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Erste Stimmen für die Bürgerschaftswahl
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Die ersten Bremer haben schon per Briefwahl gewählt

Lisa Boekhoff 23.04.2019 2 Kommentare

Um schon vor dem Wahlsonntag abstimmen zu können, ist ein Antrag auf die Briefwahl notwendig.
Um schon vor dem Wahlsonntag abstimmen zu können, ist ein Antrag auf die Briefwahl notwendig. (Fredrik Von Erichsen/dpa)

Ob schon jetzt wer da ist? Ist es nicht zu früh? An diesem Apriltag nach Ostern bleibt schließlich noch ein ganzer Monat Zeit bis zur Bürgerschaftswahl. Doch um zwei Minuten nach neun gehen die Türen auf – und verwunderlicherweise treten Menschen herein. Bremens erste Wähler. Zettel und Briefe in den Händen bildet sich im Nu eine kleine schon delegierbedürftige Schlange: „Können Sie alle ein Stück zurückgehen?“

Im Briefwahlzentrum können die Bürger seit diesem Dienstag ihre Stimmen abgeben oder ihre Briefwahlunterlagen abholen. Das Angebot ist sofort gefragt. In der ersten Viertelstunde sind bereits 20 Menschen gekommen. Gar nicht überrascht ist Evelyn Temme, Leiterin der Geschäftsstelle der Wahlleiter, angesichts des Ansturms: „Die Wähler rennen uns immer schon in der ersten Woche die Bude ein.“

"In der Generalprobe hat alles funktioniert"

Alles ist für den Auftakt vorbereitet. Nur die Technik streikt just heute. Es gibt Probleme mit den Rechnern. Temme bleibt ruhig, die Kollegen kümmern sich: „Wir sind mit Hochdruck dran.“ Eigentlich gibt es gleich vier Schalter. Nun kann nur einer richtig geöffnet sein. Die Schlange kommt kaum voran. Auszubildende aus der Verwaltung kümmern sich hier um die Ausgabe der Stimmzettel. „Gibt es was Neues?“, fragt eine von ihnen und legt rasch enttäuscht die Hände an die Wangen.

Krisenmanagement. Laura Kersting ist Mitarbeiterin im Wahlamt und erklärt den wartenden Wählern, dass es Probleme gibt. „In der Generalprobe hat alles funktioniert“, sagt sie vor der Schlange stehend. Für die Wartezeit soll es eine Aufmerksamkeit geben. „Wollen Sie uns einen Prosecco anbieten?“, sagt einer der Wähler in spe. In der Hand hält Kersting allerdings nur ein Körbchen mit Bonbons und macht die Runde. „Was haben Sie denn?“ Um 9.30 Uhr geht die Schlange schon bis an den Eingang heran. Dort kümmern sich ebenfalls Auszubildende um die Besucher und fragen, wer für sich selbst und wer wegen einer Vollmacht da ist. Für die gibt es eine zweite Schlange in einen Nebenraum.

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Andreas Grashof will direkt hier im Briefwahlzentrum seine Kreuze setzen, weil er am Wahlsonntag verhindert ist. „Ich bin in der Nachtschicht. Darum mache ich das heute gleich.“ Gerade habe er ein paar Tage frei. Es dauert einen ganzen Moment, bis er wieder aus der Wahlkabine kommt. Geschafft.

Erst seit einer Woche gehen die Wahlbenachrichtigungen etappenweise raus: ein Brief für die Wahl des Europäischen Parlaments und ein Brief für die Bürgerschaft- und Beiratswahl sowie den Volksentscheid zur Galopprennbahn.

Karsten Peters und Anna Gärtner wollen sich die Unterlagen nur rasch rausholen. „Das ist einfach praktisch“, sagt Gärtner. Ihr Partner Karsten Peters ist am Wahltag zudem beruflich verhindert. Die Briefwahl habe nichts damit zu tun, dass in diesem Jahr besonders viel entschieden werden müsse. Gleich hinter den beiden steht Helga Buchholz auf dem Weg in die Wahlkabine. Am liebsten erledige sie die Wahl zeitig: „Das ist doch toll! Dann bin ich damit durch.“

Trend der Briefwahl geht nach oben

Überhaupt: Die Briefwahl wird immer beliebter. Bei der jüngsten Bundestagswahl 2017 stimmte in Bremen schon ein Viertel der Wahlberechtigten auf diesem Weg vorab. Das Wahlamt geht davon aus, dass der Wert bei der Superwahl 2019 erneut mindestens so hoch liegen wird. „Der Trend geht nach oben“, sagt Temme. Weil im Anschluss an die Wahl Himmelfahrt folgt, seien vielleicht mehr Menschen im Urlaub. „Das sind alles Faktoren, die eine Rolle spielen können.“

Viel mehr Menschen als sonst haben in den vergangenen Tagen schon online die Briefwahl beantragt. 4000 bis 5000 Anträge auf Briefwahl gab es im Netz über die Ostertage. Insgesamt sind bis zum Dienstagnachmittag 10 000 Wahlscheine für die Briefwahl beantragt worden.

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Gegen 9.45 Uhr gibt es an den Schaltern gute Nachrichten: ein nächster Rechner funktioniert. In der Schlange geht es nun deutlich schneller voran und die Stimmung löst sich zu kleinen Plaudereien unter den Wählern. Ob das denn in Ordnung sei? In der Wahlkabine am Fenster stehen ein Mann und eine Frau gerade gemeinsam mit den Unterlagen. Da entfährt aus der Nachbarkabine ein geheimnisvolles: „Oh das gibt´s doch nicht!“ Ansonsten ist aus den Kabäuschen vor allem Geraschel zu hören: das Umblättern der Seiten, das Öffnen des Umschlags, das Versenken der Stimmzettel darin.

Herbert Hanko ist schon fertig. Er hat die Wahlunterlagen für sich und seine Frau schon verstaut. Am Wahlsonntag sind die beiden verhindert. „Was ich erledigt habe, habe ich erledigt. Ich bin schließlich Rentner und habe keine Zeit.“ Der jüngste Besucher begleitet Erik Linowski. Sein Baby sitzt zwischen seinen Beinen als er in der Wahlkabine steht. „Ich bin gleich fertig“, sagt Linowski und legt seinen Schlüssel zum Spielen auf den Boden.

Kanpp 300 Stimmzettel

Effektvoll wirft ein älterer Herr seinen Umschlag mit den Stimmzetteln in die graue Urne. „Meine Güte. Dieses Bremer Wahlrecht ist bescheuert!“ Er ärgert sich, dass es zu viel Auswahl gibt, die ganzen Personen kenne doch niemand. Ein anderer Mann holt die Wahlunterlagen für sich und seine Frau ab, weil die beiden im Mai im Urlaub sind. Ihr Heim als Wahlort ziehen die beiden vor: „Wir wollen das in Ruhe machen. Wir können das Gemurmel hier nicht mehr ab.“ Im Ferienhaus will das Paar das Wahlgeschehen in Bremen im Fernsehen verfolgen.

Rena Arnold-Scherer ist zufällig hergekommen. Nun seien alle Unterlagen da gewesen. „Heute ist der erste Tag?“, fragt sie und lacht über ihr gutes Timing. Die Bremerin hat noch zwei Prozent Sehkraft. Darum möchte sie ebenfalls in Ruhe daheim wählen. Dort hat sie ein Lesegerät als Unterstützung. Außerdem hofft sie, Schablonen für das Ausfüllen der Stimmzettel zu bekommen. Die gibt es für Menschen mit einer Sehbehinderung.

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Um 10.20 Uhr sind tatsächlich alle elf Wahlkabinen mit den halbdurchsichtigen Vorhängen in den Farbtönen Flieder und Brombeere besetzt. Sogar die unbeliebte Kabine gleich neben dem Eingang. Immer noch gibt es eine Schlange quer durch den Raum. Der nächste Wähler reiht sich ein und bemerkt zum Andrang in den Raum hinein: „Dachte ich mir, aber ist ja auch gut so.“

Am Ende sammeln sich in der Urne im Briefwahlzentrum knapp 300 Stimmzettel. Die Probleme mit dem Rechner sind nicht ganz gelöst. Doch alle Schalter können im Laufe des Tages geöffnet werden für Bremens erste Wähler.

Zur Sache

Viele Wege zur Briefwahl

Um schon vor dem Wahlsonntag abstimmen zu können, ist ein Antrag auf die Briefwahl notwendig. Dieser kann im Internet, im Briefwahlzentrum (An der Weide 14-16) oder postalisch gestellt werden. Spätestens bis zum 22. Mai muss der Antrag dem Wahlamt vorliegen. Stellvertretend kann jemand ebenfalls einen Wahlschein beantragen und abholen mit einer schriftlichen Erlaubnis. Wer seine Wahlbenachrichtigungen für die Europawahl und die Bürgerschafts- und Beiratswahl und den Volksentscheid noch nicht bekommen hat, soll diese Woche noch abwarten und sich dann unbedingt an das Wahlamt des Statistischen Landesamts Bremen wenden. Telefonisch ist es unter 361 888 84 erreichbar.


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