Humanitäre Chirurgie

Bremerin operierte mit einem Ärzteteam auf Madagaskar

Zusammen mit einem Ärzteteam war die Bremer Anästhesistin Julia Fasold auf Madagaskar, um ehrenamtlich den Menschen zu helfen. Fast 180 Operationen in zwei Wochen waren es - und viele dankbare Patienten.
16.12.2019, 19:07
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Anke Velten
Bremerin operierte mit einem Ärzteteam auf Madagaskar

Das Geschenk des Angehörigen eines Kindes auf Madagaskar führt Julia Fasold die große Dankbarkeit vor Augen.

Christina Kuhaupt

Das Kohlestäbchen hat magische Kräfte. Aufgetragen auf die Lidränder soll es seine Träger vor bösen Geistern schützen. Der dünne Stift in seinem handgenähten, perlenverzierten Lederetui war das Wertvollste, das der Mann verschenken konnte. Es war sein Dank, weil Julia Fasold dazu beigetragen hatte, das Kostbarste zu retten, was dem Mann anvertraut war: das Leben eines Kindes. Die Bremer Ärztin ist vor kurzem von einem ehrenamtlichen Einsatz in Madagaskar zurückgekehrt.

Ein zwölfköpfiges medizinisches Team aus Deutschland, der Schweiz und Schweden führte dort innerhalb von zwei Wochen in zwei Krankenhäusern fast 180 Operationen durch. Es mag nur ein kleiner Tropfen in einem See von Leiden sein, sagt die Ärztin: „Aber für jeden einzelnen dieser Patienten ist es das Meer.” Das Bild stamme von einer Kollegin, erklärt Fasold, aber es gelte ihr seit Jahren als Leitspruch und als Antwort auf all jene, die meinen, dass solche kurzfristigen Einsätze ohnehin nicht die Welt verändern können. „Ich weiß das”, sagt die 48-jährige Fachärztin und Mutter von vier Kindern. „Aber jeder Mensch, dem wir eine Zukunft geben können, ist es wert.”

Versorgung durch Direkthilfe

Die erfahrene Anästhesistin, die in ihrem beruflichen Alltag in einer Bremer Praxis arbeitet, engagiert sich seit sechs Jahren für den Verein „Pro Interplast“ mit dem Spezialgebiet humanitäre Chirurgie. Ärzteteams unter der Leitung von plastischen Chirurgen fliegen in Entwicklungsländer, um vor Ort Menschen zu behandeln, die nach Unfällen, Verbrennungen oder Kriegsverletzungen, aufgrund von angeborenen Fehlbildungen, Hauttumoren oder nicht heilenden Wunden an schweren Entstellungen leiden. Der aktuelle Hilfseinsatz wurde in Kooperation mit dem Verein "Medizinische Hilfe für Madagaskar" organisiert, der seit 2006 medizinische Einsatzteams nach Madagaskar entsendet.

Fast wie ein Todesurteil

„Noma” – so lautete die Diagnose für den fünfjährigen Vollwaisen, der an der Hand seines Onkels in die Krankenstation gekommen war. Vier Buchstaben, die in 90 Prozent aller Fälle einem Todesurteil gleichkommen. Es handelt sich dabei um eine bakterielle Erkrankung, die nahezu ausschließlich Kinder im Alter unter sechs Jahren befällt. Sie beginnt mit einer Entzündung der Mundschleimhaut, frisst sich unerbittlich durch Lippen, Gaumen, Wangen, Kieferknochen und Augenhöhlen, hinterlässt schreckliche Verstümmelungen, verhindert und verkürzt Leben. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass eine halbe Million Menschen davon betroffen sind. Genau weiß das niemand.

„Meist werden die Kinder von ihren Familien versteckt, oft auch ausgestoßen”, weiß Julia Fasold. Die Krankheit ist hierzulande fast unbekannt, denn sie kann nur dort grassieren, wo die Hygiene besonders schlecht, der Hunger besonders groß und der Zugang zu medizinischer Behandlung schier unmöglich ist, erklärt die Ärztin: Und der Inselstaat vor der afrikanischen Südostküste biete diese Bedingungen. Madagaskar gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Statistiken besagen, dass fast 45 Prozent der Gesamtbevölkerung an Unterernährung leidet. Weniger als die Hälfte der Madegassen hat Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die medizinische Versorgung sei einfach geregelt, so Fasold: Wer Geld habe, werde behandelt. Wer es sich nicht leisten könne, müsse sterben.

Es fehlt an Geld und Ausrüstung

Ende Oktober flog die Bremerin gemeinsam mit vier plastischen Chirurgen, zwei weiteren Anästhesisten, zwei Kinderchirurgen, zwei Krankenschwestern und einem Orthopädietechniker nach Madagaskar. Im Gepäck Kisten mit medizinischen Instrumenten, Verbandsmaterial, Medikamenten, batteriebetriebenen Notfallgeräten und vielen, vielen Kuscheltieren. Im Provinzkrankenhaus von Manambaro im Süden der Insel erwartete das Ärzteteam ein Wartezimmer mit 200 Menschen, die zuvor über das Radio und in ihren Gottesdiensten von der Ankunft gehört hatten.

An zwei Operationstischen und unter einfachsten Bedingungen ging das Team an die Arbeit – es fehlt an Geld und Ausrüstung für ein modernes professionelles Umfeld, wie es hierzulande selbstverständlich ist. „Der Strom fiel ständig aus, eine Klimaanlage gab es nicht“, erzählt Fasold. Aufgewogen werde die Arbeit durch die Freude, in einem eingeschworenen Team zu arbeiten, und vor allem durch die direkte Erfahrung der Dankbarkeit der Patienten und ihrer Angehörigen.

Chance auf ein normales Leben

Neben den Transplantationen, die den kleinen Noma-Patienten im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht gaben, operierten die Mediziner auch eine große Zahl an Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten: Weil viele Mütter in der Schwangerschaft mangelernährt seien, komme die Fehlbildung in Madagaskar auffällig häufig und in besonders ausgeprägten Formen vor. Ohne den rekonstruktiven Eingriff drohe alle diesen Kindern ein hoffnungsloses Siechtum. „Nach der Operation können sie sprechen, normal essen, werden irgendwann heiraten und ein normales Leben führen“, so Fasold.

In Erinnerung geblieben ist der Bremerin auch der kleine Moza, der mit einer schweren unbehandelten Armverletzung ins Krankenhaus kam. Die Brandnarben waren so verwachsen, dass das Kind seinen Arm niemals hätte benutzen können. Auf einem Foto strahlen die Ärztin und ihr kleiner Patient um die Wette: „Das ist das Tolle: Es braucht oft nur eine kleine Operation, um ein Schicksal zum Positiven zu verändern.“ Fachlich könne man bei diesen Einsätzen so viel dazu lernen, erklärt Julia Fasold. Menschlich wird sie das magische kleine Lederetui zuhause jederzeit daran erinnern: „Wir wissen oft gar nicht, wie viel Glück wir haben, in diesem Teil der Welt zu leben.“ Die an den Einsätzen beteiligten Ärzte und Pflegekräfte arbeiten ehrenamtlich und tragen einen Großteil der Kosten selbst. Ausrüstung und Medikamente müssen über Spenden finanziert werden.

Weitere Informationen

Wer mehr über die Projekte des Vereins erfahren möchte, und seine Arbeit über finanzielle oder medizinische Sachspenden unterstützen möchte, findet alle Informationen über die Internet-Seite www.medizinische-hilfe-madagaskar.de. Mediziner und Pflegekräfte, die sich einen Einsatz vorstellen können, dürfen sich auch gerne persönlich bei Julia Fasold melden: julia.fasold@web.de.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+