Kriminalität Bürger wollen Rockerklubs loswerden

Bremen. Wie sollen Polizei und Bürger mit den Rockerclubs in der Stadt umgehen? Dazu haben sich die Kontrahenten eine spannende Diskussion geliefert. Am spannendesten wurde es, als zwei Hell's Angels vom Ortsbürgermeister ein Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit forderten.
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Von Rose Gerdts-Schiffler

Bremen. Die spannendsten Diskussionen lieferten sich die Kontrahenten am Ende der Beiratssitzung in der Arbeitnehmerkammer: Im Ausgang standen zwei breitschultrige Hell?s Angels und forderten ausgerechnet von Ortsbürgermeister Robert Bücking ein Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit: 'Gilt für uns etwa nicht die Unschuldsvermutung?' Einen Moment hielt Bücking irritiert inne. Dann konterte er entschieden: 'Dafür ist mir die Liste der euch zugeschriebenen Tötungsdelikte zu lang. Das ist einfach so.'

Kurz zuvor hatte der Viertelbürgermeister mit der durchdringenden Stimme noch einen flammenden Appell an die Zuhörer gerichtet. An die drei Rocker im Publikum gewandt, rief er in den Saal: Unterschätzt die Bürger nicht. Wir sind entschlossen, uns von niemandem mehr einschüchtern zu lassen. Gemeinsam mit einer mutigen Presse und der Polizei sind selbstbewusste Bürger eine ziemliche Macht.'

Die SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Ulrike Hiller betonte, dass die Rocker ein politisches Thema seien, das die ganze Stadt angehe. Den Auftakt zu dem Abend, der unter dem Motto stand 'Den Hell's Angels die Grenzen zeigen', machte Wolfgang Budde von der Anwohnerinitiative. Er beschrieb, wie sich das Leben der Anwohner im Rembertiviertel verändert habe, seit im Sommer 2000 erst die Hell's Angels ihr heutiges Klubgebäude Am Dobben bezogen und 2009 die Red Devils eine ehemalige Klempnerei in der Eduard-Grunow-Straße anmieteten.

Ausnahmezustand im Rembertiviertel

'Die Aktivitäten haben in den vergangenen zwei Jahren extrem zugenommen', betonte Budde. Die Feste der Klubs würden bis zu 300 Rocker aus dem niedersächsischen Umland ins Wohngebiet ziehen. Hinzu kämen 'Memorial Runs' zu Ehren Verstorbener und die wöchentlichen Klubabende. Bei den größeren Veranstaltungen herrsche 'Ausnahmezustand' im Rembertiviertel. 'Öffentlicher Raum wird wie selbstverständlich okkupiert, Verkehrsregeln gelten nicht mehr, martialisches Auftreten, ohrenbetäubender Lärm', zählte der Sprecher auf.

Eine Zuhörerin in dem voll besetzten Saal schilderte eine Szene, in der ihr ein Red Devil nach einer Beschwerde bei der Polizei gedroht habe: 'Wenn du noch mal die Bullen anrufst, schlage ich dich tot.'

Christine Kröger, Redakteurin des WESER-KURIER, warnte davor, dass Mitglieder krimineller Rockerklubs nach gesellschaftlicher Anerkennung suchten. Sie könnten sich so viel herausnehmen, weil sie 'Angst machen und weil sie geschickt vorgehen'. Außerdem benützten sie legale Geschäftsfelder, um ihr illegal verdientes Geld zu waschen. Die Redakteurin war auf Wunsch der Anwohner zu der Beiratssitzung geladen worden, da sie in der Vergangenheit wiederholt kritisch über die Rockerszene geschrieben hatte. Anhand einiger Fotos, die sie zeigte, unterstrich sie ihre These, dass die Hell's Angels gemeinsame Sache machten mit rechten Hooligans. Ein Verbot der Hell's Angels bezeichnete Christine Kröger als 'diskussionswürdig'. In dieselbe Kerbe schlug Wilhelm Hinners, innenpolitischer Sprecher der CDU. In einem gemeinsamen Antrag der CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen wird der Senat aufgefordert, künftig auf 'Grundlage einer Null-Toleranz-Strategie gegen alle Rechtsverstöße aus dem Rockermilieu vorzugehen'. Dazu seien alle Möglichkeiten des Straf-, Ordnungs- und Straßenverkehrsrechts konsequent zu nutzen. 'Kooperative Absprachen' dürfe es nicht geben, außerdem solle ein Vereinsverbot geprüft werden. Über den Antrag wird heute in der Bürgerschaft beraten.

Polizei räumt Versäumnisse ein

Polizeipräsident Holger Münch räumte am Montagabend ein, dass die Polizei in der Vergangenheit die Nöte der Anwohner von Rockerklubs nicht genug berücksichtigt habe. Künftige Beschwerden über Hell's Angels und Red Devils sollten polizeiintern so hoch gehängt werden wie Notrufeinsätze. 'Sie können von uns erwarten, dass wir bei Festen und großen Treffen der Rocker nicht auf Ihre Anrufe warten, sondern vor Ort sind', so Münch. Szenen, wie es sie zuletzt Anfang August gegeben hatte, als Hell's Angels den Verkehr 'regelten', um in Gruppen zu einem sogenannten Memorial Run zu fahren, werde es nicht mehr geben. Münch will sich außerdem so lange einmal im Monat mit den Anwohnern treffen, bis sich die Bürger und Bürgerinnen sicher fühlten und wieder Vertrauen in die Polizei hätten. Das nächste Treffen soll Anfang Dezember stattfinden.

Eine Kooperation mit den Hell's Angels oder gar Gespräche auf Augenhöhe werde es mit ihm als Polizeipräsidenten nicht geben, sagte Münch gestern auf Nachfrage. Die Polizei kooperiere nur mit 'Leuten, die gleiche Ziele und Wertvorstellungen haben'. Münch: 'Wenn die mit uns sprechen möchten, können sie sich wie jeder andere an das zuständige Revier wenden.' Große Zustimmung im Saal fand der Vorschlag der Initiative, die Waffenverbotszone von der Disko-Meile auf das Rembertiviertel auszudehnen und für Bürger eine Hotline einzurichten.

Rudolf Triller, Pressesprecher der Hell's Angels, verwahrte sich gegen die 'Pauschalverurteilung' der Mitglieder. Wer im Klub mit Drogen handele, fliege raus. Die Aussage erntete Gelächter der Umstehenden. Nach Auskunft der Polizei haben die Bremer Hell's Angels knapp 40 Mitglieder. Münch: '13 von ihnen sind auf Bewährung draußen, drei im Gefängnis.'

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