Herbstdeichschau

Bürger haben kein Vertrauen zum Deich

Der Deich sieht kahl aus, die Arbeiten zur Erhöhung ruhen. Während der Herbstdeichschau beruhigte der I. Oldenburgische Deichband: Der Hochwasserschutz sei trotz fehlender Ansaat gewährleistet.
28.10.2017, 07:00
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Von Georg Jauken
Bürger haben kein Vertrauen zum Deich

Wochenlang war die Straße zum Berner Fähranleger auf einer Länge von 450 Metern halbseitig gesperrt, um den Deich in diesem Abschnitt auf die erforderliche Höhe zu bringen und die Straße zu erneuern. Donnerstag wurden die Markierungsarbeiten abgeschlossen.

Georg Jauken

Berne/Lemwerder. Seit Ende August ruhen die Arbeiten am Neubauabschnitt des Weserdeichs zwischen Bundesstraße 74 und dem Berner Ortsteil Ohrt. Weil es zu unerwarteten Versackungen kam, mussten die Arbeiten vorläufig eingestellt werden. Der Hochwasserschutz ist nach Angaben von Cord Hartjen vom I. Oldenburgischen Deichband dennoch gewährleistet.

Die Unterbrechung wurde auf Empfehlung eines Baugrundgutachters veranlasst, erläuterte Petra Henken vom Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) am Rande der Herbstdeichschau. Auf diese Weise erhalte der Untergrund die Möglichkeit zur Konsolidierung. Wenn nach dem Ende der Sturmflutsaison im nächsten Frühjahr wieder an den Deichen gearbeitet werden darf, werde sich der Untergrund voraussichtlich so weit gesetzt und verfestigt haben, dass der lediglich fast fertiggestellte Deichabschnitt auf seine endgültige Höhe gebracht werden könne.

Die „Wehrhaftigkeit“ des Deichs sei aber schon jetzt durch das mächtige Kleipaket auf der Außenböschung gewährleistet, hieß es weiter. Auf eine Ansaat der Deichflächen wurde daher verzichtet. Eine dichte Grasnarbe hätte sich bis zum Winter ohnehin nicht mehr bilden können, erklärte Petra Henken, und vor der Wiederaufnahme der Arbeiten hätte das Gras wieder entfernt werden müssen.

Das derzeitige Erscheinungsbild des Deichabschnitts scheint manchen Anliegern allerdings nur wenig vertrauenerweckend. „Es entsteht der Eindruck, der Deich ist nicht fertig und nicht sicher“, räumte Petra Henken ein. Hartjen berichtete von mehreren Nachfragen besorgter Anlieger. Vor allem die Erinnerungen an die Sturmflut 1962 führen seiner Einschätzung nach zur Beunruhigung.

Zurzeit fehlen laut Hartjen an der vorgesehenen Deichhöhe von 8,20 Meter noch 50 Zentimeter. Doch schon jetzt sei der neue Deich 50 Zentimeter höher als der alte. Mit dem Hochwasserschutzwall von 1962 war schon dieser alte sieben Meter hohe Deich von etwa 1980 nicht mehr vergleichbar, ergänzte Petra Henken. „Sie hat eine ganz andere Geometrie.“

Für diejenigen, die das noch nicht beruhigt, hielten die Fachleute noch ein paar weitere Zahlen bereit. Demnach muss die Flut in der Weser zwei Meter höher als das mittlere Hochwasser auflaufen, damit das Wasser auch nur den Sicherungsweg am Deichfuß erreicht. Außerdem werde der Abschnitt regelmäßig kontrolliert. In Kürze will der Deichband zu einer Informationsveranstaltung einladen und alle Fragen zum Zustand des Deichabschnitts zu beantworten, wie Hartjen ankündigte.

Insgesamt waren die Deiche an Ochtum, Weser und Hunte diesmal „extrem grün“, wie Matthias Wenholt vom Landkreis Wesermarsch das Ergebnis der Deichschau zusammenfasste. „Die Deiche sehen gut aus.“ Ein Grund sei die Erneuerung zahlreicher Abschnitte in den vergangenen Jahren. Hinzu kam der regenreiche Sommer. „Die Deiche waren nie trocken genug, um Risse zu bilden“, erläuterte Petra Henken. „Das ist der Vorteil eines verregneten Sommers.“

Nicht nur die Deiche selbst, auch die zahlreichen Bauten sind laut Henken in einem guten Zustand. „Das sind immer die schwächsten Stellen.“ Damit nichts passiert, gelten für die Bauwerke der Entwässerungsverbände, Ver- und Entsorger, Gemeinden und Straßenbaubehörde die gleichen Sicherheitsstandards wie beim Deichbau, erläuterte Henken. Anlass zur Kritik am Zustand von Schöpfwerken und Sielen, Rohrleitungen, Überwegungen und Scharten sah sie nicht. Das gilt insbesondere für das in diesem Sommer komplett erneuerte Deichschaart in Motzen sowie für die Bundesstraße 74 in Ranzenbüttel.

Wochenlang war die Straße zum Berner Fähranleger auf einer Länge von 450 Metern halbseitig gesperrt, um den Deich in diesem Abschnitt auf die erforderliche Höhe zu bringen und die Straße zu erneuern. Vergangenen Freitag wurde die neue Straße asphaltiert, am Donnerstagnachmittag konnten die Markierungsarbeiten abgeschlossen werden.

Auf der Prioritätenliste des Oldenburgischen Deichbands für die nächsten Jahre stehen zwei Baumaßnahmen im Bereich Berne. Ganz oben steht die Fortsetzung der 2016 begonnenen Deichertüchtigung und -erhöhung zwischen Bundesstraße 74 und Ohrt. An zweiter Stelle rangiert demnach die Verlegung des Huntedeichs vor den Toren Oldenburgs. Dort sind die nördlichen Außenwände des Klosters Blankenburg Bestandteil der Deichlinie und gelten als Schwachpunkt beim Hochwasserschutz. An dritter Stelle steht die Hochwasserschutzwand in Bardenfleth, die um 50 Zentimeter erhöht werden soll, um den Sicherheitsanforderungen zu genügen.

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