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Bürgerschaftswahl 2019
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Im direkten Kontakt mit den Wählern

Silke Hellwig 13.05.2019 0 Kommentare

Am CDU-Infostand spricht Holger Saathoff Passanten an, um sich bekannter zu machen und Personenstimmen zu bekommen.
Am CDU-Infostand spricht Holger Saathoff Passanten an, um sich bekannter zu machen und Personenstimmen zu bekommen. (Frank Thomas Koch)

Michael Steffen hat Glück. Beim ersten Klingeln wird ihm Einlass in das Mehrfamilienhaus gewährt. Ein Mann steht im Hausflur an seiner Wohnungstür und schaut dem SPD-Kandidaten erwartungsvoll entgegen. „Entschuldigen Sie den Überfall“, sagt Michael Steffen, „wir sind von der SPD und wollen an die Wahl am 26. Mai erinnern“. Wir, das ist neben Steffen die Bevollmächtigte Bremens beim Bund und für Europa, Ulrike Hiller. Sie seien in der Regel zu zweit unterwegs, wenn es darum gehe, von Haustür zu Haustür zu ziehen und „Präsenz zu zeigen“, sagt Ulrike Hiller. „Für lange Debatten ist das hier nicht geeignet.“

Viel Zeit und Energie investieren Bürgerschaftskandidaten dieser Tage für Werbung in eigener Sache. Sie stehen an Infoständen vor Supermärkten, verteilen Flyer, lassen Autos mit ihren Konterfeis bekleben, gehen von Tür zu Tür, nehmen an diversen Veranstaltungen teil. Vor allem die Kandidaten auf hinteren Plätzen sind auf Selbstvermarktung angewiesen. Er brauche etwa 2500 bis 3000 Personenstimmen für einen Platz in der Bürgerschaft, schätzt Steffen. Sein Name findet sich auf der Liste für den Wahlbereich Bremen auf Rang 66.

Das Gesicht und das Engagement zeigen

Nicht viel anders sieht es bei Holger Saathoff (Listenplatz 54 im Wahlbereich Bremen) aus. Er steht mit seinen Parteifreunden Sven Weber, Markus Reinhard, die für den Beirat Woltmershausen kandidieren, und dem Bürgerschaftsabgeordneten Frank Imhoff an einem CDU-Stand am Rande des Wochenmarkts in Woltmershausen. Es handelt sich um die Basis-Version der Infostände, bestehend aus einem kleinen runden Tisch aus Plastik, aus dessen Mitte ein Sonnenschirm mit Partei-Logo wächst. Saathoff verteilt Imagebroschüren („Ihr Mann aus dem Glashaus-Pusdorf“), Kulis und Feuerzeuge. Vor allem Chips für den Einkaufswagen bahnten ihm den Weg zu einem kurzen Schnack mit Passanten, sagt er. „Die gehen immer, die kann jeder gebrauchen.“

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„Moin“, sagt Saathoff, und nähert sich einer Mutter mit zwei Kindern. Alle drei wirken skeptisch. Als Saathoff den Kindern Malkreide und Seifenblasen in die Hände drückt, strahlen sie, die Mutter auch. Sie nimmt seinen Flyer an und schaut sich die Vorderseite an. Mehr könne man erst einmal nicht erwarten, sagt Saathoff. Ihm gehe es darum, sich bekannt zu machen, sein Gesicht zu zeigen und sein Engagement. Über Details des Wahlprogramms werde selten geredet, wenn, dann redet Saathoff über Kinder, sein Thema. Er ist Vorsitzender im Glashaus Pusdorf, wo Mal- und Kreativkurse für Kinder angeboten werden.

"Ich möchte das nicht unterstützen"

Die meisten Passanten lassen sich Chip und Flyer mit Kuli in die Hand drücken. Zu längeren Debatten komme es selten. Das sei auch nicht Sinn der Sache, sagt Saathoff. Dennoch ist der direkte Kontakt seiner Meinung nach der effektivste. Vormittags gehe er oft von Tür zu Tür, „das sind die meisten Menschen zu Hause und fühlen sich am wenigsten gestört.“ Die Reaktionen seien überwiegend positiv, sagt Saathoff. „Es gibt auch mal Ausnahmen, Leute, die böse werden oder einen beschimpfen, aber das passiert ganz, ganz selten.“ Von Politikmüdigkeit spüre er wenig. „Wer eine Meinung hat, egal wie sie ausfällt oder wie sie sich äußert, der hat auch Interesse.“

SPD und CDU engagieren sich finanziell für die Kandidaten auf ihren Listen, in Form von personalisiertem Werbematerial – in überschaubarem Umfang. Wer mehr verteilen will, muss das aus eigener Tasche bezahlen. Saathoff und Steffen sind da zurückhaltend. Dass sich finanzkräftigere Kandidaten einen möglichen Vorteil verschaffen könnten, davon halte er nichts, sagt Steffen. „Ich möchte das nicht unterstützen.“

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Michael Steffen hat bereits Erfahrungen mit Tür-zu-Tür-Werbung. Für die Wahl vor vier Jahren engagierte er sich so im Zwiegespräch für seinen Ortsverein. Anfangs habe es ihn Überwindung gekostet, an den Türen Fremder zu klopfen, nach und nach habe er Gefallen daran gefunden. „Dabei entstehen oft sehr gute, fruchtbare Gespräche“, sagt er. Häufig seien die Menschen positiv überrascht, wenn man sich die Mühe mache, sie aufzusuchen. Ihm sei es wichtig, dass er und die SPD nicht den direkten Kontakt zu den Bürgern verlieren. Er habe er auch schon mal zu hören bekommen: „Ja, wenn Wahl ist, seid ihr auf der Straße, aber dann lasst ihr euch vier Jahre nicht mehr blicken.“ Das mag der SPD-Kandidat so nicht stehen lassen. Sein Ortsverein Altstadt-Mitte sei etwa einmal im Quartal mit Infoständen auf der Straße präsent.

Auch andere Kandidaten gehen auf potenzielle Wähler zu

„Das ist ja toll“, sagt der Mann an der Tür. Er nimmt das Werbematerial entgegen, einen für Steffen personalisierten Flyer, Material zum Rennbahn-Volksentscheid und das Wahlprogramm in Kürze. „Sie sind gut getroffen“, sagt er und zeigt auf das Foto des Kandidaten, der vor ihm steht. Er sei noch unentschieden, wem er Ende Mai seine Stimmen gebe. Wichtig sei ihm, dass die nächste Landesregierung für bezahlbaren Wohnraum sorgt.

Auch andere Kandidaten der in der Bürgerschaft in Fraktionsstärke vertretenen Parteien gehen individuell auf potenzielle Wähler zu. Kebire Yildiz kandidiert auf Listenplatz 32 für die Grünen. Sie stellt sich erneut zur Wahl, sie ist aktuell Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. Sie sagt: „Mein ,Straßenwahlkampf‘ ist sozusagen der geplante Diskurs in öffentlichen Räumen, die spontane Unterhaltung mit Freunden und deren Familien.“

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Ingo Tebje von den Linken fährt mit einem Wohnmobil durch die Stadt, um „linke Themen“ an den Wähler zu bringen. Er schmückt sein Fahrzeug mit Wahlplakaten und verteilt Flyer, beispielsweise auf Wochenmärkten, oft auch als Ein-Mann-Aktion. Dabei gehe es ihm nicht in erster Linie darum, Personenstimmen auf sich zu vereinen; mit Listenplatz 6 hat er gute Chancen auf ein Mandat.

Bei den Freien Demokraten rangiert Peter Bollhagen auf Listenplatz 28. „Im Grunde ist es einerlei, ob man auf Platz 6 oder 26 steht, man muss gleich viele Personenstimmen bekommen, um ein Mandat zu erhalten.“ Für ihn sei von Vorteil, dass er sich in Bremen als Liberaler bereits einen Namen gemacht hat: Er war Mitglied der Bürgerschaft (1987 - 1994) sowie FDP-Landesvorsitzender (2003 - 2006), derzeit gehört er als Schatzmeister dem Vorstand an. Er werbe für sich auf seiner Facebook-Seite, sagt Bollhagen, auch an Infoständen, sofern ihm das seine Zeit erlaube.

Gelegentlich kassieren Saathoff und Steffen auch Körbe. In dem Wohnhaus bekommt der Sozialdemokrat zu hören: „Im Moment habe ich kein Interesse“. Auf der Straße winken manche ab. Man lerne zu unterscheiden, wer aufnahmebereit sei und wer nicht, sagt Saathoff. Eine ältere Dame mit Rollator nähert sich zielstrebig dem CDU-Stand. Sie nimmt Werbematerial mit. Anschließend geht sie die paar Schritte weiter zur SPD. Ob ihr möglicherweise etwas bei ihrer Wahlentscheidung behilflich sein wird, bleibt für immer ihr Geheimnis.


Sonntagsfrage
Zufriedenheit mit den Spitzenkandidaten