Die Schaukel als Symbol der Freiheit

Vom Freischwingen

Die Schaukel steht für Freiheit und Lebensfreude. Ein neues Buch zeigt 68 Schwarz-Weiß-Fotografien von Frauen, die schaukeln. Ausgelassen und rebellisch schwingen manche hinaus aus alten Rollenbildern.
23.09.2021, 10:39
Lesedauer: 3 Min
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Vom Freischwingen
Von Catrin Frerichs

Alte Schwarz-Weiß-Fotografien sind schon lange Claudia Grabowskis Ding. Das Wühlen in verstaubten Flohmarktkisten. Das Blättern in Fotoalben vergangener Jahrzehnte, gar Jahrhunderte, gefunden auf irgendwelchen Dachböden. Immer auf der Suche nach Bildern, die sie berühren. Gemeinsam mit ihrer Freundin Monika Zobel zeigt sie schon länger eine Auswahl der (wieder-)entdeckten Fotos auf dem Insta­gram-Profil „Verinnerung“. Die beiden Bremerinnen schreiben kurze Texte oder Gedichte zu den Fotos. Verinnerung ist ein Mischwort aus Vergessen und Erinnerung.

Bereits vor einiger Zeit hatte Grabowski die Idee, aus den Aufnahmen ein Buch zu machen. Nun liegt es vor. „Frauen, die schaukeln – Bilder vom Schwungholen und Freisein“, heißt es. Anfang September ist es im Schünemann-­Verlag erschienen.

„Ich habe eine Schwäche für Altes, Vergängliches, Zurückgelassenes“, sagte
Grabowski einmal im Gespräch mit dieser Zeitung. Sie durchwühle gern Kisten und Koffer. Und das bereits seit 20 Jahren. „Die Fotografien müssen mich ansprechen, ­etwas in mir auslösen“, so die 39-Jährige.

Ebenso wie das erste Schaukelfoto, das sie vor etwa fünf Jahren an einem kalten Novembertag auf einem Flohmarkt in ­Bremen-Hastedt fand. Das Foto muss in der Zeit der Jahrhundertwende, also des 19. und 20. Jahrhunderts entstanden sein. Auf der Rückseite ist nichts vermerkt, weder Hinweis noch Jahreszahl. Aber die Kleidung der jungen Frau – Matrosenhemd und langer Rock– lässt darauf schließen, sagt Grabowski. Der Hintergrund ist unscharf. Zu sehen sind ein Garten und ein mit Efeu bewachsenes Gebäude. Das lange Haar zu einem lockeren Zopf geflochten, schaut sie selbstbewusst in die Kamera. Ihre Hände liegen rechts und links an den Schaukelstricken. Beim zweiten Hinsehen erst erkennt man, dass sie in der rechten Hand eine Zigarette hält. Ein Detail, das Sammlerin Grabowski begeistert hat.

Seither hat sie immer wieder Fotos von Frauen, die schaukeln, gefunden. Es war der Beginn einer langen Serie – und umfangreicher Recherchen. Diese führten Grabowski bis in die Antike. Dort tauchte die Schaukel erstmals auf. Im Altonaer Museum besuchte sie eine Schaukelausstellung. Sie stöberte in Bibliotheken und Büchereien. Fand sie Hinweise auf den Fotos oder deren Rückseiten, ging sie ­ihnen nach.

Ihr Buch ist eine Geschichte des Schaukelns in Bildern. „Tatsächlich ist meine Sammlung eine Zeitreise von eigentümlichen Momenten, Zufälligkeiten, Besonderheiten und vielleicht auch Provokation“, schreibt Grabowski in der langen Einleitung. Die Schaukel, steht dort zu lesen, ist etwa in der Kultur Indiens und im Hinduismus fest verankert. „Es ist die Lieblingsbeschäftigung der Götter, schwebend zwischen Himmel und Erde“, erläutert die ­Autorin. Auf ihr sitzen auch Braut und Bräutigam und schaukeln ins gemeinsame Glück.

Die Bilder im Buch sind in der Zeit zwischen 1888 und 1961 entstanden. Sie sind unbearbeitet, haben Flecke, Knicke, Risse. Damals war Fotografie etwas Besonderes und Teures. Man musste sich vorher genau überlegen, was man aufnehmen wollte. Kein Vergleich zur heutigen Bilderflut mit Selfies vom Smartphone. Es war auch eine Zeit, in der ein festes Rollenverhältnis zwischen Männern und Frauen bestand. Aufnahmen von Frauen, die lebensfroh und lachend einfach freischwingen? Unerhört.

Das Buch zeigt auch romantische Bilder, etwa in Form von im Studio inszenierten Motiven auf Grußkarten. Es gibt Aufnahmen von Frauen auf Hängematten mitten im Wald. Eine Frau schaukelt auf einem Kreuzfahrtschiff auf herabhängenden Tauen. Lebensfreude im Wirtschafts­wunder anno 1961.

Die Schaukel ist ein Symbol für eigenen Antrieb. Ohne Körperkraft oder Anschwung bewegt sich nichts. Auch die Intensität der Bewegung hat jeder selbst in der Hand. Man fliegt immer höher – die Schaukel steht dabei fest auf dem Boden. Im Wohnzimmer der Sammlerin hängt übrigens auch eine Schaukel. Es ist ein alter Bootsmannstuhl. Damit hängen sich Seeleute in die Takelage oder an die Bordwand. Manchmal schaukelt die 39-Jährige, einfach so. „Schaukeln ist kon­trolliertes Fallenlassen“, findet Claudia Grabowski.

Info

Am 23. und 24. Oktober zeigt die Autorin Claudia Grabowski im Rahmen der Veranstaltung „Kunstwerk im Viertel“ Bilder aus dem Buch und das Buch im Atelier Elke Prieß, Ritterstraße 17.

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