Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller und Carsten Sieling stellen sich bei SPD-Zukunftsdialog

Bürger löchern Politiker mit Fragen

Welche Politik ist erforderlich, um lebenswerte, attraktive, funktionsfähige und sozial ausgeglichene Städte und Quartiere zu sichern? Darüber haben jetzt im Bürgerzentrum Neue Vahr Bürger und lokale Akteure mit den beiden SPD-Bundestagsabgeordneten Carsten Sieling und Gabriele Lösekrug-Möller diskutiert.
18.03.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Hasan Gökkaya

Welche Politik ist erforderlich, um lebenswerte, attraktive, funktionsfähige und sozial ausgeglichene Städte und Quartiere zu sichern? Darüber haben jetzt im Bürgerzentrum Neue Vahr Bürger und lokale Akteure mit den beiden SPD-Bundestagsabgeordneten Carsten Sieling und Gabriele Lösekrug-Möller diskutiert.

Neue Vahr. Gleich zu Anfang versprach der SPD-Bundestagsabgeordnete Carsten Sieling den 70 Besuchern im Bürgerzentrum Neue Vahr: "Heute machen wir alles anders." Statt langer Politikerreden sollten bei diesem "SPD-Zukunftsdialog" zunächst lokale Akteure zu Wort kommen, um anschließend auf dem Podium mit den Politikern zu diskutieren. Vier geladene Gäste sollten eine Situationseinschätzung aus ihrer Arbeit abgeben und ihre "Anforderungen" an Sieling und seine Kollegin aus dem Bundestag Gabriele Lösekrug-Möller stellen. So solle sich zeigen, "wo wirklich der Schuh drückt", sagte Sieling.

Den Anfang machte Dirk Stöver vom Quartiersmanagement Neue Vahr. Er sprach die in Zukunft zur Verfügung stehenden Finanzmittel an. Dabei richtete Stöver seinen Blick auch auf den Europäischen Sozialfonds (ESF) und auf die fragliche Anschluss-Finanzierung der Initiative "Jugend stärken" ab 2014. Stöver hob die große Bedeutung des Förderprogramms "Wohnen in Nachbarschaften" (WiN) für die Neue Vahr hervor – besonders in seinem Arbeitsschwerpunkt "Integration".

Liselotte Warnecke hält einen forcierten Ausbau von Krippenplätzen in der Neuen Vahr für nötig. Die Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte Neue Vahr erklärte, gerade in sozial benachteiligten Stadtteilen sei dies wichtig. Außer einer intensiveren Sprachförderung hält sie den verstärkten Einsatz von "multiprofessionellen Teams", also Sozialarbeitern und Psychologen, für notwendig. Das kam beim Publikum gut an und wurde mit Applaus belohnt.

"Wir brauchen nicht mehr Geld, sondern einen Verständniswandel", stellte Uwe Mühlmeyer fest. Der Geschäftsführer des Vereins "Arbeiten für Bremen" (bras), ein Beschäftigungsträger, forderte, dass sich die Arbeitsagenturen besser an einen wandelnden Arbeitsmarkt anpassen müssten. Die Chance, Abgeordnete für bestimmte Themen zu sensibilisieren, nutzte auch Tetyana Dmytrenko-Joormann – und sie hinterließ starken Eindruck. Die Diplom-Psychologin arbeitet für das Projekt "Vielfalt-Treff Bremen".

Ihre Erwartungen an eine Politik für mehr sozialen Zusammenhalt demonstrierte sie anhand eines Topfes, aus dem sie ein Paket Reis, ein Ei und eingepackten Kaffee holte. Sie hob den Reis hoch und fragte den Moderator und Bürgerschaftsabgeordneten Helmut Weigelt: "Was passiert mit dem harten Reis, wenn ich ihn in den Topf mit kochendem Wasser lege?" Sofort antwortete das Publikum: "Er wird weich." Sie nickte und fragte, was mit dem Ei passieren würde. "Es wird weich." Diesen Prozess erlebe auch sie in ihrem Arbeitsalltag, wenn sie Menschen aus einem fremden Land mit mangelnden Sprachkenntnissen und meist ohne Anbindung an die Gesellschaft treffe, sagte Dmytrenko-Joormann. "Erst werden diese Menschen als ,hart’ angesehen, aber mit genügend Unterstützung werden sie ,weich’." Das gelte auch für den Kaffee. Wenn sie ihn ins heiße Wasser schütte, entfalte er sein Aroma. "Glauben sie mir, viele Migranten wollen diese Tasse mit Aroma sein", sagte die seit fünf Jahren in Bremen lebende Ukrainerin. Gabriele Lösekrug-Möller ging auf die schlechte Situation von Arbeitnehmern in Berufen aus den Bereichen soziale Arbeit, Gesundheit, Pflege und Erziehung ein. "Ingenieure sind gefragt, aber wenn wir beim Schraubendrehen mehr verdienen als bei der Erziehung von Kindern, dann haben wir etwas falsch gemacht", sagte sie.

Das Publikum zeigte sich bis zum Ende interessiert und beteiligte sich rege an der Diskussion. So sah Besucher Uwe Joormann Ungerechtigkeit bei der Anerkennung von ausländischen Abschlüssen: "Wir haben ein Anerkennungsgesetz in Deutschland, aber ich sehe bei meiner Arbeit russische Ingenieure, die nur Tanks reinigen dürfen, obwohl sie hoch qualifiziert sind", sagte der Schiffsingenieur aus Horn-Lehe. Sieling und seine Kollegin stimmten ihm zu und erklärten, dass das Gesetz zwar existiere, aber "nicht praktikabel" sei.Die beiden Abgeordneten gingen auch auf allgemeine Fragen der Bürger ein. Themen wie die Beeinflussung von Politikern durch Lobbyisten und die Privatisierung der Wasserversorgung gehörten dazu. Nach drei Stunden endete die Veranstaltung mit zufriedenen Gesichtern.

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