Buch veröffentlicht

Bremerin trampt in 246 Autos durch Südamerika

Was für eine extreme Erfahrung: Rochssare Neromand-Soma ist über zwei Jahre lang und 50.000 Kilometer hinweg durch Südamerika getrampt – ihre Erfahrungen hat sie in einem Buch festgehalten.
05.02.2017, 18:06
Lesedauer: 4 Min
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Bremerin trampt in 246 Autos durch Südamerika
Von Nico Schnurr

Was für eine extreme Erfahrung: Rochssare Neromand-Soma ist über zwei Jahre lang und 50.000 Kilometer hinweg durch Südamerika getrampt – ihre Erfahrungen hat sie in einem Buch festgehalten.

Wenn sich Rochssare Neromand-Soma für eine längere Fahrt ein Auto teilt, weiß sie danach eine ganze Menge über ihre Mitfahrer. In Autos lernt sie Menschen kennen. Auf Autofahrten ist für sie alles anders. Sie redet anders, schweigt anders. Auf engstem Raum eingeschlossen, in einer Kapsel, abgeschirmt von der Außenwelt, das verbindet. Das lässt sie zu vermeintlich Fremden eine sonderbare Nähe auf Zeit entwickeln. Für ein paar Stunden hört sie die gleiche Musik, atmet die gleiche Luft, teilt ein Ziel, erobert zusammen mit ihren Mitfahrern Kilometer für Kilometer.

„Beim Trampen haben wir Geschichten über Geliebte gehört, über Drogengeschäfte, über gerade verstorbene Verwandte, über gescheiterte Existenzen und familiäre Dramen“, sagt Neromand-Soma. Über zwei Jahre und 50 000 Kilometer hinweg hat sie in 246 verschiedenen Autos gesessen. Immer waren das Fremde, zu denen sie ins Auto stieg. Sie blieben es nicht lange. Die Bremerin hat diese Begegnungen festgehalten, gemeinsam mit ihrem Freund Morten Hübbe. Zuerst auf einem Blog, jetzt auch in einem Buch. „Per Anhalter durch Südamerika“, erschienen im National Geographic Verlag, ist ein Reisetagebuch geworden, aufgeteilt in 70 Kurzgeschichten aus 14 Ländern eines Kontinents.

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Natürlich erzählt das Buch auch von den Gletschern Patagoniens, den Anden Mendozas, der Salzwüste Boliviens, den Bergen Südost-Perus. Eben jenen Sehnsuchtsorten, die man sehen will, wenn es einen nach Südamerika zieht. Tatsächlich aber spielt die Erzählung zumeist woanders: im Auto. Neromand-Soma nimmt Platz in Baufahrzeugen, auf den Ladeflächen von Pick-ups und Transportern, in Taxis, Krankenwagen, Polizeiwagen und Porsches.

Gewöhnliche Reiseführer erzählen von Sehenswürdigkeiten und der Geschichte eines Kontinents. Die Bremerin will von Begegnungen und Unterhaltungen in südamerikanischen Autos berichten. In den Biographien und Erzählungen der Menschen, die ihnen Mitfahrt gewähren, versucht Neromand-Soma das große Ganze zu spiegeln, ihren Eindruck vom Kontinent greifbar zu machen.

„Durch das Reisen per Anhalter haben wir erfahren, wie eng oft persönliche Schicksalsschläge mit politisch bedeutsamen Ereignissen verknüpft sind“, sagt Neromand-Soma. In Venezuela etwa sei sie auf eine Familie getroffen, deren Vater durch Proteste gegen das Verstaatlichen der Ölproduktion seinen Arbeitsplatz und sein Haus verloren habe, das der Ölproduktionsgesellschaft gehörte. In Chile hätten ihnen die Lebensläufe von Ex-Jurastudenten Einblick in das verkrustete Bildungssystem aus Zeiten der Militärdiktatur gegeben. Sie hätten ihr Studium nicht beenden können, weil ihnen die Mittel fehlten, um die hohen Kosten zu tragen. „Letztlich endeten sie als Lastwagenfahrer auf der Straße“, sagt Neromond-Soma. Die Bremerin schildert, wie sie mit einer älteren Dame über Uruguays Landstraßen rauscht. Wie sie erst nach einer ganzen Weile erfährt, dass die Frau am Steuer keinen Führerschein, keine Fahrerfahrung und keine Ahnung hat, wohin sie da eigentlich genau unterwegs ist. Oder wie sie eine Nacht auf Nordargentiniens Straßen zusammen mit einem LKW-Fahrer verbringt, der sich mit so viel Kokablättern wachhält, dass seine Wange anschwillt und im Lauf der Nacht immer verbeulter aussieht.

Von Anekdoten wie diesen lebt Neromand-Somas Buch. Dabei sind es gar nicht Geschichten gewesen, die mal in einem Buch landen sollen. „Die Idee kam aus der Not heraus, um die Reise überhaupt bezahlen zu können“, sagt Neromand-Soma. Nach dem Masterstudium und einem Leben am Schreibtisch wollte sie raus, etwas Anderes sehen. Anhalten, zumindest für ein halbes Jahr.

„Die Vorstellung, jeden Morgen ins Büro zu gehen, war abschreckend.“ Sie wollte aussteigen, um einzusteigen – in fremde Autos und einen fremden Kontinent. Also kündigte sie ihre Wohnung, verkaufte alle Möbel. Kleidungsstücke, Hygieneartikel, zwei Schlafsäcke, eine Kamera und einen Laptop, Notizblöcke, Permanentmarker und Kugelschreiber, um Schilder für den Straßenrand zu basteln: Was blieb, passte in zwei Rucksäcke. „Eine befreiende Erfahrung“, sagt sie. Eine Sprachreise sollte es werden, nach Argentinien.

Erst über das Trampen finden sich Schlafplätze – „mal in der Küche oder im Wohnzimmer, mal auf Sofas oder Matratzen“. Neromand-Soma schläft, „wo man uns einen Platz anbietet“. Sie couchsurft durch Studenten-WGs, teilt das Landleben der einfachen Bevölkerung und den Luxus in den bewachten Wohnvierteln der Metropolen. Aus ein paar Monaten Sprachreise wird der Versuch, einen gesamten Kontinent zu erleben. Sie treibt auf Marktbooten den Amazonas hinunter, klettert in die Silberminen Boliviens hinab, trifft eine deutsche Kolonie in den Subtropen Paraguays. Um das zu finanzieren, arbeitet sie gelegentlich – als Tellerwäscherin, Holzfällerin oder Farmerin.

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All das hält sie fest, auf einem Blog zunächst, „für die Familie und Freunde“. Als das Blog wächst, ihre Kurzgeschichten auch über den Bekanntenkreis hinaus gelesen werden und schließlich die Anfrage kommt, ein Buch zu schreiben, sieht Neromand-Soma darin eine Chance. Sie will „ein paar Ängste und Vorurteile abbauen“. Durch Anekdoten und kuriose Geschichten, „ohne Dramatik und Euphorie“, will sie erzählen, wie es zugeht am anderen Ende der Welt. „Südamerika hat ja nicht nur das Image, hervorragende Fußballer auszubilden, sondern auch sehr kriminell und gefährlich zu sein“, sagt sie. Die Bremerin will ihren Lesern mitgeben: „Habt keine Angst vor dem Unbekannten, packt euren Rucksack, zieht los!“

Fünf Jahre liegt ihr Aufbruch nach Südamerika inzwischen zurück. Neromand-Soma ist noch immer unterwegs. Seit zwei Jahren reist sie durch Asien, natürlich per Anhalter. Gerade lebt und arbeitet sie in einer Öko-Kommune im Süden Indiens, wo sie am nächsten Buch schreibt. „Natürlich haben wir schon viele Wasserfälle, Berge, Kirchen oder Tempel gesehen und irgendwann bietet das kaum noch etwas Neues“, erzählt sie. Genug Geschichten fürs neue Buch habe sie trotzdem längst zusammen, sagt Neromand-Soma. Denn Autofahrten mit fremden Menschen, die werden nie langweilig.

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