110 Bremerinnen und Bremer proben für das Musical „Hair“ / Premiere ist am 27. Juni am Goetheplatz Bürgerchor lässt den Sonnenschein herein

Bereits seit einem halben Jahr arbeitet der eigens gegründete Bürgerchor am Theater Bremen auf den großen Tag hin. Am Freitag, 27. Juni, geht mit dem Musical „Hair“ die letzte Premiere der Saison als sparten- und genreübergreifendes Projekt im Theater am Goetheplatz über die Bühne. Hits wie „Let the sunshine in“ und „Aquarius“ stehen für das von Demonstrationen geprägte Lebensgefühl der Flower-Power -Generation.
22.06.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sigrid Schuer

Bereits seit einem halben Jahr arbeitet der eigens gegründete Bürgerchor am Theater Bremen auf den großen Tag hin. Am Freitag, 27. Juni, geht mit dem Musical „Hair“ die letzte Premiere der Saison als sparten- und genreübergreifendes Projekt im Theater am Goetheplatz über die Bühne. Hits wie „Let the sunshine in“ und „Aquarius“ stehen für das von Demonstrationen geprägte Lebensgefühl der Flower-Power -Generation.

Spätestens seit Volker Lösch ist die aktive Bürgerbeteiligung an Theaterproduktionen schwer in Mode gekommen. So holte der Regisseur in „Alt, Arm, Arbeitslos“ und in seiner packenden Inszenierung von Schillers „Die Räuber“ im Theater am Goetheplatz Bürgerinnen und Bürger auf die Bühne, die ein Stück weit ihr Leben spielten.

Es ist zweifellos ein Verdienst des Generalintendanten Michael Börgerding, dass er mit Produktionen wie der „Bremer Straßenoper“, „Symptom Tanz“, „Homezone“ und „Blaubarts Burg – Oper in Walle“ das Theater immer stärker für Bürgerinnen und Bürger geöffnet hat, die Lust haben, auf der Bühne mitzuwirken.

Riesig war der Ansturm, als das Theater Anfang des Jahres die Gründung eines Bürgerchores ausrief, eine Idee von Katinka Deecke, Produktionsdramaturgin des Musicals „Hair“, das Regisseur Robert Lehniger zurzeit im Theater am Goetheplatz in Szene setzt. Premiere ist am Freitag, 27. Juni. „Wir hätten nie damit gerechnet, dass 420 Leute zum Casting kommen würden. Bei der ersten Probe waren es dann noch 330“, erzählt Thomas Ohlendorf aus der Neustadt, Leiter des Bürgerchores, selbst langjähriger Chorsänger und am Theater Bremen von Haus aus Bibliothekar.

Die Schwelle war denkbar niedrig, allein die Lust mitzumachen zählte, Notenkenntnisse waren nicht zwingend erforderlich. Inzwischen ist ein harter Kern von 110 Choristinnen und Choristen, die aus den unterschiedlichsten Berufen kommen, übrig geblieben, die seit dem 22. Januar jeden Montagabend proben. „Ja, das Lampenfieber steigt in der letzten Probewoche allmählich, in der alle Puzzleteile zusammengeführt werden“, räumen vier von ihnen ein. Unter der Leitung von Daniel Mayr, Dirigent und Direktor des Bremer Opernchores, stehen gleich zu Beginn 200 Mitwirkende auf der Bühne wie der Bürger- und der Opernchor, Mitglieder des Opern- und Schauspiel-Ensembles sowie die Tanzkompanie „Unusual Symptoms“ von Chef-Choreograf Samir Akika. Außerdem spielt neben den Bremer Philharmonikern die Rockband „Warren Suicide“.

Alle loben Thomas Ohlendorf

Für das Quartett aus dem Bürgerchor ist die Arbeit am Theater Bremen eine echte Premiere. Elisabeth Eggert aus Schwachhausen, Marion Schöne aus Habenhausen und die beiden Neustädter Konrad Zaiss und Johann Huntemann sind unisono begeistert von der motivierenden Arbeit von Thomas Ohlendorf, der bereits den Mahagonny-Werktätigen-Chor geleitet hat. „Mit Thomas würden wir jederzeit wieder arbeiten“, unterstreichen sie. Denn die eigens für die Produktion entstandenen, speziellen Arrangements des Musikers PC sind ganz schön kniffelig zu singen. „Er mischt Minimal Music mit Elektro-Pop, Rock und Klassik“, erzählt Thomas Ohlendorf. Die Ärztin Elisabeth Eggert und die Krankenschwester Marion Schöne einte der Wunsch, etwas Kreatives zu machen und dafür Mitglied in einem Chor auf Zeit zu werden. Beide finden es „unglaublich reizvoll, das Theater Bremen kennenzulernen und die Arbeit am Theater mitverfolgen zu dürfen. Außerdem kannten wir natürlich die Melodien aus ’Hair’. Wir hatten aber keine Lust auf einen klassischen Chor“, betonen sie. Die wildbewegten Zeiten der 1968er Flower-Power-Generation und der folgenden Jahre, von denen das Musical „Hair“ erzählt, haben Chorleiter Thomas Ohlendorf, Konrad Zaiss, inzwischen Rentner, und Johann Huntemann, Bankkaufmann vor dem Ruhestand, selbst miterlebt.

Während Johann Huntemann mit damals 16 Jahren die Aufbruchstimmung der Flower-Power-Generation, die auch das Musical „Hair“ prägt, eher am Rande mitbekam, kann sich Konrad Zaiss noch sehr gut daran erinnern, wie er vor dem Amerikahaus in Frankfurt gegen den Vietnamkrieg demonstrierte. „Das Musical war mir damals nicht so wichtig“, räumt er ein. „Wir haben den Fahnenflüchtigen der US Army geholfen und waren stolz darauf, dass damals kein Einziger von ihnen gefasst worden ist“, betont Konrad Zaiss.

Wie Johann Huntemann singt er selbst auch außerhalb des Theaters im Chor. „Solala“ heißt die gemischte Chorformation. Und Johann Huntemann sang zuerst bei „Singsation“ und ist jetzt bei „nota bene“ Mitglied. Außerdem singt er in der Barbershop-Formation „Main Street Man“. „Da ist auch ein ehemaliger GI Mitglied, der damals vor dem Vietnam-Einsatz geflohen ist“, erzählt der Bankkaufmann. Chorleiter Thomas Ohlendorf kann sich noch gut daran erinnern, wie Anfang der 1970er- Jahre viele Demos in eine Riesen-Protestbewegung zusammenflossen. „Der Regisseur möchte zeigen, was von dieser sozialen Bewegung der Protest-Kultur übrig geblieben ist und wie diese Protest-Kultur heute lebbar ist. Dazu gibt es Videos, die Chris Kondek von Einzelpersonen mit alternativem Lebensentwurf gedreht hat und die in die Spielszenen einfließen“, erzählt der Chorleiter. Es wird also eine modernisierte Fassung von „Hair“ geben, die näher am Original-Musical sein soll als die Verfilmung, versprechen die Beteiligten. Die über 100 Choristinnen und Choristen sind spätestens ein eingeschworenes Team, seitdem sie am 22. Februar eine „Let the sunshine in“-Flash-Mob-Aktion an verschiedenen Orten in Bremen aufgeführt haben. „Wir haben in der Bürgerschaft und in der Ostkurve des Weserstadions gesungen, aber auch im Altenheim und in der Linie 1“, erzählt das Bürgerchor-Quartett. „Ich kann mich heute noch daran erinnern, wie die Straßenbahn-Fahrerin die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hat, als wir mit so vielen Leuten in die Linie 1 eingestiegen sind“, erzählt Johann Huntemann schmunzelnd. „Und viele Menschen haben dann einfach mitgesungen.“

Das Musical „Hair“ hat am Freitag, 27. Juni, um 20 Uhr Premiere. Weitere Vorstellungen, Sonntag, 29. Juni, um 18 Uhr, Montag, 30. Juni, 20 Uhr. Karten sind an der Theaterkasse am Goetheplatz ab 15 Euro zu haben. Karten und informationen unter Telefon 3 65 33 33.

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