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Bremens größtes Büro

Lisa Boekhoff 14.04.2019 0 Kommentare

Ausblick in die Berge. An diesen Rechnern ist ab dem Wahlsonntag allerdings wenig Zeit für Träumereien. Im Auszählzentrum geben die Wahlhelfer die Stimmen der Bremer ein.
Ausblick in die Berge. An diesen Rechnern ist ab dem Wahlsonntag allerdings wenig Zeit für Träumereien. Im Auszählzentrum geben die Wahlhelfer die Stimmen der Bremer ein. (Frank Thomas Koch)

1500 Quadratmeter, 150 Arbeitsplätze – das dürfte Bremens größter Büroraum sein. Allein es ist kein gewöhnliches Büro. Denn im ersten Stock des Alten Postamts 5 befindet sich das Auszählzentrum für die Bürgerschafts- und Beiratswahl. Um die 600 Menschen werden hier dafür Sorge tragen, die Stimmen der Bremer zu verarbeiten. Schon jetzt sind die Schreibtische vorbereitet. Der Aufbau hat im Dezember begonnen. Kleinigkeiten, wie die Software auf den Rechnern, fehlen noch.

Das Büro mit dem mausgrauen Teppich ist funktional. An Kabeln von der Decke hängen laminierte Nummernschilder, Rohre liegen frei. Chichi und grelle Farbe sucht der Betrachter vergeblich. Drucker, Stühle und Stellwände sind ordentlich aufgestellt – ein unaufgeregtes Grau-Schwarz-Weiß-Design. „Betongrau“, präzisiert Martin Kesper, Referatsleiter im Wahlamt des Statistischen Landesamts, für die Theatervorhänge. In der Vergangenheit gab es von den Wahlhelfern Beschwerden wegen der Lautstärke. Nun sollen die Vorhänge aus Molton zwischen den Reihen die Geräusche dämmen.

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Zum dritten Mal werden hier mit Blick auf den Bremer Hauptbahnhof die Stimmen der Bremer ausgezählt. Nichts soll die Wahlhelfer stören – auch nicht die vorbeifahrenden Züge. Doch was ist das? „Woher kommt dieses Pfeifen?“, fragt Kesper. Ist es eine der Leuchtröhren? Der Referatsleiter muss auf Störendes, Geräusche und Flackern des Lichts achten, damit am Wahltag bei aller Hektik so viel Ruhe wie möglich herrscht. 2011 musste für Durchsagen noch ein Megafon herhalten. Nun gibt es dafür richtige Lautsprecher.

Eine logistische Herausforderung

Jeweils zu dritt werden die Stimmen aus den Wahllokalen und der Briefwahl eingespielt: Einer liest vor, einer gibt ein, einer kontrolliert. Pausen können damit nur im Kollektiv gemacht werden. Am Kopfende der 75 Schreibpools sitzt ein Vorsteher und überprüft gleichzeitig zwei Teams. Zusammen bilden die sieben einen Wahlvorstand.

In die Nacht hinein dürfte hier am Wahlsonntag gearbeitet werden. 70 Hochrechnungsbezirke gibt es, die eine Expertin des Statistischen Landesamts ausgemacht hat, weil sie das Wahlergebnis in der Vergangenheit gut repräsentiert haben. Darunter sind 52 der 348 Wahllokale und 18 der 115 Briefwahlbezirke. Gegen 24 Uhr soll das Ergebnis dieser Auszählung stehen.

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Volksentscheid, Europawahl, Beiratswahl, Bürgerschaftswahl – der Bremer Superwahltag ist für Kesper und seine Kollegen eine logistische Herausforderung. Wann die Urnen aus den Wahllokalen kommen, da gebe es sogar eine gewisse Ungewissheit. In der kompletten Woche nach der Wahl wird gezählt – eine 40-Stunden-Arbeitswoche lang. Doch Kesper denkt auch an die Bürger: „Ich glaube, wir verlangen den Wählern einiges ab.“

Urne an Urne im Lager des Statistischen Landesamts im Alten Postamt.
Urne an Urne im Lager des Statistischen Landesamts im Alten Postamt. (Frank Thomas Koch)

Hunderte Wahlurnen formen ein lebloses Stillleben

Im Lager laufen die Vorbereitungen für die Wahllokale. „Zutritt verboten“ und „Wahlamt Bremen“ heißt es auf Zetteln an der Tür. Daneben hängt einer mit dem offiziell klingenden Titel „ZdA – Zentrum für Arbeit“. Ein Scherz der Kollegen aus dem Statistischen Landesamt. In den beiden Räumen reihen und türmen sich Hunderte Wahlurnen zu einem besonders leblosen Stillleben.

Die ersten Stimmzettel sind da. Allein vier Paletten mit dem Volksentscheid zur Galopprennbahn stehen hier nebeneinander. Am Wahlsonntag werden die vorbereiteten Stimmen ab 18 Uhr zunächst in den Wahllokalen gezählt. Dann trudeln die Urnen mit den Wahlzetteln für Bürgerschaft und Beiräte sowie der Volksentscheid nach und nach in das Auszählzentrum zurück. Die Europawahl wird direkt in den Wahllokalen ausgezählt. Die Ergebnisse werden an 35 Stützpunkte gebracht, von dort eingesammelt und dann erst eingegeben.

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In einem der beiden Lagerräume läuft Musik. Am langen Tresen tüten Laurenz Berger und Heike Schnakenberg, Mitarbeiter des Statistischen Landesamts, Gummiringe, Büroklammern, Klebestreifen und Kugelschreiber in Umschläge für die Wahllokale ein. Immer mal wieder kommen sie dafür kurz rüber aus dem Büro auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Eine gute Abwechslung“, sagt Schnakenberg. Auf einem Schmierzettel kontrolliert sie die Funktionstüchtigkeit der älteren Kulis. In der Wahlkabine soll es am Schreibgerät nicht scheitern. In die Umschläge kommen auch grüne Fingerhüte, weil die Wahlhelfer in den Lokalen am 26. Mai immer wieder im Wahlverzeichnis blättern müssen. Gummiringe, Kulis, Fingerhüte – der Umschlag ist voll.

Hinter Berger und Schnakenberg befindet sich unscheinbar ein kleines Wahlarchiv: die Stimmen für die Bundestagswahl 2017 und die Europawahl 2014. Die müssen derzeit noch aufbewahrt werden. Ein Stück weiter stapelt sich ein Vorrat an Toilettenpapier. „Wir müssen auch an die kleinen Sachen denken“, sagt Laura Kersting, Kespers Kollegin im Wahlamt. 600 Menschen werden immerhin im Büro zusammenarbeiten.

Die fensterlosen Lagerräume dominieren die Wahlurnen: Das Modell Mülltonne in Schwarz steht etikettiert bereit. Darin landet die Briefwahl zur Bürgerschaft. Direkt daneben stehen kleinere Urnen für die Briefwahl zur Europawahl. Die Stimmen zur Wahl des Parlaments werden später zentral ausgezählt im Aus- und Fortbildungszentrum.

Fingerhüte für die Wahllokale sind nötig, weil die Wahlhelfer immer wieder im Wählerverzeichnis nach Namen blättern werden.
Fingerhüte für die Wahllokale sind nötig, weil die Wahlhelfer immer wieder im Wählerverzeichnis nach Namen blättern werden. (Frank Thomas Koch)

Schulungen beginnen nach Ostern

Die Berufungen zur Wahl werden in diesen Tagen verschickt. Erst damit wissen diejenigen, die sich freiwillig gemeldet haben, dass sie zum Einsatz kommen sollen. Einige haben sich bereits gewundert, bisher keine Rückmeldung auf das Angebot bekommen zu haben. „Wer Wahlhelden will, muss erst mal Organisationshelden beauftragen“, schrieb eine Leserin deshalb dem WESER-KURIER.

Die Schulungen für die Wahlhelfer beginnen nach Ostern. Das sei relativ spät angesetzt, damit das Gelernte nicht direkt wieder vergessen werde, sagt Kesper. 1400 Wahlhelfer müssten geschult werden: die Vorsteher und Schriftführer der 348 Urnenwahlvorstände, 100 Helfer bei der Auszählung der Briefwahl für das Europaparlament, alle im Auszählzentrum.

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Dort unterstützen 40 Auszubildende der Behörden als Ansprechpartner die Wahlhelfer und 20 bis 30 Mitarbeiter des Statistischen Landesamts. Die Betreuung soll eng sein. Stimmzettel werden bemalt, mit Sprüchen versehen und Ecken abgerissen. Zusammen muss entschieden werden, ob das Votum dennoch gültig ist. Die Freiwilligen im Auszählzentrum sind die ganze Woche dort im Einsatz. Kesper geht davon aus, dass wieder viele Studenten, Rentner und Arbeitslose dabei sein werden. „Es gibt auch Leute, die nehmen eine ganze Woche Urlaub dafür“, sagt Kesper. Mitarbeiter der Verwaltung würden nur bei der Urnenwahl am Sonntag eingesetzt.

Nach dem Superwahltag kommen alle Utensilien wieder zurück ins Lager und müssen sortiert werden: Gummiringe, Kulis, Fingerhüte. Und es muss Platz geschaffen werden: Um die Stimmzettel der Bürgerschafts- und Beiratswahl ordnungsgemäß zu archivieren, braucht es am Ende 920 große Umzugskartons.

Post gibt es bald für alle Wahlberechtigten: Ab diesem Montag gehen die Wahlbenachrichtigungen raus.


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Zufriedenheit mit den Spitzenkandidaten