Interview mit Fraktionschefin der Bremer FDP

Lencke Wischhusen und ihre Erfahrungen als junge Mutter in der Politik

Lencke Wischhusen ist seit fünf Jahren FDP-Fraktionsvorsitzende in der Bürgerschaft und seit fünf Monaten Mutter. Im Interview berichtet sie, wie sie Mutterschaft und Mandat unter einen Hut bekommt.
12.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Lencke Wischhusen und ihre Erfahrungen als junge Mutter in der Politik
Von Silke Hellwig
Lencke Wischhusen und ihre Erfahrungen als junge Mutter in der Politik

Lencke Wischhusen ist im Mai Mutter geworden. Marielle begleitet sie auch ins Parlament.

Frank Thomas Koch

Frau Wischhusen, ist die Mutterschaft als Politikerin anspruchsvoller, als Sie gedacht haben?

Lencke Wischhusen : Ja, das muss ich sagen. Zur Wahrheit gehört, dass ich – bevor ich Mutter wurde – dachte, ich wäre eine Karrierefrau, die kein Problem damit hat, ihr Kind mit drei Monaten zur Betreuung abzugeben, und sich weiter in die Arbeit stürzt. Aber ich bin Mama durch und durch. Meine Prioritäten haben sich grundlegend verschoben. Erst kommt Marielle, dann kommt alles andere. Das heißt, ich habe eine 24-Stunden-Aufgabe als Mutter und die Vollzeitarbeit als Fraktionsvorsitzende. Das ist schon eine Herausforderung.

Wie schaffen Sie das? Sie sind ziemlich zügig nach der Geburt wieder ins politische Geschäft eingestiegen.

Mir blieb im Grund nichts anderes übrig. Ich habe bis zum letzten Tag vor der Geburt gearbeitet. Es gibt für Abgeordnete nicht den gesetzlichen Mutterschutz von acht Wochen nach der Geburt. Dankenswerterweise habe ich ein super Team in der Fraktion, auf das ich mich stützen und verlassen kann, sonst hätte das alles nicht funktioniert. Was ich lernen musste, ist mich frei zu machen, von dem gesellschaftlichen Druck, der auf einem lastet.

Ich musste feststellen: Wie ich es mache, mache ich es falsch. Es gibt immer jemanden, der irgendetwas an meiner Art des Umgangs mit meinem Kind auszusetzen hat. Ich glaube, das kennt jede Mutter, auch ohne politischen Hintergrund. Das darf man sich keinesfalls zu Herzen nehmen, sondern muss am selbst gewählten Weg festhalten.

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Sie dürfen Ihre Tochter mit ins Parlament und den Plenarsaal bringen. Andernorts wurden Mütter mit ihren Kindern des Saales verwiesen, weil es gegen die Geschäftsordnung verstößt.

Unsere Satzung sieht auch nicht vor, dass Mütter mit ihren Säuglingen im Plenarsaal Debatten verfolgen. Aber wir haben ein sehr kollegiales Parlament mit einem tollen Vorstand und in Frank Imhoff einen großartigen Präsidenten, der das alles sehr entspannt sieht. Ich fühle mich unterstützt, auch von den Kollegen in anderen Fraktionen. Es ist klar, dass wir den Saal verlassen müssen, wenn Marielle herumquiekt und -quengelt, aber ansonsten stört sich keiner daran, dass mich meine Tochter begleitet.

Sie haben Ihr Kind bei einer Rede auf dem Arm gehalten . . .

Das war ein Versehen. Ich war bei dem Thema so engagiert, dass ich mich zu Wort gemeldet habe und mir erst auf dem Weg zum Rednerpult bewusst wurde, dass ich Marielle noch auf dem Arm habe. Aber sonst gebe ich das Kind ab, wenn ich rede. Auf wichtige Debatten muss man sich konzentrieren können, man muss schnell reagieren und auf die Argumente der anderen Redner eingehen können. Dann übernimmt jemand aus dem Team mein Kind. Manchmal kommt auch meine Mutter und geht mit Marielle spazieren.

Ist das „Großmutter Jutta (71)“, wie die „Bild“-Zeitung schreibt?

Ja, ganz genau. Manchmal unterstützt mich auch meine Tante Marita. Ich habe da schon sehr großes Glück mit der Unterstützung durch meine Familie, obwohl Marielles Vater die Woche über nicht in Bremen ist.

Insgesamt klingt das relativ entspannt. Ist es so?

Die Mutterschaft ist für mich ein unfassbares Glück. Ich habe es mir so ausgesucht, ich will nicht mit der Politik aufhören. Ich habe also keinen Grund, mich zu beschweren. Allerdings fordert es bisweilen, beiden Aufgaben gerecht zu werden: Im Plenarsaal zum Beispiel sitzt man mit Kind ständig wie auf heißen Kohlen. Man ist ziemlich angespannt, weil man jede Sekunde befürchtet, dass das Kind stören könnte.

Wollen Sie erneut für ein Mandat im Bundestag kandidieren wie vor drei Jahren?

Nein. Das ziehe ich gar nicht erst in Erwägung. Dieses Mal müssen andere ran und haben die Chance, ihr Gesicht bekannt zu machen und für Bremen zu werben.

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Was halten Sie von einer Elternzeit für Abgeordnete, wie es sie für Parlamentarierinnen und Parlamentarier im Landtag Baden-Württemberg gibt?

Ich bin in dieser Frage hin- und hergerissen. Einerseits glaube ich, dass wir etwas dafür tun müssen, Politik für junge Frauen und junge Mütter attraktiv zu machen. Andererseits können die Wähler erwarten, dass man sich der Aufgabe als gewählte Abgeordnete ganz stellt. Denkbar wäre ein erweiterter Mutterschutz von drei Monaten. Das wäre bei einer Wahlperiode von vier Jahren, wie sie in Bremen gilt, vertretbar und würde jungen Müttern schon sehr entgegenkommen, um sich an die komplett neuen Lebensumstände zu gewöhnen.

Setzen Sie sich politisch dafür ein?

Ich würde das gerne gemeinsam mit den anderen Fraktionen angehen und kann mir vorstellen, dass wir die Geschäftsordnung und das Abgeordnetengesetz familienfreundlicher gestalten.

Es gibt relativ wenige junge Mütter in der Bürgerschaft. Liegt das an den Rahmenbedingungen?

Manche junge Frauen bemühen sich sicherlich nicht um einen Sitz im Parlament, weil sie nicht wissen, wie sie Mutterschaft und Mandat unter einen Hut bringen sollen. Dazu kommt, dass das politische Interesse vielleicht da ist, aber im persönlichen Ranking oft erst nach dem Beruf und der Familie kommt. Das heißt, dass sich viele Frauen erst politisch einmischen, wenn die Kinder größer sind. Ich finde, Politik muss für Frauen, junge Frauen, junge Mütter, aber auch Väter attraktiver werden. Wenn ich einen Beitrag dazu leiste, zu zeigen, dass es durchaus möglich ist, das eine mit dem anderen zu vereinen, würde mich das sehr freuen.

Schon bevor Sie Mutter wurden, haben Sie sich für Rechte von Müttern eingesetzt. Wird sich Ihre politische Arbeit verändern, weil Sie nun auch praktische Erfahrungen sammeln?

Der Blickwinkel verändert sich. Der Anspruch, in Generationen zu denken, den ich schon aus unserem Familienunternehmen kenne, hat quasi ein Gesicht bekommen – das meiner Tochter. Das Thema Bildung war mir vorher schon wichtig, aber jetzt hat es noch direkter etwas mit mir, mit uns zu tun.

Das heißt, Sie stehen der amtierenden Regierung noch kritischer gegenüber?

Auf jeden Fall werde ich mich noch mehr für die entsprechenden Themen engagieren und nicht müde werden, Verbesserungen einzufordern.

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Ihre Tochter wird eventuell eine bremische Schule besuchen . . .

Ein wunder Punkt! Marielle soll mal beste Bildung genießen dürfen, und das sieht in Bremen eher schwierig aus.

Haben Sie sie schon bei Ihrer Wunsch-Kita angemeldet, um sicher zu gehen, dass sie einen Platz bekommt?

Nein, noch nicht. Aber ich denke regelmäßig daran, dass ich mich darum bald mal kümmern sollte. Aber da ich mir momentan nicht vorstellen kann, sie überhaupt in fremde Hände zu geben, verdränge ich diese Frage zurzeit noch.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Lencke Wischhusen (35) ist seit Juni 2015 FDP-Fraktionsvorsitzende in der Bürgerschaft. Die Diplom-Kauffrau ist Mitglied des FDP-Bundesvorstands, war Geschäftsführerin des Familienunternehmens W-Pack und gehörte zum Team der TV-Show „Höhle der Löwen“.

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