Rede vor jüdischer Gemeinde Bremen

Bürgerschaftspräsident fordert Antisemitismusbeauftragten

Der Präsident der Bremischen Bürgerschaft Frank Imhoff hat in einer Rede vor der Jüdischen Gemeinde einen Antisemitismusbeauftragten für Bremen gefordert.
17.10.2019, 18:45
Lesedauer: 2 Min
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Bürgerschaftspräsident fordert Antisemitismusbeauftragten
Von Nico Schnurr
Bürgerschaftspräsident fordert Antisemitismusbeauftragten

Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff setzt sich für einen Antisemitismusbeauftragten für Bremen ein.

Frank Thomas Koch

Als Elvira Noa am Donnerstagabend in die Bremer Synagoge blickt, erinnert sie sich zurück. Etwas mehr als eine Woche her bloß, dass die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde hier gebetet und Jom Kippur gefeiert hat, bevor die Polizei das höchste jüdische Fest unterbrach. Sie solle mitkommen, habe die Beamtin zu ihr gesagt, erzählt Noa. Sie müsse keine Angst haben, aber gleich würden noch einige Beamte mehr anrücken, um die Synagoge zu schützen. Als die Polizistin ihr erklärt, warum, als sie von Halle berichtet, dem Anschlag auf eine Synagoge, da, erinnert sich Noa, „musste ich mit Macht meine Tränen zurückhalten“. Sofort, wie ein Reflex, habe sie zurückdenken müssen an die Zeit vor 80 Jahren, „als auch in Bremen eine Synagoge brannte und fünf Menschen starben“.

Acht Tage später steht Noa vorne in der Bremer Synagoge und blickt ins Publikum. 450 Menschen sitzen da, einige Politiker aus der Bürgerschaft, Vertreter der Kirchen, viele Bremer auch, die zum ersten Mal da sind. Alle haben sie sich in den Saal gedrängt, kein Platz mehr frei, also hören einige hinten im Stehen zu, wie Elvira Noa über die Verbrechen der Nazis spricht und dann sagt: „Heute ist es anders.“ Damals hätten die Menschen Beifall geklatscht, geschwiegen, weggeschaut, auch in Bremen. „Und heute“, sagt Noa, „heute sehe ich sie alle hier.“ Die Jüdische Gemeinde hat nach dem Anschlag in Halle zu einem Gebet in die Bremer Synagoge eingeladen, und nun nutzt Noa die Kulisse, um für Vielfalt zu werben. Sie spricht mit ruhiger Stimme, besonnen, aber bestimmt. Sie sagt, jeder solle in Bremen ein menschenwürdiges Leben führen können, egal woher er komme, wie er aussehe oder woran er glaube. Als sie fertig ist, brandet auf Applaus auf.

Zuvor steht Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff (CDU) vor dem erhöhten Pult in der Synagoge. Er erzählt von antisemitischen Sachbeschädigungen, Schmierereien, umgeworfenen Grabsteinen. In Bremen, jeden Monat wieder. „Wir dürfen dem Antisemitismus keinen Millimeter Raum geben“, sagt Imhoff. Dann fordert er einen Antisemitismusbeauftragten für Bremen. Bevor Mustafa Güngör, Fraktionsvorsitzender der Bremer SPD, auf Twitter schreiben wird, man brauche niemanden, „dem oder der man die Verantwortung übertragen kann und denkt, damit sei das Problem gelöst“, sagt Imhoff in der Synagoge: „Ein Antisemitismusbeauftragter wäre ein gutes Zeichen, um nach den schrecklichen Ereignissen in Halle nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen.“

Was macht man als jüdische Gemeinde, wenn ein paar Bundesländer weiter ein antisemitischer Anschlag passiert, zwei Menschen sterben und nur eine stabile Sicherheitstür ein noch größeres Blutbad verhindert? Sich abschotten oder öffnen? Er habe lange darüber nachgedacht, sagt Grigori Pantijelew, stellvertretender Vorsitzender der Gemeinde. Eigentlich sei er ein Kopfmensch. Diesmal aber habe er auf sein Bauchgefühl gehört. Als sich die Synagoge langsam leert und sich Hunderte Menschen in den Bremer Abend schieben, ahnt er: Es war die richtige Entscheidung.

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