Operation mit Risiken / Klinikum Bremen-Nord plädiert für natürliche Geburten / Erlebnis stärkt Mütter

Bündnis gegen Kaiserschnitt

Eine Teilnarkose, ein zehn Zentimeter langer Bauchschnitt und 30 Minuten später ist das Baby auf der Welt. So stellen sich immer mehr Schwangere die Geburt ihres Kindes vor. Inzwischen kommt in Bremen jeder dritte Säugling per Kaiserschnitt zur Welt. Besorgniserregend finden Experten diese Entwicklung. Als erstes Bundesland hat Bremen daher ein Bündnis zur Förderung der natürlichen Geburt gegründet. Aber was spricht eigentlich gegen den Kaiserschnitt?
20.07.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bündnis gegen Kaiserschnitt

Imke Helke ist eine routinierte Hebamme im Klinikum Bremen-Nord. Sie bedauert es, dass Geburten per Kaiserschnitt kontinuierlich zunehmen. In Bremen entschließt sich durchschnittlich jede dritte Frau zu diesem operativen Eingriff. FOTOS: CHRISTIAN KOSAK

Eine Teilnarkose, ein zehn Zentimeter langer Bauchschnitt und 30 Minuten später ist das Baby auf der Welt. So stellen sich immer mehr Schwangere die Geburt ihres Kindes vor. Inzwischen kommt in Bremen jeder dritte Säugling per Kaiserschnitt zur Welt. Besorgniserregend finden Experten diese Entwicklung. Als erstes Bundesland hat Bremen daher ein Bündnis zur Förderung der natürlichen Geburt gegründet. Aber was spricht eigentlich gegen den Kaiserschnitt?

VON IMKE MOLKEWEHRUM

Bremen-Nord. Immer mehr werdende Mütter haben Angst vor Wehen, wollen den Entbindungstermin selbst bestimmen oder ihre Figur schonen. Weltweit steigt die Kaiserschnittrate kontinuierlich an, in Brasilien liegt sie schon bei sagenhaften 84 Prozent, in China bei 46 Prozent. Die Quote in Bremen-Nord ist mit 30,6 Prozent zwar unter dem Bundesdurchschnitt (32 Prozent), die Ärzte und Hebammen im Klinikum Bremen-Nord geben sich damit aber nicht zufrieden.

"Mit Geduld versuchen wir Frauen davon zu überzeugen, dass sie ihre Kinder spontan zur Welt bringen", erzählt Wladimir Pauker, Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. Der 46-jährige Aserbaidschaner arbeitet seit Anfang Juli in Bremen-Nord und bemüht sich sogar bei Mehrlingsgeburten und Beckenendlagen um spontane Entbindungen. Seine Klinik ist ebenso wie alle anderen Bremer Krankenhäuser am Bündnis zur Förderung der natürlichen Geburt beteiligt.

Nach Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind allenfalls 15 Prozent der Kaiserschnitte medizinisch notwendig. Gegenwärtig gibt es weltweit aber jährlich 20 Millionen Eingriffe. Es gelte, den Frauen die Vorteile einer natürlichen Geburt zu verdeutlichen, meint Pauker. "Leider lassen sich die Frauen jedoch nur sehr schwer beeinflussen. Und die Patientinnen haben das Entscheidungsrecht."

Aber ein Kaiserschnitt sei eine Bauchoperation, die stets mit Risiken einhergehe, unterstreicht der Mediziner. Für die Frauen bestehe die Gefahr von Blutungen, Nachbarorgane können verletzt werden und der Blutverlust sei viel höher als bei einer Spontangeburt. Gelegentlich seien auch Transfusionen erforderlich. Pauker: "Diese medizinisch unbegründeten OPs sind nicht sinnvoll." Viele Kaiserschnitt-Babys hätten auch Anpassungsstörungen und bräuchten Hilfe vom Kinderarzt. "Statt auf dem Bauch der Mutter landen sie als erstes auf der Intensivstation mit hellem Licht", so Pauker. Immerhin zehn Prozent der Kinder seien davon betroffen.

"Leider versuchen viele Frauen gar nicht erst, ihr Kind auf normalem Weg zu bekommen", bedauert auch Imke Helmke. Die stellvertretende leitende Hebamme im Klinikum Bremen-Nord verweist auf das erhöhte Risiko dieser Kinder, an Atemwegsinfekten, Allergien, Typ-1-Diabetes und Fettleibigkeit zu erkranken. Und da das Baby nach einem Kaiserschnitt sofort aus dem Kreißsaal gebracht werde, sei auch die Bindung zwischen Mutter und Kind weniger eng, so Helmke. Verstärkt werde dies, wenn die Mutter das Kind nicht stille, weil sie sich nach der OP wegen der Schmerzen nicht gut positionieren könne. "Wegen Naht und Schnitt können viele nicht optimal auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen."

Heute sind die Säuglinge durchschnittlich 500 Gramm schwerer als vor 30 Jahren. Ursache sind die an Kohlehydraten und Fleisch reiche Kost. Aber ob ein Kind deshalb nicht durch den Geburtskanal passe, sei definitiv erst unter der Geburt zu erkennen. Es sei also nicht sinnvoll, wegen eines großen Bauchs oder vermeintlich schweren Kindes einen Kaiserschnitt zu planen, betonen Pauker und Helmke.

Im Gegenteil: Selbst wenn noch während der Geburt entschieden werde, per Kaiserschnitt zu entbinden, habe das für das Baby Vorteile, betont Imke Helmke. "Weil das Kind Wehen miterlebt hat, kann es sich nach der Geburt leichter anpassen." Atmung, Blutkreislauf, Muskeltonus und Wärmehaushalt seien besser ausgeprägt als bei Babys, die mit einem von vornherein geplanten Kaiserschnitt zur Welt kämen, bestätigt auch der Chefarzt.

Dass sich trotzdem auch immer mehr junge Frauen für einen geplanten Kaiserschnitt entschließen, hänge unter anderem mit dem gesteigerten Körperkult zusammen, vermuten die beiden Fachleute. Befürchtungen, der Beckenboden könne sich senken und der Sex weniger lustvoll sein, seien laut Studien unbegründet, betont Wladimir Pauker. "Mögliche Schäden entstehen nicht während der Geburt, sondern schon lange davor – oft wegen unkontrollierter Gewichtszunahme der Frau oder zu großer Kinder." Es gebe Frauen mit fünf normalen Geburten ohne jeden Schaden am Beckenboden."Durch die Spontangeburt kommt es zwar zur Weitung, aber durch die dabei aktivierte Hormonausschüttung normalisiert sich alles wieder", fügt Imke Helmke hinzu.

Erhöhte Selbstsicherheit

Viele Frauen hätten heutzutage zu wenig Selbstvertrauen und eine mangelnde Körperwahrnehmung, meint die erfahrene Hebamme. Auch daher entschlössen sich viele für den vermeintlich sichereren Kaiserschnitt. Bekannt sei aber, dass Frauen, die per Kaiserschnitt entbinden, "später ein anderes Gesundheitsverhalten entwickeln", so Helmke, "die begeben sich schneller in fremde Hände und lassen sich eher operieren". Mehr Selbstsicherheit entwickelten dagegen jene Frauen, die ihre Kinder spontan zur Welt bringen. "Sie erfahren durch das Erlebnis die eigene Kraft und Stärke."

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