Mein erstes Mal Mit fünf Mark auf Wanderschaft

Trampen, in besetzten Häusern übernachten und arbeiten - Buchbinderin Kathrin Overesch erzählt von ihrer Wanderschaft als Gesellin.
26.04.2020, 13:26
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Mit fünf Mark auf Wanderschaft
Von Elena Matera

Während meiner Ausbildung zur Buchbinderin in Göttingen habe ich oft Wandergesellen in der Stadt gesehen. Ich dachte bis dahin, dass wären Tischler und Zimmerer. In einer Zeitschrift entdeckte ich dann aber einen Artikel über eine Buchbinderin, die auf Wanderschaft war. Da war für mich klar: Das will ich auch machen.

Ich musste damals über meinen eigenen Schatten springen und habe einfach einen Wandergesellen angesprochen, denn richtige Informationen über die Tippelei waren schwer zu bekommen. Man muss ja wissen, wie das Ganze vonstattengeht, auf was man achten muss, wie man die Reise beginnt. Es gibt auch bestimmte „Schächte“, in denen sich Wandergesellen organisieren. Die meisten nehmen allerdings nur Männer auf.

Ein Wandergeselle, der schon seit längerer Zeit unterwegs war, hat mich dann auf Wanderschaft gebracht und mich die ersten Wochen begleitet. Es gibt verschiedene Regeln, Vorschriften und Rituale. Wandergesellen haben sich immer „ehrbar und zünftig“ zu verhalten. Direkt nach meiner Ausbildung, da war ich 23 Jahre alt, ging es dann los – mit nur fünf Mark in der Tasche.

Auf Wanderschaft darf man nur gehen, wenn man unter 30 Jahre alt, ungebunden, schuldenfrei und kinderlos ist. Weiterhin muss der Wandergeselle in der Öffentlichkeit immer seine Kluft tragen. Weite Schlaghosen, Weste und Jackett, die farblich der Tradition seines Berufsstandes entsprechen. Als Buchbinderin habe ich blau getragen, Tischler tragen etwa schwarz, Steinmetze haben eine beige oder graue Kluft an. Ein Hut, mein Gepäck in Tücher gewickelt und ein gewundene Stock, der Stenz, machten mein Outfit für die nächsten Jahre komplett.

Auf der Wanderschaft darf man kein Geld für Unterkunft und Fortbewegung ausgeben. Also habe ich Menschen gefragt, ob sie mich unterstützen können. Die Unterkunft war nie sicher, so bin ich beispielsweise bei Handwerksmeistern oder Pfarrern untergekommen und habe so schöne und spannende Einblicke in verschiedene Leben bekommen. Auch in besetzten Häusern habe ich gelebt und in Süddeutschland in Kolpinghäusern übernachtet, die früher für Wandergesellen geschaffen wurden.

Auf meiner Reise bin ich viel zu Fuß gegangen, was man auch sonst eher selten macht. Man nimmt die Umgebung ganz anders war, beobachtet die Natur, stellt fest, wie unterschiedlich Regionen durch ihre Landschaft und Dialekte sind. Vor allem bin ich aber getrampt. Im Auto haben mir die Menschen oft ihr ganzes Herz ausgeschüttet – man sah sich ja nicht wieder. Und natürlich habe ich in vielen verschiedenen Buchbindereien, nicht nur in Deutschland, gearbeitet. Dadurch konnte ich Erfahrungen in meinem Handwerk sammeln und mich von den verschiedenen Arbeitstechniken inspirieren lassen.

Faszinierend war vor allem meine Zeit in Rumänien. Dort habe ich auch meinen Mann kennengelernt, der ebenfalls auf Wanderschaft war. Er ist Tischler, dadurch habe ich in Rumänien auch in Tischlereien mitgeholfen. Wir haben in einem kleinen Ort in der Maramures gelebt. Es war mitten im Winter, eine verschneite Landschaft. Der Ort war ganz besonders. Man könnte sagen: Er ist in der Zeit stehen geblieben. Alte Pferdefuhrwagen sind dort gefahren, die Leute haben ihre Wäsche im Fluss gewaschen, das Wasser aus Brunnen geholt. Und wir haben in der guten Stube eines Hauses übernachtet, in dem keine Heizung war, nicht einmal ein Ofen.

Ich war zweieinhalb Jahre auf Wanderschaft. Die Zeit war prägend für mich. Ich habe gelernt, gelassen zu sein und die Dinge auf mich zukommen zu lassen. Morgens wusste ich nicht, wo ich abends landen würde. Aber das hat mich nicht unruhig gemacht oder ängstlich. Meine Wanderschaft ist nun schon 16 Jahre her. Seit sechs Jahren lebe ich mit meinem Mann in Bremen. Hier habe ich meine kleine Buchbinderei, repariere alte Bücher und Bibeln, binde Abschlussarbeiten, Lebenserinnerungen und Gästebücher und vieles mehr. Ich würde jedem Handwerker und jeder Handwerkerin raten, auf Wanderschaft zu gehen. Ich hatte damals kein Handy, war nicht erreichbar. Ich habe Postkarten geschrieben, bin in Internetcafes gegangen, habe meine Mails so alle drei Wochen gelesen. Heute muss man zu Beginn der Wanderschaft sein Handy an einen Baum nageln. Eine neue Tradition. Vielleicht ist gerade deshalb eine Wanderschaft heutzutage etwas ganz besonderes.

Aufgeschrieben von Elena Matera.

Info

Zur Person

Kathrin Overesch

ist gebürtige Berlinerin und zog für ihre Ausbildung zur Buchbinderin nach Göttingen. Nach der Lehre war Overesch zweieinhalb Jahre unterwegs auf Wanderschaft. Vor sechs Jahren ist sie mit ihrem Mann nach Bremen gezogen. Die 42-Jährige führt in Gröpelingen eine kleine Buchbinderei.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+