Wetter: wolkig, 7 bis 15 °C
Sieben Prozent für die AfD
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

AfD zieht in Fraktionsstärke in die Bürgerschaft

Ralf Michel 26.05.2019

Es hätten gerne ein paar Prozente mehr sein dürfen, aber am Ende überwiegt bei Frank Magnitz (rechts) und seinen Parteifreunden am Sonntagabend dann doch die Freude über das Erreichen der Fraktionsstärke.
Es hätten gerne ein paar Prozente mehr sein dürfen, aber am Ende überwiegt bei Frank Magnitz (rechts) und seinen Parteifreunden am Sonntagabend dann doch die Freude über das Erreichen der Fraktionsstärke. (Ralf Michel)

Als um kurz nach 18 Uhr bei der Prognose im Fernsehen die voraussichtliche Sitzverteilung in der kommenden Bürgerschaft anzeigt, kommt dann doch so etwas wie Freude auf im Büro des AfD-Landesverbandes. Das Grüppchen an dem Stehtisch um Spitzenkandidat Frank Magnitz klatscht sich gegenseitig zu. Geschafft, die AfD wird in Fraktionsstärke im nächsten Landtag sitzen.

Sieben Prozent der Stimmen und sechs Mandate sind es laut Prognose. Trotzdem hält sich der Jubel bei der Wahlparty in Grenzen. Bleibt es bei den sieben Prozent, sind das gerade 1,5 Prozent mehr als vor vier Jahren. Man hatte sich deutlich mehr ausgerechnet. Und das gibt Magnitz auch unumwunden zu. „Zehn Prozent plus X“ lautete sein selbst gestecktes Ziel für eine starke Oppositionspolitik. Acht Prozent wären okay, hatte er eine Stunde zuvor im Gespräch mit dem WESER-KURIER gesagt. „Und wenn es sieben werden, könnten wir damit auch leben. Aber ein bisschen enttäuschend wäre das schon.“

„Ein bisschen enttäuschend“

Am Ende sind es laut Prognose tatsächlich nicht mehr als sieben Prozent. Aber wichtiger ist für Magnitz ohnehin die Fraktionsstärke seiner Partei. „Alles, was darunter gewesen wäre, wäre für die Oppositionsarbeit schwierig gewesen“, sagt er. Und schaltet dann, ganz AfD, sofort in den Angriffsmodus. Die Zeit von Friede, Freude, Eierkuchen in der Bürgerschaft, in der keiner den Mut habe, Akzente zu setzen, sei nun vorbei. „Denn genau das werden wir tun.“

Womit Magnitz eine Kurswende seiner Partei ankündigt. Schon bei der Wahl 2015 hatte die AfD vier Mandate erreicht, eines zu wenig für eine Fraktion. Da sich aber schon unmittelbar nach der Wahl drei Mandatsträger von der AfD verabschiedeten, saß mit Alexander Tassis letztlich nur ein einziger AfDler in der Bürgerschaft. Und der war noch dazu mit Magnitz und dem Landesverband heillos zerstritten.

Der CDU-Spitzenkandidat Carsten Meyer-Heder zeigte sich auf der Wahlparty erfreut über das Ergebnis seiner Partei.
Bremens Regierungschef Carsten Sieling (SPD) hat mit Enttäuschung auf das schlechte Abschneiden der Sozialdemokraten bei der Landtagswahl im kleinsten deutschen Bundesland reagiert. Das könne nicht zufrieden stellen, sagte der 60-Jährige am Sonntagabend kurz nach Bekanntwerden der ersten Prognosen vor Anhängern.
Nach dem guten Abschneiden der Grünen in Bremen hat sich die Fraktionsvorsitzende der Ökopartei im kleinsten Bundesland, Maike Schaefer (links), für jede denkbare Dreier-Koalition offen gezeigt. Daneben sei laut den Prognosen von ARD und ZDF nur eine große Koalition möglich.
Die Spitzenkandidatin der Bremer Linken, Kristina Vogt, hat betont, dass ihre Partei für ein rot-rot-grünes Bündnis zur Verfügung steht. Die Wahlprogramme aller drei Parteien zeigten deutliche Übereinstimmungen, sagte Vogt am Sonntagabend. Es sei klar geworden, dass die Bremer einen Politikwechsel wollen. Im Wahlkampf habe die Linke eine starke Unterstützung aus der Bevölkerung gespürt.
Fotostrecke: Stimmen zur Bürgerschaftswahl: Meyer-Heder will Bürgermeister werden

Aber auch das soll nun anders werden. „Wir haben jetzt eine Truppe, die zusammenhält“, kündigt Mark Runge an, der auf Platz vier der AfD-Liste kandidierte und verspricht „konstruktive Sachpolitik“ im Parlament. „Das werden wir in den nächsten vier Jahren beweisen.“

Wie weit die AfD derzeit noch von einer „normalen“ Partei entfernt ist, zeigte der Wahlabend in aller Deutlichkeit. Als einzige Partei feierte die AfD ihre Wahlparty nicht in einer angemieteten Lokalität. Sie hätten zwar gerne, aber niemand wollte ihnen dafür seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Zu groß die Gefahr, damit die andere Kundschaft zu verärgern oder gar Ziel von Anschlägen zu werden. Also feierte man notgedrungen in den Geschäftsräumen des Landesverbandes in der Helgolander Straße. Am Wahlabend leicht zu erkennen an dem Polizeitransporter direkt vor der Tür.

Die Polizei war tatsächlich vonnöten

Im Haus selber geht es eine steile Treppe hoch in den ersten Stock. Frank Magnitz ist schon um kurz vor 17 Uhr da und mit ihm drei auffällige Herren im dunklen Anzug. Sein Begleitschutz vom Bundeskriminalamt – seit dem Überfall im Januar bekommt Magnitz, der auch Bundestagsabgeordneter ist, Personenschutz.

In einem kleinen Raum nebenan stehen Platten mit belegten Brötchen. Die AfD hat reichlich aufgefahren, gut und gern 200 Brötchenhälften dürften es sein. Dazu kommt ein großer Kuchen mit dem AfD-Schriftzug und Logo. „Müssen uns drauf einigen, ab wie viel Prozent wir ihn anschneiden“, witzelt Magnitz, kurz bevor die Prognosezahlen bekannt gegeben werden. 

Die Zahl der Teilnehmer an der Wahlparty, die sich am Ende im dritten Stock vor dem Fernseher im improvisierten Wahlstudio aufbauen, bleibt allerdings überschaubar. Knapp zwei Dutzend sind gekommen. Lange Zeit sind die Journalisten, die sich in den engen Räumlichkeiten drängen, in der Überzahl.

Mehr zum Thema
Bürgerschaftswahl und Volksentscheid 2019: Wahlblog: SPD, Grüne und Linke verhandeln über Rot-Grün-Rot in Bremen
Bürgerschaftswahl und Volksentscheid 2019
Wahlblog: SPD, Grüne und Linke verhandeln über Rot-Grün-Rot in Bremen

Die Sondierungsgespräche zur Bildung eines neuen Bremer Senats sind beendet. Hier erfahren Sie ...

 mehr »

Erst als die meisten von ihnen mit den Statements von Magnitz & Co. im Gepäck die Wahlparty wieder verlassen haben, entspannt sich die gesamte Szenerie spürbar. In kleinen Gruppen stehen die AfDler zusammen, blicken plaudernd voraus auf die kommenden vier Jahre. Brötchen gibt es ja reichlich und die sieben Prozent haben dann letztlich auch fürs Anschneiden des Kuchens gereicht.

Unten vor der Tür zeigt sich inzwischen, dass die Polizei tatsächlich vonnöten war. Es hat sich herumgesprochen, wo die AfD den erneuten Einzug in die Bürgerschaft feiert. Etwa 40 Demonstranten sind gekommen und skandieren Anti-AfD-Parolen. Die Polizei schirmt das AfD-Büro ab. Der Protest verläuft zwar laut, aber friedlich.

Wir haben für Sie die Diskussion zur Bürgerschaftswahl 2019 unterhalb des Liveblogs gebündelt. Dort können Sie gerne kommentieren. Wir freuen uns über Ihren Beitrag unter www.weser-kurier.de/bremenwahl-liveblog


Sonntagsfrage
Zufriedenheit mit den Spitzenkandidaten