Denkmal

Bronzener Teppich für die Toten im Meer

Die evangelische Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen will ein Denkmal für Flüchtlinge einrichten, die vor Europas Grenzen ihr Leben ließen. Im zentralen öffentlichen Bremer Raum soll der Standort jedoch nicht sein.
05.04.2017, 19:19
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel
Bronzener Teppich für die Toten im Meer

Der Sieger-Entwurf von Klaus Effern. In dem Bodenrelief wird auf Wunsch der Kirchengemeinde das Bibelzitat „Gott wird abwischen alle Tränen“ zu lesen sein.

Roland Scheitz

Die evangelische Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen will ein Denkmal für Flüchtlinge einrichten, die vor Europas Grenzen ihr Leben ließen. Im zentralen öffentlichen Bremer Raum soll der Standort jedoch nicht sein.

Der ertrunkene Flüchtlingsjunge Aylan liegt im Herbst 2015 an einem türkischen Strand – es ist das Bild von dem leblosen Dreijährigen aus Syrien, das sich bei vielen Menschen ins Gedächtnis gebrannt hat. Es gehört zu der Tragödie, die sich bis heute auf dem Mittelmeer abspielt: Menschen sterben, die sich vor Krieg, Verfolgung und Elend nach Europa retten wollen.

Vorsichtige Schätzungen von Hilfsorganisationen gehen allein seit dem Jahr 2000 von über 35.000 Menschen aus, die an den Außengrenzen Europas gestorben sind. Täglich werden es mehr. Für die Frauen, Männer und Kinder, die auf der Flucht im Wüstensand Afrikas oder in den Wellen des Mittelmeeres ihr Leben verloren haben, soll in Bremen nun einer der ersten Gedenkorte in Deutschland entstehen.

Erinnerungsort in der Hansestadt

„Wir können das Sterben all dieser Menschen nicht einfach hinnehmen und sie dem Vergessen preisgeben“, beschreibt Friedhelm Arning als einer der Ideengeber die Motivation, einen Erinnerungsort in der Hansestadt einzurichten. Seit knapp 25 Jahren engagiert er sich als Gründungsmitglied ehrenamtlich im Arbeitskreis Asyl der evangelischen Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen.

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Pastor Christian Schulken von der Gemeinde Arsten-Habenhausen (links) und Friedhelm Arning am Steinkreuz für die Weltkriegstoten. Hier soll das Bronzerelief entstehen.

Foto: Roland Scheitz

Die aktiven Gemeindemitglieder kümmern sich um Flüchtlinge im Stadtteil, speziell in den zentralen Erstaufnahmestellen und Notunterkünften. Und im Laufe der Jahre hat auch Arning sehr persönliche Einblicke in Schicksale von Geflüchteten erhalten, die auf ihrer Reise nach Deutschland Väter, Mütter, Geschwister, weitere Verwandte und Freunde verloren haben, aber auch unbekannte Mitreisende.

„Im Arbeitskreis Asyl diskutieren wir schon länger darüber, dass verdrängte Trauer auch das Einleben in unsere Gesellschaft erschweren kann“, erklärt Arning. Der Gedenkstein soll daher den Menschen, die in Deutschland heimisch werden wollen, Raum für ihre Trauer geben. Für die Initiatoren ist er somit auch ein wichtiges Element der Integration.

Entscheidung gegen Standort im zentralen öffentlichen Raum

„Es ist ganz klar politisches Versagen, das zu diesen nicht-natürlichen Toden führt“, sagt Christian Schulken, Pastor der Gemeinde. Doch trotz dieser gesamtgesellschaftlichen Verantwortung sei die Entscheidung bewusst gegen einen Denkmal-Standort im zentralen öffentlichen Bremer Raum gefallen.

„Wenn man ein klares politisches Signal aussenden möchte, ist das wohl sinnvoll, aber der Streit um das Arisierungsdenkmal macht deutlich, welche Schwierigkeiten damit verbunden sein können“, so der Geistliche. Die Flüchtlingshelfer aus Obervieland möchten hingegen einen anderen Schwerpunkt setzen: „Es soll ein stiller Ort für Mitgefühl und Trauer sein, der ein würdiges Gedenken an die Opfer ermöglicht“, erläutert Arning.

Daher sei die Wahl recht schnell auf den beschaulichen Friedhof neben der mittelalterlichen St.-Johannes-Kirche in Arsten gefallen. Auch an diesem für jeden zugänglichen Ort könne das Mahnmal dazu beitragen, die Opfer im öffentlichen Bewusstsein zu halten – „und auch unsere eigene Verantwortung für sie zu reflektieren“, ist der 70-Jährige überzeugt.

Weitere Gedenkveranstaltungen denkbar

Dort gibt es bereits ein stattliches Steinkreuz und eine Bodenplatte als Gedenkort an Krieg und Vertreibung – für die Toten der beiden Weltkriegen. „Wir wollen genau dort mit dem neuen Mahnmal das traditionelle Totengedenken in eine zeitgemäße Dimension hinein öffnen“, sagt Schulken.

Er zeigt auf das Kreuz auf dem Hügel mit dem kleinen Vorplatz daneben. Wenn der neue Gedenkstein dort erst platziert sei, seien auch weitere Gedenkveranstaltungen abseits des Volkstrauertages denkbar, so Arning. Gespräche mit Kooperationspartnern wie der Landeszentrale für politische Bildung, dem Verein Zuflucht, dem Garten der Menschenrechte und weiteren Initiativen laufen bereits.

Auch den Kontakt zu den umliegenden Moschee-Gemeinden wollen die Gemeindevertreter aufnehmen, damit sich auch Muslime an dem Mahnmal für Fluchtopfer willkommen fühlen. Anfang des Jahres haben sich acht Künstler an einem Wettbewerb zu dem geplanten Gedenkort beteiligt. Heraus kamen sehr unterschiedliche Entwürfe – von einem Tränenbrunnen bis zu einer stilisierten Abschiedsszene.

Bibelzitat im Bodenrelief

Als Sieger ist nun der Bremer Künstler Klaus Effern gekürt worden. In der Jury saßen unter anderem Arie Hartog vom Gerhard Marcks Haus Bremen und Rose Pfister als Verantwortliche für Kunst im öffentlichen Raum bei der Kulturbehörde. Der Künstler erhält 1000 Euro Preisgeld für seinen Entwurf eines Bronzereliefs, das an einen faltigen Gebetsteppich, aber auch an Dünen oder Wellen erinnert.

„Für mich kann nur ein poetisches Thema der unermesslichen Trauer und dem großen Leid gerecht werden“, schrieb Effern in seiner Bewerbung. Eingelassen in das Bodenrelief wird auf Wunsch der Gemeinde das Bibelzitat „Gott wird abwischen alle Tränen“ zu lesen sein.

„Wir wollen die Menschen mit den Worten trösten, durch die auch wir Trost finden“, begründet Pastor Schulken die Entscheidung. „Das Schöne an der Arbeit ist, dass Klaus Effern eine Form gefunden hat, die auch die morgenländische Kultur anspricht, und selbst das christliche Zitat eigentlich allen monotheistischen Religionen nahe ist“, lobt Rose Pfister das Ergebnis des Wettbewerbs.

Kosten müssen durch Spenden gedeckt sein

Wann das erste Bremer Mahnmal für Flüchtlinge, die vor den Grenzen Europas gestorben sind, errichtet werden kann, ist allerdings noch offen. Denn erst, wenn die Kosten in Höhe von 22.000 Euro durch Spenden gedeckt sind, kann der Künstler beginnen.

„Wir haben erst 9000 Euro, aber wir sind voller Zuversicht, dass wir das Geld zusammenbekommen“, sagt Pastor Schulken. Das Thema gehe schließlich alle etwas an, „und wir freuen uns über große Beträge ebenso wie über viele kleine Einzelspenden“.

Wer spenden möchte, findet die Kontoverbindung der Kirchengemeinde auf der Seite www.st-johannes-online.de in der Rubrik „Gemeindeleben“ und „Arbeitskreis Asyl“. Das Stichwort für eine Überweisung lautet „Gedenkstein für Flüchtlinge“. Nähere Informationen im Gemeindebüro unter Telefon 83 48 59 und bei Friedhelm Arning unter farning@gmx.de.
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