Tourismus in Bremen

Briten seltener in Bremer Betten

Der nahende Brexit wirkt sich auf die Übernachtungszahlen britischer Gäste in Bremen aus. Auch US-Bürger übernachten weniger in Bremen, wie die Haljahresbilanz 2019 zeigt. Eine Ursachenforschung.
26.08.2019, 20:50
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Briten seltener in Bremer Betten
Von Sabine Doll
Briten seltener in Bremer Betten

Briten und US-Amerikaner übernachten weniger in Bremen. Das zeigt die aktuelle Halbjahresbilanz 2019.

Oliver Berg/dpa

Bremen boomt bei Gästen aus dem In- und Ausland, das zeigt die aktuelle Bilanz der Wirtschaftsförderung der Stadt (WFB). Im ersten Halbjahr 2019 ist die Zahl der Übernachtungen in der Stadt im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres um 8,3 Prozent gestiegen – auf insgesamt fast 1,1 Millionen Übernachtungen. Ein näherer Blick auf die Statistik zeigt aber auch: Während immer mehr ausländische Gäste etwa aus den Niederlanden oder Schweden in der Hansestadt übernachten, machen sich Reisende aus Großbritannien und den USA in Bremer Hotelbetten rar. Mit 8,9 und 17,6 Prozent fällt das Minus recht deutlich aus. Und bei den Briten scheint sich sogar – zumindest jeweils für die ersten sechs Monate seit 2016 – eine Art Minus-Trend zu verfestigen. Woran liegt‘s? Eine Ursachenforschung.

"Dies geschieht derzeit überall in Europa“

„Bei Großbritannien zeichnen sich bereits die ersten Unsicherheiten der Brexit-Verhandlungen ab und wirken sich seit dem Ergebnis des Referendums im Jahr 2016 negativ auf die Buchungen aus. Dies geschieht derzeit überall in Europa“, erklärt WFB-Sprecherin Maike Bialek. Dazu komme: Wegen variierender Verbindungen nach London Stansted, London City Airport, Dublin und Manchester habe es bereits in den vergangenen Jahren Schwankungen bei den Zahlen gegeben.

Lesen Sie auch

Anders die Lage in den USA: „Bei den Ankünften aus den USA ist im ersten Halbjahr 2019 ein Plus von 7,5 Prozent zu verzeichnen, bei den Übernachtungen allerdings ein Minus von 17,6 Prozent. Das bedeutet, dass insgesamt mehr Gäste aus den USA nach Bremen kamen, sie aber weniger lang blieben“, so Bialek. Der Grund für dieses Missverhältnis könnten laut der Sprecherin Messen oder Kongresse sein, die länger oder kürzer dauerten. Bei den Vereinigten Staaten kämen außerdem Kursschwankungen und ungünstige Wechselkurse dazu, die das Reiseverhalten beeinflussten.

Plus durch Messen

„Man kann bei den Ursachen lediglich spekulieren. Und man muss auch abwarten, wie sich die Zahlen weiter entwickeln. Anhand einer Halbjahresbilanz von einem Einbruch der Gästezahlen aus diesen Ländern zu sprechen, wäre definitiv nicht gedeckt“, sagt Dieter Brinkmann, Professor für Tourismus und Freizeit an der Hochschule Bremen. „Im Herbst geht außerdem die Messe- und Kongresszeit erst wieder richtig los.

Grundsätzlich ist es so, dass die Besucher- und Übernachtungszahlen sehr stark von Veranstaltungen und anderen Großereignissen gesteuert werden“, bestätigt auch der Tourismus-Fachmann. Als Beispiel nennt er den Internationalen Astronautenkongress (IAC) im vergangenen Oktober in der Hansestadt. Über 6000 Experten aus aller Welt hatten daran teilgenommen. Dazu kamen Tausende Besucher am Tag der Öffentlichkeit. „Da kann man schon davon ausgehen, dass neben den Fachleuten auch viele Besucher extra wegen des Kongresses nach Bremen gereist sind.“

Lesen Sie auch

Ein anderes Beispiel für eine Messe mit ­Tausenden Teilnehmern aus aller Welt ist Europas größte Schwergutmesse Breakbulk, zu der 2018 und 2019 jeweils mehr als 10.000 Fachleute aus über 100 Ländern nach Bremen kamen. Nach WFB-Angaben sorgte die Fachmesse im Mai 2018 für ein Plus von über 60 Prozent bei den Übernachtungen (3823) US-amerikanischer Bürger in Bremen. „Im Mai dieses Jahres gingen diese Zahlen – trotz Breakbulk – allerdings mit einem Minus von knapp 28 Prozent wieder zurück“, betont ­Bialek.

Erreichbarkeit per Flugzeug nicht zu unterschätzen

Grundsätzlich seien beide Quellmärkte, Großbritannien und die USA, durch einen hohen Anteil an Geschäftsreisen gekennzeichnet. Je nach Wirtschaftslage, Terminen von Messen und Kongressen gebe es Schwankungen. „Insgesamt ist zu sagen, dass 80 Prozent aller Übernachtungen in Bremen aus Deutschland kommen und wir bei den Auslandsübernachtungen dementsprechend über geringere Zahlen reden“, so die WFB-Sprecherin.

Nicht zu unterschätzen ist laut Tourismusexperte Brinkmann vor allem auch die Erreichbarkeit per Flugzeug. „Werden Fluglinien gestrichen, macht sich das bemerkbar.“ Laut Flughafen-Sprecherin Andrea Hartmann hat es zuletzt keine wesentlichen Änderungen bei der einzigen Flugverbindung zwischen Großbritannien und Bremen – von London Stansted nach Bremen – gegeben, die den Rückgang zumindest für die erste Jahreshälfte 2019 erklären könnten: „Im Sommer fliegt Ryanair zwölfmal pro Woche, im Winter zehnmal. Für die USA kann man schlecht eine Aussage treffen, es gibt keine Direktflüge.“

Einreise nach dem Brexit

Der Brexit beschäftigt aber nicht nur Reisende aus Großbritannien: Der Ausstieg aus der Europäischen Union und damit möglicherweise veränderte Einreisebestimmungen sorgen auch hierzulande für Unsicherheit. Reicht der Personalausweis – und wenn ja, wie lange noch? Muss künftig sogar ein Visum beantragt werden?

Die Bremer Innenbehörde hat jetzt Informationen für Reisen ab Oktober nach Großbritannien und Nordirland herausgegeben: „Für EU-Bürgerinnen und -Bürger genügt bis zum 31. Dezember 2020 weiterhin der Personalausweis“, heißt es darin. „Zunächst bleiben England, Schottland, Wales und Nordirland solange Mitglied der Europäischen Union, bis der Austritt wirksam ist. Das wird voraussichtlich der 31. Oktober 2019 sein.“ Verlasse Großbritannien die EU mit einem Austrittsabkommen, werde es grundsätzlich weiter wie ein EU-Mitgliedsland behandelt – die Einreisebestimmungen würden sich dann voraussichtlich erst ab dem 1. Januar 2021 ändern. Bis dahin sei die Einreise von EU-Bürgerinnen und -Bürgern nach England, Schottland, Wales und Nordirland weiterhin mit Personalausweis oder Reisepass möglich.

„Sollte Großbritannien das ausgehandelte Abkommen nicht annehmen und auch keinen Verlängerungsantrag stellen, wird das Vereinigte Königreich am 31. Oktober 2019 die Europäische Union ohne Vereinbarung verlassen. Auch in diesem Fall hat die britische Regierung zugesichert, bis zum 31. Dezember 2020 EU-Personalausweise als ausreichend anzuerkennen“, heißt es aus der Behörde für den Fall eines harten Brexits. Erst ab dem 1. Januar 2021 könne dann ein Personalausweis nicht mehr genügen und ein Reisepass erforderlich sein. In beiden Fällen – weicher und harter Brexit – sei die Einführung einer Visumpflicht für kurzfristige Aufenthalte von bis zu drei Monaten derzeit nicht beabsichtigt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+