Bremen Brüder-Drama: Ermittler entlasten Polizei

Bremen. Nach der tödlichen Attacke eines Mannes auf seinen Bruder hat die Staatsanwaltschaft die Polizei entlastet. Beamte waren zwar vor Ort, hatten aber nicht rechtzeitig eingegriffen, um die Tat zu verhindern.
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Brüder-Drama: Ermittler entlasten Polizei
Von Jürgen Hinrichs

Ein Mann nimmt seinen Bruder gefangen, er malträtiert ihn, versetzt ihm Schläge, sticht auf ihn ein, und das so lange, bis er tot ist. Passiert ist das an einem Sonntag im Juli, in einer Wohnstraße in Huchting. Der Fall hatte damals großes Aufsehen erregt, auch deshalb, weil die Polizei vor Ort war, als die Tat geschah, und nicht rechtzeitig eingegriffen hatte. Die Staatsanwaltschaft hat danach lange geprüft, ob deswegen gegen einzelne Beamte ermittelt werden muss. Jetzt ist sie zu dem Schluss gekommen, dass es für so ein Verfahren keine Grundlage gibt.

Bremen. Monate sind vergangen, doch mindestens in Huchting ist diese Tat unvergessen. Ein Mann, 63 Jahre alt, tötet seinen sieben Jahre älteren Bruder, und es geschah, als die Polizei bereits am Tatort war. Hätten die Beamten das Verbrechen verhindern können? Eine Frage, die nicht nur von den Verwandten des Opfers gestellt wird. Die Stieftochter hat deswegen an den Polizeipräsidenten geschrieben und Aufklärung gefordert. Erste Antworten zu dem Fall sind jetzt von der Staatsanwaltschaft gekommen. Sie hat lange untersucht, ob gegen die eingesetzten Polizeibeamten ein förmliches Ermittlungsverfahren eingeleitet werden muss und ist zu einem Ergebnis gekommen: "Es gibt für uns keine Anhaltspunkte, dass die Polizisten ihre Sorgfaltspflicht verletzt haben", sagt Frank Passade, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Das Brüder-Drama begann am frühen Morgen. Die Frau des Tatverdächtigen, der heute in der geschlossenen Psychiatrie sitzt, hatte die Polizei alarmiert, weil sie Angst hatte, dass ihr Mann sich selbst oder anderen etwas antun könnte. Nach Einschätzung der Streifenbeamten, die zu dem Haus gefahren waren, gab es aber keine akute Bedrohung. Der Mann schlief.

Anders dann nach dem zweiten Notruf, zweieinhalb Stunden später. Die Frau des Opfers berichtete der Polizei, dass ihr Mann von seinem Bruder in dessen Haus verschleppt worden sei. Die Brüder waren Nachbarn. Weil der Tatverdächtige bei den Behörden als Waffenbesitzer vermerkt war, ging die Polizei nun von großer Gefahr aus und schickte Spezialkräfte. Sie hörten Stimmen und andere Geräusche aus dem Keller des Hauses, schritten aber zunächst nicht ein. Erst als dreieinhalb Stunden später der Verdacht aufkam, dass Gas ausströmt und Explosionsgefahr besteht, stürmten die Beamten den Keller – doch da war es zu spät, das Opfer war tot.

"Den genauen Todeszeitpunkt konnte die Rechtsmedizin nicht feststellen", sagt Passade. Die Polizeibeamten seien während der gesamten Zeit davon ausgegangen, dass das Opfer noch lebt. Dem Mann seien von seinem Bruder unterschiedliche und schwerste Verletzungen zugefügt worden. Als Waffe habe der Tatverdächtige Stichwerkzeuge benutzt.

Passade weist darauf hin, dass die Polizei für solche Fälle einer Geiselnahme eine klare Dienstanweisung habe. Einen Zugriff dürfe es demnach nur dann geben, wenn für das Opfer akute Lebensgefahr besteht oder das Risiko, dass der Einsatz fehlschlägt, als zu groß eingeschätzt wird.

Diese beiden Kriterien waren es dann auch, von denen sich die Staatsanwaltschaft bei ihrer Untersuchung leiten ließ. Sie hat dafür unzählige Polizeibeamte als Zeugen vernommen und die Aufzeichnungen des Funkverkehrs abgehört. "Das Opfer ist getötet worden, trotzdem konnte man nicht von vornherein davon ausgehen, dass es in Lebensgefahr schwebt", erklärt Passade.

Und zum Risiko: "Der Keller ist groß und verwinkelt, die Beamten konnten nicht wissen, wo genau sich die beiden Männer befinden", sagt der Staatsanwalt. Außerdem sei wegen der Art der Geräusche der Eindruck entstanden, dass der Tatverdächtige sich verbarrikadiert hat. Schließlich, so Passade, noch die Gefahr, dass der Mann sich an seinem Waffenschrank bedient, der im Keller stand. Oder dass er eine Explosion herbeiführt. Passade: "Seiner Frau gegenüber hatte er angekündigt, dass am selben Tag noch eine Bombe hochgeht." Gas war dann aber nicht ausgeströmt, der Detektor, der das angezeigt hatte, war defekt.

In der Summe kommt die Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis, dass den beteiligten Beamten nichts vorzuwerfen ist. Den Anstoß zur Untersuchung hatte nach eigenen Angaben der Polizeipräsident gegeben. "Ich habe sofort darum gebeten, dass unsere Rolle objektiv bewertet wird", sagte Lutz Müller einen Monat nach der Tat. "Ich möchte nicht, dass wir in den Ruf geraten, etwas unter den Tisch fallen zu lassen."

Gestern wollte die Polizei das Ergebnis der Untersuchung nicht kommentieren. Dafür müsse sie sich erst einmal Zugang zu allen Unterlagen verschaffen, hieß es auf Anfrage.

Die Gerichtsverhandlung beginnt nach Auskunft der Staatsanwaltschaft am 9. Januar. Weil der Tatverdächtige als schuldunfähig eingeschätzt werde, handele es sich um ein Sicherungs- und kein Strafverfahren. Es gebe deshalb auch keine Anklage. So wie der Mann zurzeit nur vorläufig in der Psychiatrie untergebracht ist, könnte am Ende der Verhandlung herauskommen, dass er dort dauerhaft bleibt.

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