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Spitzenkandidatin Maike Schaefer im Porträt
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Das neue Gesicht der Bremer Grünen

Norbert Holst 01.05.2019 1 Kommentar

Wahlveranstaltung der Grünen: Mit „Bass statt Hass“ im Römer erfüllte sich Spitzenkandidatin Maike Schaefer einen lang gehegten Wunsch.
Wahlveranstaltung der Grünen: Mit „Bass statt Hass“ im Römer erfüllte sich Spitzenkandidatin Maike Schaefer einen lang gehegten Wunsch. (Karsten Klama)

Der Abend ist ihr eine Herzensangelegenheit. „Bass statt Hass“ heißt es im Römer. Es ist eine Wahlkampf-Veranstaltung der Grünen – eine der besonderen Art. „Für Vielfalt und Toleranz, gegen rechte Hetze“ lautet das Motto. Mehr als 200 Rockfans strömen in den Club im Fehrfeld, zeitweise muss der Einlass gestoppt werden. Gleich die erste Band, Gills of the Tench, legt so richtig los. Knallharte Riffs, wummernde Bässe. Maike Schaefer steht in der ersten Reihe, wippt begeistert mit.

Mit diesem Abend hat sich die Grünen-Spitzenkandidatin für die Bürgerschaftswahl einen kleinen Traum erfüllt. Viele Jahre lang hatte sie sich für eine Veranstaltung nach dem legendären „Rock gegen Rechts“-Vorbild stark gemacht. Doch stets war sie damit bei ihren Parteifreunden auf Granit gestoßen. Diskussionsveranstaltungen seien zielführender, hieß es. Doch Schaefer zeichnet eine bemerkenswerte Hartnäckigkeit aus, die man der klein gewachsenen Frau auf den ersten Blick gar nicht zutraut. Jetzt, als Spitzenkandidatin, hat sie „Bass gegen Hass“ durchgesetzt. Ihre kecke Forderung an die Partei: „Ich schenke euch drei Monate meines Lebens, dann will ich auch diesen Abend haben.“

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Tatsächlich ist Maike Schaefer in diesen Tagen fast rund um die Uhr auf Achse. Eine Frage wird ihr von Journalisten immer wieder gestellt: „Sie haben ja ein kleines Kind. Wie machen Sie das?“ Die Grünen-Politikerin kann und mag nicht verbergen, dass diese Frage nervt. „Ich habe einen sehr emanzipierten Mann. Wir teilen uns die Aufgaben“, sagt sie kurz angebunden. Und Punkt.

Das Genervtsein ist eher ein Ausnahmezustand. Meistens ist Schaefer recht locker drauf. Für eine Politikerin, die jetzt im Rampenlicht steht, ist sie zudem bemerkenswert offen. So auch beim Treffen im Kaffeehaus Classico am Markt. Obwohl die Zeit eigentlich knapp ist. Am nächsten Tag hat der Ehemann Geburtstag. Mit ihrem achtjährigen Sohn Louis will Schaefer noch einen Kuchen für den Papa backen. „Ich bin eigentlich nicht so der Typ perfekte Hausfrau“, sagt sie freimütig. Ihr Ding ist vielmehr die Zeit auf dem familieneigenen Kajütsegelboot. Und seit zwei Jahren ist Schaefer auch noch leidenschaftliche Imkerin. In ihrem Garten in Vegesack kümmert sie sich um zwei Bienenvölker. Tatsächlich fragt man sich dann doch irgendwann: „Wie kriegt die Frau das nur alles unter einen Hut?“

Lange Zeit im Schatten der langjährigen Senatorinnen

„Sie ist einfach eine Power-Frau“, heißt es in ihrem Umfeld – durchaus mit dem Ton der Bewunderung. Schaefer passt ideal zum neuen Bild, das die Grünen an der Bundesspitze abgeben. Das vor gut einem Jahr gewählte Führungsduo mit Annalena Baerbock und Robert Habeck kommt für die Ökopartei einer Runderneuerung gleich. Mit Maike Schaefer präsentieren nun auch die Bremer Grünen ein neues Gesicht. Zwar ist die 47-Jährige bereits seit vier Jahren Fraktionschefin, doch lange Zeit hat sie im Schatten der beiden langjährigen Senatorinnen Karoline Linnert und Anja Stahmann gestanden.

Seit 2002 ist Schaefer Mitglied der Partei. In ihrer politischen Karriere hat sie die ganze „Ochsentour“ mitgemacht: Mitglied im Neustädter Beirat, Beisitzerin im Landesvorstand, Abgeordnete der Bürgerschaft, schließlich Vorsitzende der Fraktion. Und nun die Spitzenkandidatur für die Bürgerschaftswahl. Die kam allerdings nur über Umwege zustande.

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Die Landesspitze der Grünen hatte es fein ausgekungelt: Als Spitzen-Trio sollten Linnert, Stahmann und Schaefer bei der Bürgerschaftswahl ins Rennen gehen, die Finanzsenatorin war als Spitzenkandidatin vorgesehen. Doch die Basis maulte – und setzte eine Urwahl durch. Schaefer trat gegen Linnert an. Doch die Senatorin setzte der Partei die Pistole auf die Brust: Sie kündigte an, nur als Spitzenkandidatin für die Landesliste zur Verfügung zu stehen. Schaefer gewann die Wahl mit 53,9 Prozent. Linnert hatte sich verzockt.

Die Siegerin sieht vor allem inhaltliche Gründe für den Ausgang der Wahl. Linnert stehe für Finanzpolitik, sie dagegen – als Biologin – natürlich für Ökologie, aber auch für Soziales. Und so ist es kein Zufall, dass Ende März bei einem Treffen der Grünen-Fraktionschefs in Bremen die Misere auf dem Wohnungsmarkt im Mittelpunkt steht. Maike Schaefer, Katrin Göring-Eckardt und Sven Giegold vertreten auf der abschließenden Pressekonferenz den grünen Dreiklang der Fraktionsvorsitzenden – Länder, Bund, Europa. Die Bürgerschaftswahl wirft ihren Schatten voraus: Überregionale Medien sind mit mehreren Kamerateams vertreten.

Die Ideen gegen den Mietenwahnsinn bleiben zumeist plakativ

Vielleicht wirkt Schaefer deshalb ein wenig nervös. Oder, weil Göring-Eckardt und Giegold als Politik-Urgesteine jede Menge Routine ausstrahlen. Oder, weil der Attac-Mitbegründer Giegold fast die ganze Zeit an seinem Handy rumspielt. Das Trio hat nicht seinen besten Tag erwischt. Die Ideen der Ökopartei gegen den Mietenwahnsinn bleiben zumeist plakativ. Und das bei einem Thema, das vielen Menschen auf den Nägeln brennt. Innerhalb von zehn Jahren wollen die Grünen gut eine Million neue Wohnungen bauen, die nicht aus der Mietpreisbindung fallen. Doch vieles bleibt unkonkret. Schaefer will etwa „die mietrechtlichen Spielräume besser nutzen“ und „die Mieter stärken“. Doch wie das genau aussehen soll, sagt sie nicht.

Beim Thema Dachausbau kriegt Schaefer dann doch die Kurve. Sie zeigt Sympathie für das Aufstocken, wie es etwa in Berlin bereits praktiziert wird. Die Gebäudeaufstockung könnte ein Bremer Dilemma lindern: fehlende Wohnungen einerseits, begrenzte Flächen andererseits. „Der Dächerausbau hilft uns, nicht auf der grünen Wiese bauen zu müssen“, erklärt Schaefer. Die Bremer Grünen wollen diesen Punkt im Auge behalten.

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Die Politikerin aus Bremen-Nord sagt das mit ihren eigenen Worten: „Wir linsen ein bisschen.“ Sie hat manchmal einen Hang zur Jugendsprache. Beim Treffen im Classico etwa erzählt Schaefer, dass sie mit  Thomas Röwekamp keineswegs einen „Beef“ habe. Das Wort kommt aus der Hip-Hop-Szene und steht für Streit. Den hatten Schaefer und der CDU-Fraktionschef Ende 2015 in einer Bürgerschaftsdebatte zur Flüchtlingskrise: Zwischen beiden fliegen derart die Fetzen, wie man es nur selten im Bremer Parlament sieht. Röwekamp wirft seiner Kollegin sogar vor, Stammtischparolen zu verbreiten.

Schaefer streitet engagiert, kann aber auch Brücken bauen

Wer Schaefer erlebt, dürfte diesen – natürlich in der Erregung gefallenen – Vorwurf kaum teilen. Sie streitet engagiert, kann aber auch Brücken bauen. Wie Habeck über die gebürtige Limburgerin sagt: „Maike Schaefer steht für Veränderung, die aber die Menschen mitnimmt.“ Der Parteichef und die Spitzenfrau besuchen das Werk von Arcelor-Mittal. Schon seit Längerem hält Schaefer den Kontakt zu den Managern. „Wir wollen mit den Stahlwerken gemeinsam diskutieren, wie wir den Klimazielen näher kommen“, sagt sie.

Die Grünen sprechen mit den Stahlbossen über den Emissionshandel, über Kostenbelastungen und Importdruck. Es geht auch um Innovationen, etwa um die CO2-Vermeidung durch den Einsatz von Wasserstoff. Themen, für die eigentlich Bundespolitiker zuständig sind – und nicht Bremer Abgeordnete. Deshalb hatte Arcelor-Mittal darum gebeten, auch Berliner Politiker an den Gesprächen zu beteiligen. Gesagt, getan. Schaefer ließ nicht locker, schließlich sagte Habeck zu. Da war sie wieder, diese beachtliche  Hartnäckigkeit.


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Zufriedenheit mit den Spitzenkandidaten