Eberhard Radczuweit aus Berlin erinnert im Forum Kirche an „Russenlager“ und Zwangsarbeit Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer

Eberhard Radczuweit aus Berlin hat jetzt bei einem Vortrag im Forum Kirche über das Bürger-Engagement für "vergessene" NS-Opfer, überlebende ehemalige Zwangsarbeiter aus Ländern der damaligen Sowjetunion, berichtet. Der Vortrag lief in der Veranstaltungsreihe zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und gab zugleich einen Ausblick auf die für 2014 im Haus der Wissenschaft geplante Ausstellung ",Russenlager’ und Zwangsarbeit – Bilder und Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener".
31.01.2013, 05:00
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Von Renate Schwanebeck

Eberhard Radczuweit aus Berlin hat jetzt bei einem Vortrag im Forum Kirche über das Bürger-Engagement für "vergessene" NS-Opfer, überlebende ehemalige Zwangsarbeiter aus Ländern der damaligen Sowjetunion, berichtet. Der Vortrag lief in der Veranstaltungsreihe zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und gab zugleich einen Ausblick auf die für 2014 im Haus der Wissenschaft geplante Ausstellung ",Russenlager’ und Zwangsarbeit – Bilder und Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener".

Schwachhausen. Er hätte noch stundenlang berichten können. Und man hätte ihm weiter zugehört, als Eberhard Radczuweit vom Berliner Verein "Kontakte-Kontaktbl" über "Russenlager" und Zwangsarbeit und über das Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer in Ländern der ehemaligen Sowjetunion berichtete. Der Initiator des Projektes war auf Einladung des Bremer Freundeskreises des Vereins "Kontakte-Kontaktbl" und des Evangelischen Bildungswerkes in das Forum Kirche gekommen, um anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktages über seine Arbeit zu berichten.

"Es ist ja ein gewisses Bewusstsein in Deutschland für diesen Gedenktag vorhanden", sagte Hans-Gerhard Klatt vom Evangelischen Bildungswerk in seiner Begrüßung. "Aber es ist nur wenigen bekannt, dass es eine Opfergruppe gibt, für die die Anerkennung als NS-Opfer noch nicht gilt. Es ist ein politischer Skandal in Deutschland, der Aufmerksamkeit verlangt." Bis heute haben die sowjetischen Kriegsgefangenen, die im NS-Deutschland unter schwierigsten Bedingungen, insbesondere in der Rüstungswirtschaft, Schwerstarbeit leisten mussten und in Lagern Hunger, Seuchen und Erfrierungen ausgesetzt waren, weder die Anerkennung als NS-Opfer noch eine Entschädigung der Bundesrepublik erhalten noch eine Geste der Versöhnung erfahren. Es wird geschätzt, dass dabei etwa drei Millionen Gefangene umgekommen sind. Heute leben keine 4000 dieser Gefangenen mehr, so Eberhard Radczuweit. 1990 wurde in Berlin der Verein "Kontakte" gegründet, um das Gedenken an die Opfer wachzuhalten und den wenigen Überlebenden Unterstüzung zukommen zu lassen.

Zum zweiten Mal ins Lager

Besonders bitter muss es für diese Kriegsgefangenen gewesen sein, dass sie bei ihrer Heimkehr kaum ein besseres Los erwartete: Stalin verdächtigte sie als Vaterlandsverräter und viele landeten – wieder – im Lager. Eberhard Radczuweit, der Initiator des Projektes "Bürgerengagement für vergessene NS-Opfer", berichtete, dass in Zusammenarbeit mit der Stiftung "Erinnern, Verantwortung, Zukunft" aus Spendeneinnahmen bis heute rund 7000 ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen insgesamt fast drei Millionen Euro gezahlt werden konnten.

Im Jahre 2000 wurde im Bundestag das Gesetz zur Zwangsarbeiterentschädigung verabschiedet. Darin wurde festgelegt, dass Kriegsgefangenschaft keine Leistungsberechtigung begründet. Damals hatten 20000 ehemalige Kriegsgefangene einen Entschädigungsantrag gestellt. Radczuweit: "Ihre Anträge wurden abgelehnt, da sie sich nicht in Haftstätten aufhielten. Keine Spur von Barmherzigkeit. Das war für viele die letzte Kränkung in ihrem Leben."

Am Beispiel des Lagers Wietzendorf nahe Bremen zeigte Eberhard Radczuweit auf, welchen Qualen gerade die Kriegsgefangenen ausgesetzt waren. In Scharen aus dem Osten herbeigekarrt, mussten die Zwangsarbeiter auch im Winter 1941/42 ohne Essen und Unterkunft auskommen.Die Berliner Vereinsmitglieder schrieben 2006 eine Petition an den Bundestag. "Dieses Schreiben wurde nie beantwortet." Aber längst schon hatte das Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer den Kontakt zu den Opfern selbst gesucht. Sie in Rundbriefen angeschrieben, um Vergebung gebeten, Geldbeträge aus Spenden geschickt. Und die Opfer um ihre Lebensgeschichte gebeten. Die Resonanz war überwältigend, wie der Berliner berichtete. So habe ein 90-Jähriger geschrieben, es sei das erste Mal, dass sich jemand entschuldige. Er habe sich von dem Geld einen Anzug gekauft und alle, die ihn pflegten, zu einem Fest eingeladen.

Ein anderer, den die Berliner besuchen wollten, erwartete sie mit einem Fest mit dem ganzen Dorf. Radczuweit: "Ich glaube, das ist ein Ausdruck von Völkerverständigung, wie man ihn sonst nicht erreichen kann." Manche Opfer wurden aber auch nach Deutschland eingeladen, um die ehemaligen Arbeitsstätten zu besichtigen. Das sei für viele eine, wenn auch späte, Genugtuung gewesen, so der Referent.

Ein kleiner Bremer Aspekt, der zur Sprache kam: Der Bremer Bausenator Fischer hatte Arbeitskräfte aus dem Lager Wietzendorf angefordert. In einem Schreiben vom 11.Dezember 1941 meldete er: "Vollkommener Fehlschlag. Waren nicht arbeitsfähig. Brach Seuche aus...." Und die Bremer Baufirma Franz Brüggemann beschwerte sich: "Sie haben nichts in den Knochen." Also wurden sie, wenn sie Glück hatten, zuerst einmal zum Aufpäppeln zur Arbeit in der Landwirtschaft geschickt.

Aus den Fotos und Lebensgeschichten der kontaktierten Überlebenden hat "Kontakte" eine Ausstellung konzipiert, die 2014 in Bremen im Haus der Wissenschaft gezeigt werden soll.

Erfreulich an diesem Abend war das große Interesse der Zuhörer an der Arbeit des Bremer Freundeskreises von "Kontakte". So dürften wohl einige neue Kontakte geknüpft worden sein.

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