besonders aggressive Variante des Darmkeims EHEC, zu einer lebensbedrohlichen Gefahr. Unter den Patienten ist auch Carola Ernst (Name geändert). Sie leidet noch heute unter den Spätfolgen.
01.06.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremerin leidet an Spätfolgen und sucht weitere Betroffene
Von Sabine Doll

Fast auf den Tag genau sind es vier Jahre her. Carola Ernst (Name geändert) ist mit einer Freundin in Hamburg unterwegs. Die Sonne scheint, es ist warm, die beiden Frauen genießen ihren Wochenendausflug. Als sie Appetit bekommen, essen sie einen Bagel.

Mit Frischkäse, Salat und Sprossen drauf. „Vermutlich war das der Moment“, sagt die 50-Jährige. Der Moment, als sie sich mit EHEC infiziert. Wie sich später herausstellt, sollen verunreinigte Sprossen ein Auslöser für den EHEC-Ausbruch gewesen sein.

Im Frühsommer 2011 wird eine besonders aggressive Variante des Darmkeims Enterohämorrhagische Escherichia coli, kurz: EHEC, zu einer lebensbedrohlichen Gefahr. Vor allem die norddeutschen Bundesländer, darunter auch Bremen und das Umland, sind von dem Ausbruch betroffen.

Der Erreger taucht wie aus dem Nichts auf, innerhalb weniger Tage werden immer mehr Menschen auf die Intensivstationen der Krankenhäuser eingeliefert. Sie haben schmerzhafte Bauchkrämpfe, Übelkeit, Durchfall mit Blut im Stuhl, bei vielen von ihnen verschlechtert sich die Situation in nur wenigen Stunden. Sie entwickeln eine lebensgefährliche Komplikation, das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS). Die Folgen: akutes Nierenversagen, neurologische Störungen, kiloschwere Wassereinlagerungen, Krampfanfälle im ganzen Körper.

Drei Wochen auf der Intensivstation

Carola Ernst gehört zu ihnen. Zwei Tage nach dem Wochenendausflug wacht sie nachts mit extrem schmerzhaften Bauchkrämpfen auf. Ihr ist übel, sie muss sich übergeben und hat Durchfall, der den ganzen Tag anhält. Noch gehen sie und ihr Hausarzt von einer mehr oder weniger üblichen Darminfektion aus, die dieses Mal einfach schlimmer ausfällt. „Als ich bemerkte, dass ich Blut im Stuhl habe, ging alles ganz schnell“, erzählt die 50-Jährige. Sie wird in die Notfallambulanz eines Bremer Krankenhauses eingeliefert – und ist dort nicht die einzige mit diesen Symptomen.

„Neben mir saßen mehrere Patienten mit den gleichen Beschwerden.“ Die Ärzte stellen nach einer Laboruntersuchung fest: Carola Ernst hat sich mit EHEC infiziert. Und nicht nur das: Sie hat die lebensbedrohliche HUS-Komplikation entwickelt. Die Bremerin wird von Minute zu Minute immer schlapper, ihr wird schwindelig, sie ist kaum noch bei Bewusstsein, im Körper kommt es zu enormen Wasseransammlungen. Hunderte Patienten erleiden in diesem Frühsommer das gleiche Schicksal.

Carola Ernst wird auf die Intensivstation verlegt. Weil die HUS-Erkrankung die Nieren schädigt, erhält sie regelmäßig eine Dialyse, wobei das Blut von Abfallstoffen gereinigt wird. Die Nieren selbst sind dazu nicht mehr in der Lage. „Von der Zeit auf der Intensivstation habe ich kaum etwas mitbekommen“, sagt die 50-Jährige. „Ich konnte kaum sprechen, war nicht wirklich anwesend, hatte regelrechte Verwirrtheitszustände. Mir ging es einfach extrem schlecht.“

Eines der Bremer Krankenhäuser, in denen EHEC- und HUS-Patienten im Frühsommer 2011 behandelt werden, ist das Rote Kreuz Krankenhaus (RKK) in der Neustadt. „Wir hatten 14 Patienten mit einer gesicherten EHEC-Diagnose“, sagt Professor Stefan Herget-Rosenthal, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Medizinischen Klinik in dem Krankenhaus. „Zehn von ihnen haben HUS entwickelt.“

Das Ungewöhnliche an dem EHEC-Ausbruch war nicht nur die viel größere Zahl an Erkrankten als in anderen Jahren: „Normalerweise sind Säuglinge, Kleinkinder und abwehrgeschwächte Menschen betroffen. Dieses Mal waren es junge, gesunde Menschen, die innerhalb kürzester Zeit zu Schwerkranken wurden“, sagt der Nierenspezialist. Ärzte und Pflegekräfte arbeiten in dieser Zeit rund um die Uhr auf der Intensivstation. „Das waren teilweise sehr belastende und unerträgliche Momente, wenn man mit ansehen musste, in welch lebensbedrohlichen Zuständen sich die Patienten befanden.“

Zu den schweren Verläufen ist es laut dem Bremer Arzt gekommen, weil es sich bei diesem EHEC-Erreger um eine besonders aggressive Variante des Darmkeims handelte. „Seine Giftstoffe haben unter anderem die kleinsten Blutgefäße angegriffen und zerstört.“ Eine medikamentöse Therapie gab es nicht, nur die Symptome konnten behandelt werden. Neben Nierenschäden litten die Patienten auch an neurologischen Störungen.

Nervenschäden in den Beinen

Carola Ernst hat die schwere Erkrankung überstanden, nach drei Wochen kann sie das Krankenhaus verlassen. Neun Monate dauert es, bis sie wieder arbeiten kann. Zwei Reha-Aufenthalte liegen dazwischen. Langsam geht es ihr besser, doch ihr Körper ist nicht mehr so belastbar wie vorher. „Ich war immer ein sehr sportlicher Mensch, bin zehn bis zwölf Kilometer am Tag gejoggt, stundenlang mit dem Hund spazierengegangen“, sagt die 50-Jährige. Das geht nach der Erkrankung nicht mehr, sie schafft nur noch die Hälfte des Pensums. „Daran habe ich mich im Lauf der Zeit irgendwie gewöhnt, es akzeptiert“, sagt sie. Doch im Herbst vergangenen Jahres verschlechtert sich die Situation erneut.

Bei einfachen körperlichen Belastungen wird ihr schlecht, die Beine fühlen sich wie Gummi an, sie kann kaum gehen oder Autofahren. Ihr Körper beginnt zu zittern. Carola Ernst geht zu mehreren Ärzten, irgendwann wird eine Nervenschädigung in den Beinen festgestellt. Die Nierenwerte befinden sich zum Glück im Normalbereich. Es wird klar: Die 50-Jährige leidet an den Spätfolgen der EHEC-Erkrankung. Arbeiten kann sie derzeit nicht.

Sie beginnt, im Internet nach Zentren an Kliniken zu suchen, die sich damit beschäftigen. Sie sucht eine Anlaufstelle für Patienten wie sie. Wo man Erfahrung damit hat, was auf die EHEC- und HUS-Patienten zukommen und wie sie behandelt werden können. Und sie ist auf der Suche nach Menschen, die das gleiche wie sie durchgemacht haben. „Einfach, um sich auszutauschen über die Erfahrungen, die man damals gemacht hat und wie damit umgehen kann. Dazu gehört auch, Adressen von Ärzten, die sich darauf spezialisiert haben, auszutauschen“, sagt die 50-Jährige.

Kein Online-Forum für Betroffene

Viel hat sie im Internet darüber gelesen, dass Spätfolgen auftreten können, aber nirgendwo hat sie ein Online-Forum oder ähnliches von Betroffenen gefunden. „Irgendwo im norddeutschen Raum muss es diese Menschen geben, denn hier war ja das Zentrum des EHEC-Ausbruchs. Ich will gar keine Selbsthilfegruppe oder so etwas gründen, mir geht es nur darum, Kontakt zu anderen ehemaligen Patienten zu bekommen.“

Mit dieser Hoffnung hat sich Carola Peters an das Netzwerk Selbsthilfe in Bremen gewandt. Menschen, die ebenfalls an EHEC und HUS erkrankt waren, können sich dort unter der Telefonnummer 0421 / 49 88 634 wenden.

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