Hightech und Holzsitze

BSAG stellt neue Straßenbahn vor

Mit einem Holzmodell gibt die BSAG einen Einlick in die neue Straßenbahn-Generation: Im Avenio ist jede Menge Hightech zu finden - aber der Tacho bleibt analog und Holzsitze erleben ein Comeback.
12.12.2017, 19:33
Lesedauer: 4 Min
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Von Frank Hethey

Eine absolute Geheimsache ist die neue Generation der Straßenbahnen nicht. Schon seit anderthalb Monaten steht ein zehn Meter langes Holzmodell in der Sonderfahrzeughalle der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) am Flughafendamm. Im Originalmaßstab bildet es die neue Generation vom Typ Avenio ab – den ersten Wagenteil mitsamt der Fahrerkabine. Etliche potenzielle Fahrgäste haben das Modell schon in Augenschein genommen. „Viele Interessengruppen haben Gelegenheit gehabt, Anregungen zu geben“, sagt Vorstandssprecher Hajo Müller. Und für solche Anregungen habe man auch ein Ohr gehabt, seit der Kaufentscheidung für das Siemens-Modell im Juni seien zahlreiche Details verbessert worden. „Jetzt kann das Fahrzeug in Produktion gehen“, sagt Müller.

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Doch was ist eigentlich neu in den neuen Bahnen? Viel Wert legen die BSAG-Verantwortlichen auf die sogenannten Mehrzweckflächen. Neun von denen gibt es künftig in jeder Bahn, zwei davon sind Rollstuhlfahrern vorbehalten. Überhaupt ist die großzügige Innenraum-Gestaltung ein besonderes Merkmal der neuen Straßenbahn-Generation. Mehr Platz für Rollstühle, Kinderwagen und Rollatoren, lautet die Devise. Für Rollatoren auch im Mittelgang, wo für sie bislang kein Durchkommen war. Stufen sind da passé, es gibt nur noch Rampen. „Wir haben dazu gelernt“, sagt Sprecher Jens-Christian Meyer.

Das Erstaunliche: Trotz des komfortableren Innenraums büßt die neue Bahn nur einen Sitzplatz ein – statt 100 werden künftig 99 Fahrgäste mitfahren können. In der Hauptsache werden sie auf Polstersitzen Platz nehmen. In jedem Wagenteil gibt es aber auch vier Holzsitze. Ein eher gewöhnungsbedürftiger Anblick, der an Straßenbahnen aus den 1970er-Jahren erinnert. Doch offenbar sind Holzsitze wieder im Kommen, andere Großstädte sind mit gutem Beispiel vorangegangen. Holz sei nun einmal besser instand zu halten und zu reinigen, das komme letztlich der Hygiene zugute, sagt Müller. „Und dabei geht es nicht nur um Kaugummi auf den Sitzen.“ Nicht ausgeschlossen, dass der Anteil der Holzsitze sukzessive erhöht wird. „Bei positiver Rückmeldung durch die Fahrgäste kann man darüber nachdenken.“

BSAG rüstet technisch auf

Auch technisch rüstet die BSAG kräftig auf. Nicht zuletzt, um den gestiegenen Sicherheitsanforderungen zu genügen. An jeder Tür gibt es in den neuen Bahnen eine Notruftaste. „Wird die gedrückt, schaltet sich in der Fahrerkabine automatisch ein Bildschirm ein“, sagt Gerd Spanjer, technischer Leiter bei der BSAG. Der Fahrer habe die Situation somit im Blick und könne entscheiden, welche Schritte er für angemessen halte. Schon längst selbstverständlich ist dagegen das Kameraauge. „Videoüberwachung ist heute Standard“, betont Müller. Ebenfalls neu: eine Sendebox, die permanent technische Daten aufzeichnet und weiterleitet.

Ganz im Trend der Zeit liegt auch das neue Informationssystem mit zwei getrennten Monitoren – der eine hält die Fahrgäste mit Betriebsinformationen etwa über Verspätungen und Umleitungen auf dem Laufenden, der andere dient dem Infotainment. „Vielleicht auch wieder mit mehr positiven Nachrichten über Werder“, scherzt Müller. Noch nicht ganz ausgereift ist indessen das neue Lichtkonzept mit LED-Leuchten.

Als Prunkstück der neuen Avenio darf die geräumige Fahrerkabine gelten. „Das räumliche Sehen ist deutlich verbessert gegenüber den Fahrzeugen im Einsatz“, schwärmt Müller. Noch ergänzt wird die Rundumsicht durch Videoüberwachung an der Seite, dadurch lassen sich auch kleinere Verkehrshindernisse viel früher erkennen. Sehr nach Hightech sehen die Armaturen aus, sogar ein Touchscreen ist vorhanden. Ein bisschen an das Raumschiff Enterprise erinnert die Armlehne des Fahrers, die mit wichtigen Funktionen ausgestattet ist. „Nur der Tacho ist noch analog“, sagt Spanjer.

Kaum Größenunterschiede zwischen den Bahnen

Die neue Niederflurbahn ist länger als das GT8N-Vorgängermodell, sie misst 37 statt 36 Meter. Von außen sieht sie auch höher aus. Doch tatsächlich gibt es keinen Unterschied, durch die höheren Fenster wirkt die neue Bahn nur höher. Ähnlich verhält es sich mit dem Innenraum, der breiter zu sein scheint als bisher. Ein Trugschluss zumindest mit Blick auf die Bombardier-Modelle, von denen noch 43 auf dem Bremer Straßenbahnnetz unterwegs sind. Denn die haben mit einer Breite von 2,65 Meter genauso so viel Platz zu bieten. Schmaler sind allerdings die GT8N-Gespanne aus den 1990er-Jahren, die nun bald auf dem Abstellgleis stehen werden.

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Gebaut wird die neue Bahn ab Anfang 2018 in Wien. Bislang sind 67 Modelle in Auftrag gegeben, am 3. Mai 2019 sollen die ersten beiden Bahnen ihren Betrieb aufnehmen. Bis Ende 2019 sollen dann 20 Bahnen in Bremen unterwegs sein, die übrigen werden bis 2022 folgen. Als Grund für die lange Lieferzeit nennt Müller den erheblichen Aufwand, der mit der ordnungsgemäßen Abnahme verbunden sei. „Theoretisch könnte uns Siemens auch 50 Bahnen auf einmal auf den Hof stellen.“

Insgesamt benötigt die BSAG 77 neue Bahnen als Ersatz für die gleiche Anzahl der alten Adtranz & Kiepe-Modelle. Dass nur 67 neue Avenios geordert wurden, hat damit zu tun, dass womöglich zehn Bahnen der alten Flotte aufgefrischt werden sollen. Das werde in den nächsten Monaten entschieden, sagt BSAG-Sprecher Meyer.

Drei Jahrzehnte durch Bremen rollen

Nur noch Schrottwert haben nach ihrer Ausmusterung die meisten alten Modelle. Die hätten zwar eigentlich 30 Jahre halten sollen, sind durch zu große Beanspruchung aber frühzeitig gealtert. Weil insgesamt zu wenige angeschafft wurden, mussten die Bahnen mehr laufen, als gut für sie war. Solch ein Schicksal droht den neuen Modellen bei einem Fuhrpark von insgesamt 120 Trams nicht. Auch sie sollen drei Jahrzehnte durch Bremen rollen. „Bei Straßenbahn ist das eine normale Lebensdauer“, sagt Meyer.

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