Studienpreis Bremerin untersucht die Mechanismen der Zeugniskonferenzen

Wie bewerten Lehrende die Leistungen ihrer Schützlinge? Eine Masterarbeit zu diesem Thema wurde jetzt von der Akademikergesellschaft „Unifreunde“ ausgezeichnet.
10.03.2020, 07:00
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Bremerin untersucht die Mechanismen der Zeugniskonferenzen
Von Frieda Ahrens

„Weil er sich angestrengt hat – Konstruktionsprozesse schulischer Leistungen in Zeugniskonferenzen.“ Rätselhafter hätte Anna-Luise Rehm den Titel ihrer Masterarbeit kaum formulieren können. Doch es scheint geklappt zu haben: Nachdem sie mit 1,0 bewertet wurde, hat das Werk nun auch noch den Studienpreis für herausragende Abschlussarbeiten gewonnen. Dieser Preis wird von den „Unifreunden“, der Gesellschaft der Freunde der Universität Bremen und der Jacobs University, vergeben.

Anne-Luise Rehm ist eine von fünf Preisträgern und Preisträgerinnen, die an diesem Dienstagabend in der Oberen Rathaushalle ausgezeichnet werden. Die gebürtige Osnabrückerin studiert seit dem Wintersemester 2011/12 in Bremen Politik und Musik auf Gymnasiallehramt, ihre Masterarbeit hat die 29-Jährige in Erziehungswissenschaften geschrieben. Nun folgt jedoch nicht das Referendariat, sondern erst einmal eine Doktorarbeit. Rehm will das Thema ihrer Masterarbeit weiter untersuchen.

Was steckt denn hinter dem sperrigen Titel? Im Grunde beschäftigt sich Rehm damit, wie Lehrende Leistung beurteilen. Sie interessiert sich für den Moment, an dem die Lehrkraft die Entscheidung trifft, etwas Bestimmtes als Positives oder Negatives zu bewerten – und was das genau ist. Für diesen Entstehungsmoment hat sie nicht den Unterricht als Ort gewählt, sondern Zeugniskonferenzen. Dort muss die Lehrkraft oft die Entscheidung einer bestimmten Leistungsbewertung begründen. Sie hat drei Zeugniskonferenzen einer Schule besucht, um Kommunikationsstrukturen und Argumentationsmuster zu erfassen.

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Ein Ergebnis ihrer Arbeit: Die Lehrer versuchen, ihre Leistungsbewertung zu objektiveren. Das heißt, dass sie sich selbst von der Entscheidung distanzieren und die Verantwortung bei den Schülern und Schülerinnen sehen. Außerdem werden zwischenmenschliche Kompetenzen wichtiger. Ein Beispiel dafür steht auch in dem komplizierten Titel: „Er wird ein Leistungsniveau höher eingestuft, weil er sich angestrengt hat.“ Hier werden also nicht nur Kompetenzen anhand von richtigen oder falschen Ergebnissen einer Klassenarbeit bewertet, sondern auch Bemühungen.

In ihrer Doktorarbeit will sich Rehm genau darauf fokussieren: alternative Formen der Leistungsbewertung, das Sprechen über Leistungen, individuelle Lernsettings. Den Trend zur immer weiteren Individualisierung der Schüler und Schülerinnen findet die Studentin problematisch. „Es ist nur ein diffuses Bauchgefühl, aber dass die Beurteilung immer mehr eine der ganzen Person ist und nicht die von Kenntnissen, sehe ich kritisch.“ Es gehe immer mehr um zwischenmenschliche Kompetenzen, das Thema „Helfen“ sei omnipräsent. Teilweise hätten Lehrkräfte einen extrem detailliert aufgeschlüsselten Bewertungsbogen zum Sozial- und Arbeitsverhalten. „Da steht man als Mensch ganz früh komplett vor einer Bewertungsfolie, jede kleine Macke wird durchanalysiert. Das kann nicht gut sein.“

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Zur Sache

Bremer Studienpreis 2019

Weitere Preisträgerinnen und Preisträger des Bremer Studienpreises 2019 sind:

Dr.-Ing. Saeideh Shirinzadeh aus dem Fachbereich Informatik mit seiner Doktorarbeit zum Thema „Synthesis and Optimization for Logic-in-Memory Computing using Memristive Devices“ („Synthese und Optimierung von Logic-In-Memory Computing unter Verwendung von memristiven Bausteinen“); Andreas Folkers aus dem Fachbereich Mathematik mit seiner Masterarbeit zum Thema „Steuerung eines autonomen Fahrzeugs durch Deep Reinforcement Learning“; Dr. Sarah Lentz aus dem Fachbereich Sozialwissenschaften mit ihrer Doktorarbeit „Wer helfen kann, der helfe! Deutsche Sklavereigegnerinnen und die atlantische Abolitionsbewegung, 1780 – 1860“; Luisa von Albedyll aus dem Fachbereich Physik für ihre Masterarbeit „Structure and variability of the circulation at tidal to intra-seasonal scales near the 79 North Glacier“ („Struktur und Schwankungen der Zirkulation auf tidebedingten bis innersaisonalen Skalen im Gebiet des 79-Nord-Gletschers“). Sie erhält den Sonderpreis der Bruker Daltonik GmbH im Bereich Natur- und Ingenieurwissenschaften.

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