Kritik an Polizei

Bremerin löst Debatte über Umgang mit Hass im Netz aus

Eine Bremerin geht zur Polizei, weil sie eine anonyme Morddrohung erhalten haben soll. Doch von dem Beamten fühlt sie sich nicht ernst genommen – und löst damit eine Debatte aus.
21.01.2020, 19:32
Lesedauer: 4 Min
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Bremerin löst Debatte über Umgang mit Hass im Netz aus
Von Carolin Henkenberens
Bremerin löst Debatte über Umgang mit Hass im Netz aus

Der Tweet einer Bremerin sorgt derzeit für viele Reaktionen. Darin kritisiert Janin die Polizei, von der sie sich nach einer Anzeige nicht ernst genommen fühlte. (Symbolbild)

Franziska Gabbert/dpa-tmn

Eine junge Bremerin ist nach eigenen Angaben im Internet bedroht worden und wandte sich daraufhin an die Polizei. Doch sie fühlt sich vom zuständigen Beamten nicht ernst genommen, macht ihre Erlebnisse im Netz öffentlich – und löst damit Kritik an der Bremer Polizei aus. Die Behörde will nun ihre Prozesse bei der Anzeigenaufnahme von Straftaten im Internet überprüfen. Auch die Politik hat sich mittlerweile eingeschaltet.

Am Samstag sitzt Janin, deren voller Name der Redaktion bekannt ist, vor ihrem Computer. Die junge Frau ist eine sogenannte Streamerin. Das bedeutet: Sie zeigt ihrem Publikum in Live-Videos über die Internetplattform „Twitch“, wie sie Computerspiele spielt. Sie verdient damit, so erzählt sie, auch ein bisschen Geld. Am Wochenende hat sie nach eigenen Angaben ein Fantasy-Rollenspiel gespielt, als sie über den Chat folgende Nachricht eines anderen Internetnutzers erreicht: „Ich habe deine Adresse und werde dich vergewaltigen und anschließend in der Badewanne ertränken“, schreibt der oder die Unbekannte. Sein Name: „Janin_X_toeten“. Nur, dass an der Stelle des X im Chat ihr Nachname steht.

Zunächst ignoriert Janin die Nachricht nach eigenen Angaben. „Man denkt sich: ,Ach, das wird ein Idiot gewesen sein, der sowieso nicht weiß, wo ich bin'“, sagt sie am Dienstag im Gespräch mit dem WESER-KURIER. „Ein kleiner Teil denkt sich aber eben auch: ,Was, wenn nicht?'“ Daraufhin habe sie die Polizei eingeschaltet.

Beamter wirkte, als hätte er "absolut keinen Bock"

Doch der Beamte, auf den sie am Montag trifft, so schreibt die junge Frau über den Kurznachrichtendienst „Twitter“, habe gewirkt, als habe er „absolut keinen Bock“ gehabt. Er habe ihr Hobby abfällig kommentiert und sie solle beim nächsten Mal doch ihre Kamera am Computer ausschalten. Diese und einige weitere Aussagen des Beamten sorgen noch am selben Tag für viele Reaktionen im Netz.

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Auch die Bremer Polizei bekommt das mit: Die Social-Media-Redakteure der Behörde stellen – ebenfalls über „Twitter“ – umgehend klar, dass die Anzeige der jungen Frau aufgenommen wurde, man die Sache ernst nehme und die Beschwerdestelle der Polizei eingeschaltet habe. Janin bestätigt am Dienstag, dass sie noch zwei Mal von der Polizei angerufen worden sei, nachdem sie ihren Fall öffentlich gemacht hat. „Man hat mich gefragt, ob ich mich sicher fühle und ob ich alleine lebe“, erzählt sie. Zudem hat sie einen weiteren Termin bei der Polizei bekommen, um die Bedrohung nochmal schildern zu können.

Die Polizei teilt am Dienstag auf Anfrage des WESER-KURIER außerdem mit: „Das geschilderte Verhalten des aufnehmenden Beamten entspricht nicht unserem Verständnis von einer bürgernahen Polizeiarbeit. Wir arbeiten intensiv an der Aufklärung des Sachverhaltes.“ Dazu sei ein Disziplinarverfahren gegen den Polizisten eingeleitet worden, er sei bis zur Klärung von Aufgaben mit Bürgerkontakt entbunden. Der Fall werde zum Anlass genommen, um die Prozesse bei der Anzeigenaufnahme von Straftaten im Internet grundsätzlich zu überprüfen.

Polizei soll in der Innendeputation berichten

Die Leiterin der Landesmedienanstalt, Cornelia Holsten, sagt: „Die Betroffene hat genau das Richtige gemacht, indem sie den Fall zur Anzeige gebracht hat.“ So schlimm die Reaktion des einzelnen Beamten war, so gut habe wiederum die Polizei danach auf „Twitter“ reagiert.

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Auch der Bremer Politik ist die Debatte nicht verborgen geblieben. Der Grünen-Abgeordnete Mustafa Öztürk fordert die Polizei nun dazu auf, am Donnerstag in der Innendeputation der Bürgerschaft mündlich über den Vorfall zu berichten. „Ich hoffe, dass das ein Einzelfall bleibt“, sagt er. Den Umgang in den sozialen Netzwerken mit der Kritik findet der Abgeordnete „vorbildlich“, er sieht jedoch auch Schulungsbedarf bei Polizistinnen und Polizisten. „Es ist schon ein Unterschied, ob ich einen Portmoneediebstahl oder eine Todesdrohung zur Anzeige bringe.“

„Es geht mir nicht darum, dass jemand bestraft wird“, sagt Janin, die nach eigenen Angaben Bewusstsein schaffen will. „Aber es sollte jeder verstehen, dass eine solche Bedrohung eine ernste Sache ist.“ Die Bremerin sagt, sie überprüfe seither immer genau, ob ihre Türen abgeschlossen sind, höre bei Geräuschen genauer hin. Etwas geholfen habe ihr, dass sich noch andere Betroffene bei ihr gemeldet hätten – aus anderen Städten, die mit ähnlichen Worten auf der Internetplattform bedroht worden seien.

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