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Stadtentwicklung
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Bremen baut auf Wachstum

Jürgen Hinrichs 24.03.2019 6 Kommentare

Wie andere Großstädte braucht auch Bremen mehr Wohnraum, vor allem für Menschen mit geringerem Einkommen.
Wie andere Großstädte braucht auch Bremen mehr Wohnraum, vor allem für Menschen mit geringerem Einkommen. (Daniel Reinhardt/dpa)

Bremen als wachsende Stadt – das ist das Credo des rot-grünen Senats. Und tatsächlich: Bremen wächst. Ein bisschen auch an Fläche, was kaum jemand weiß. Der Nachbar Niedersachsen war so freundlich, auf der Luneplate bei Bremerhaven ein großes Stück Land an Bremen abzutreten, fast 15 Quadratkilometer, die seit ein paar Jahren als ökologische Ausgleichsfläche für den Hafenbau dienen. Mehr noch nimmt Bremen aber an Einwohnern zu. Seit dem Jahr 2011 gibt es in der Stadt einen steten Anstieg, von 544 000 auf zuletzt 568 000 Menschen. Eine echte Trendwende, denn vorher stagnierte die Zahl mehr oder weniger.

Doch wie sieht es in anderen Städten aus? Ist die Bremer Entwicklung außerordentlich oder passt sie ins allgemeine Bild? Nach einer Untersuchung der Handelskammer ist beides der Fall: Fast überall wird ein Wachstum der Bevölkerung verzeichnet, insofern ist Bremen kein Einzelfall und ergänzt den Gesamteindruck. Eine Ausnahme ist die Hansestadt trotzdem: Sie wächst beträchtlich langsamer, wie die Kammer feststellt. Der Wert zum Beispiel für Leipzig liegt im gleichen Zeitraum dreimal so hoch, auch Städte wie Köln, Dresden, Stuttgart und Hannover haben deutlich stärker zugelegt als Bremen.

Hinzu kommt, so die Handelskammer, dass Bremens Neubürger in erster Linie aus dem Ausland stammen und deutlich häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen sind als Zuwanderer aus dem Inland. Menschen dagegen, die in Bremen erwerbstätig sind, würden mit ihren Familien den Wohnsitz häufig ins Umland verlagern, weil sie dort erschwingliche Wohnungen und Häuser finden und die Infrastruktur intakt ist.

Ein Problem, das Rot-Grün erkannt hat und jetzt anpackt. Wo auf städtischer Fläche gebaut wird, aktuell zum Beispiel in der Gartenstadt Werdersee und künftig möglicherweise auf der alten Galopprennbahn, sollen nicht nur Wohnungen entstehen, sondern auch Einfamilienhäuser. Gleichzeitig müssen die Investoren in der Regel für günstigen Wohnraum sorgen. Dafür gilt eine Quote von 25 Prozent, so viel wird sozial gefördert. Ein Beispiel ist das 200-Millionen-Projekt Schuppen 3 in der Überseestadt. Neben 360 Eigentumswohnungen werden dort in den nächsten zwei Jahren 160 Einheiten gebaut, die in den Bestand der Wohnungsgesellschaft Gewoba übergehen und zu verträglichen Quadratmeterpreisen vermietet werden.

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Im alten Hafen sind in den vergangenen 15 Jahren hauptsächlich Wohnungen der höheren Kategorie entstanden. Die Stadt war froh, dass in dem Gebiet investiert wird und hat die Projekte erst einmal laufen lassen. Doch nun steuern Politik und Verwaltung intensiver, was auf den Flächen passiert. Nicht allein, weil in Bremen dringend Wohnraum für Menschen geschaffen werden muss, die wenig im Portemonnaie haben. Das Ziel ist auch, die einzelnen Quartiere stärker sozial zu durchmischen. Es soll nicht überall so werden wie zum Beispiel im Neubaugebiet auf dem Stadtwerder. Dort zu wohnen, ist ohne Ausnahme besonders teuer und bedient nur eine bestimmte Klientel.

Bremen wächst, und in Bremen wird gebaut. Allerdings bei weitem nicht so viel, wie der Senat sich das wünscht. Die SPD erhebt den Anspruch, in jedem Jahr mindestens 2500 neue Wohnungen zu schaffen. Mit den großen Vorhaben, die in der Planung sind oder bereits angegangen wurden, könnte das irgendwann gelingen. Zurzeit liegt die Zahl der fertiggestellten Einheiten allerdings noch deutlich darunter. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes waren es im Jahr 2017 exakt 1629 Wohnungen, die bezogen werden konnten. Für 2018 liegen noch keine Daten vor. Schaut man über einen Zeitraum von zehn Jahren zurück, zeigt die Kurve immerhin stetig nach oben. 2009 waren es 562 Einheiten, fünf Jahre später 1183.

Damit es schneller vorangeht und mehr Volumen entsteht, will Bremen in den nächsten Jahren verstärkt die beiden Wohnungsbaugesellschaften Gewoba und Brebau einspannen. Die Möglichkeiten dazu gibt es jetzt. Die Brebau ist in diesen Wochen durch den Kauf der Sparkassen-Anteile an dem Unternehmen komplett in kommunalen Besitz übergegangen. „Wir werden in Bremen auch in den kommenden Jahren viele neue Wohnungen bauen müssen, und die Brebau wird in diesem Sinne ein weiterer wichtiger Motor für die Wohnungsbaupolitik des Bremer Senats sein“, erklärte Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) nach Vertragsabschluss.

Teil des Instrumentenkastens wird stärker als bisher auch die Gewoba sein. Im Zusammenhang mit dem Brebau-Deal gab es dort eine maßgebliche Veränderung. Die Banken, speziell die Sparkasse Bremen, halten künftig nur noch 24,9 Prozent der Aktien und haben ihre Sperrminorität verloren. Bremen kann damit als Mehrheitsgesellschafter ohne große Hindernisse auf die Geschäftspolitik einwirken. Die Gewoba dürfte wesentlich mehr Wohnungen bauen, als sie das in der Vergangenheit getan hat.

Die wachsende Stadt – ein Label, das sich vor langer Zeit auch Hamburg ans Revers geheftet hat. Die Elbmetropole formuliert diesen Anspruch mittlerweile aber anders, sie will nicht mehr nur wachsen, sondern auch grün und gerecht sein. Das sind Merkmale, die ein Image prägen, Teile von Selbstfindung. Wenn man Stadtentwicklung so begreift, steht Bremen erst am Anfang.


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