SPD-Zukunftsdialog: Im Bürgerzentrum Neue Vahr tragen lokale Akteure Gabriele Lösekrug-Möller und Carsten Sieling ihre Anliegen vor

Bürger löchern Bundestagspolitiker mit Fragen

Neue Vahr Südost. Gleich zu Anfang versprach Carsten Sieling von der SPD-Bundestagsfraktion den 70 Besucherinnen und Besuchern im Bürgerzentrum Neue Vahr "heute alles anders" zu machen. Statt wie bei solchen Veranstaltungen üblich sollten an diesem Abend eben nicht erst die Politiker sprechen, um anschließend auf dem Podium zu diskutieren. Stattdessen durften vier geladene Gäste mit einer Situations-einschätzung aus ihrer Arbeit heraus beginnen und ihre "Anforderungen" an Sieling und seine Kollegin aus dem Bundestag, Gabriele Lösekrug-Möller, stellen. So sei zu sehen, "wo wirklich der Schuh drückt", sagte Sieling.
14.03.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Hasan Gökkaya

Neue Vahr Südost. Gleich zu Anfang versprach Carsten Sieling von der SPD-Bundestagsfraktion den 70 Besucherinnen und Besuchern im Bürgerzentrum Neue Vahr "heute alles anders" zu machen. Statt wie bei solchen Veranstaltungen üblich sollten an diesem Abend eben nicht erst die Politiker sprechen, um anschließend auf dem Podium zu diskutieren. Stattdessen durften vier geladene Gäste mit einer Situations-einschätzung aus ihrer Arbeit heraus beginnen und ihre "Anforderungen" an Sieling und seine Kollegin aus dem Bundestag, Gabriele Lösekrug-Möller, stellen. So sei zu sehen, "wo wirklich der Schuh drückt", sagte Sieling.

Den Anfang machte Dirk Stöver vom Quartiersmanagement Neue Vahr. Er sprach die in Zukunft zur Verfügung stehenden Finanzmittel an. Dabei richtete Stöver seinen Blick auch auf den Europäischen Sozialfonds (EFS) und auf die fragliche Anschluss-Finanzierung der Initiative "Jugend Stärken" ab 2014. Er hob auf die Bedeutung des Förderprogramms "Wohnen in Nachbarschaften" (WiN) für die Neue Vahr, besonders für seinen Arbeitsschwerpunkt "Isolation und Integration", ab. Liselotte Warnecke hält den Ausbau von Krippenplätzen in der Neuen Vahr für nötig. Die Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte Neue Vahr erwähnte die Vorteile für Kinder mit Krippenerfahrung, bevor sie in den Kindergarten kämen. Das sei gerade in einem sozial-benachteiligten Stadtteil wichtig, betonte Warnecke. Außer einer intensiveren Sprachförderung hielt sie den verstärkten Einsatz von "multiprofessionellen Teams", also Sozialarbeitern und Psychologen, für notwendig. Das kam beim Publikum gut an und wurde mit Applaus belohnt.

"Wir brauchen nicht mehr Geld, sondern einen Verständniswandel", stellte Uwe Mühlmeyer leicht provokant fest. Der Geschäftsführer des Vereins "Arbeiten für Bremen" (bras), einem Beschäftigungsträger, forderte, dass die Arbeitsagenturen sich besser an einen wandelnden Arbeitsmarkt anpassen müssten. Die Chance Bundestagsmitglieder für Themen zu sensibilisieren, nutzte auch Tetyana Dmytrenko-Joormann und hinterließ starken Eindruck. Die Diplom-Psychologin arbeitet für das Projekt "Vielfalt Treff Bremen" (siehe Seite 1).

Ihre Erwartungen an eine Politik für mehr sozialen Zusammenhalt demonstrierte sie anhand eines silbernen Topfes, aus dem sie ein Paket Reis, ein Ei und eingepackten Kaffee holte. Sie hob den Reis hoch und fragte den Moderator und Bürgerschafts-Abgeordneten Helmut Weigelt: "Was passiert mit dem harten Reis, wenn ich ihn in den Topf mit kochendem Wasser lege?" Sofort antwortete das Publikum: "Er wird weich." Sie nickte und fragte, was mit dem Ei passieren würde. "Es wird weich". Diesen Prozess erlebe Dmytrenko-Joormann auch in ihrem Arbeitsalltag, sagte sie, wenn sie Menschen aus einem fremden Land mit mangelnden Sprachkenntnissen und meist ohne Anbindung an die Gesellschaft trifft. "Erst werden diese Menschen als ,hart’ gesehen, aber mit genügend Unterstützung werden sie ,weich’." Das gelte auch für den Kaffee. Wenn sie ihn ins heiße Wasser schütte, entfalte er sein Aroma. "Glauben sie mir, viele Migranten wollen diese Tasse mit Aroma sein", sagte die seit fünf Jahren in Bremen lebende Ukrainerin.

Nach einigen Notizen traten Lösekrug-Möller und Sieling wieder vor die Besucher, um Rede und Antwort zu stehen. Gabriele Lösekrug-Möller ging auf die schlechte Situation von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer innerhalb der sogenannten "SAGE"-Berufe ein. Damit sind Berufe in den Bereichen soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege sowie Erziehung und Bildung gemeint. "Ingenieure sind zwar gefragt, aber wenn wir beim Schraubendrehen mehr verdienen als bei der Erziehung von Kindern, dann haben wir etwas falsch gemacht", sagte sie. Das Publikum zeigte sich bis zum Ende interessiert und beteiligte sich an der Diskussion. So empfand Besucher Uwe Joormann die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen als ungerecht: "Wir haben ein Anerkennungsgesetz in Deutschland, aber ich sehe bei meiner Arbeit russische Ingenieure, die nur die Tanks sauber machen dürfen, obwohl sie hoch qualifiziert sind", stellte der Schiffsingenieur aus Horn-Lehe fest. Sieling und seine Kollegin stimmten ihm zu und erklärten, dass das Gesetz zwar existiere, aber nicht "praktikabel" sei.

Die beiden Bundestagsabgeordneten gingen auch auf allgemeine Fragen der Anwesenden ein. Themen wie die Beeinflussung von Politikern durch Lobbyisten, die Privatisierung von Wasser und der Finanzausgleich gehörten dazu. Nach drei Stunden endete die Veranstaltung mit zufriedenen Gesichtern. Sieling sah den Erfolg daran, dass fast alle Besucher bis zum Ende blieben und Fragen stellten. "Bei Themen wie der Förderung von sozialen Projekten wurde sofort die kritische Frage gestellt, wie wir uns vorstellen könnten, das auch zu bezahlen. Das zeigt, dass das die Menschen hier wirklich interessiert", so Sieling.

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