Spahn-Vorschlag Kliniken für schrittweises Hochfahren

Das Gesundheitsressort reagiert verhalten auf den Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn, den Klinikbetrieb wieder hochzufahren. Die Krankenhausgesellschaft hat bereits ein eigenes Konzept vorgelegt.
29.04.2020, 06:06
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Von Frank Hethey und Sabine Doll

Zurückhaltend reagiert das Bremer Gesundheitsressort auf den Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), nach wochenlanger Zwangspause in den Krankenhäusern ab Mai wieder mehr Operationen vorzunehmen. 25 statt wie bisher 50 Prozent der Intensivbetten sollten nach seinem Konzept für Corona-Patienten reserviert werden. Mit „äußerster Vorsicht“ müsse der Spahn-Vorschlag behandelt werden, sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher der Gesundheitsbehörde. „Corona ist noch nicht vorbei.“ Wenn Bremen solche Maßnahmen umsetze, dann nur mit vorhandenen Kapazitäten im Rücken.

Ein auf Bremen zugeschnittener Fahrplan liegt laut Uwe Zimmer, Geschäftsführer der Bremer Krankenhausgesellschaft, ohnehin schon auf dem Tisch des Senats. „Bereits letzte Woche haben wir einen eigenen Vorschlag eingereicht.“ Die Krankenhausgesellschaft vertritt die Interessen der 14 kommunalen, freigemeinnützigen und privaten Krankenhäuser im Land Bremen. Konkret geht es in dem Papier darum, wie es nach Auslaufen der derzeit gültigen Corona-Verordnung vom 4. Mai an weitergehen soll.

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Als „holzschnittartiges Konzept“ kritisiert Zimmer den Spahn-Vorstoß. „Man kann bundesweit die Krankenhäuser nicht so steuern wie VW seine Produktionsbetriebe“, sagt er. Es gebe in den einzelnen Ländern eine „unterschiedliche Betroffenheit“, deshalb tauge in seinen Augen ein Pauschalkonzept nicht. Zumal Spahn keine Regelungskompetenz für die Länder habe und allenfalls Empfehlungen aussprechen könne.

Ähnlich wie der Bundesgesundheitsminister plädiert die Krankenhausgesellschaft dennoch für eine schrittweise Rückkehr in den Normalbetrieb – unter Berücksichtigung der Bremer Verhältnisse. Die Pandemie-Situation in Bremen bezeichnet Zimmer als stabil. Von 90 Intensivplätzen mit Beatmungsgeräten seien bis jetzt nie mehr als 20 belegt gewesen. Mit anderen Worten: Derzeit gibt es ausreichend Kapazitäten für Patienten, die zwar nicht an Covid-19 leiden, aber trotzdem schwer erkrankt sind.

Die Konsequenzen daraus ergeben sich praktisch von selbst. „Es ist unser Anliegen, das normale Geschäft wieder hochzufahren“, sagt Karen Matiszick, Sprecherin des Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno). Ähnlich äußert sich Zimmer. „Es ist geboten, auch Patienten mit schweren Erkrankungen wieder eine Behandlung anzubieten.“ Um das „Gros der Menschen“ geht es dem gesundheitspolitischen Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Rainer Bensch. Das gelte vor allem für schwer kranke 40- bis 60-jährige Patienten. Dabei spielten nicht wirtschaftliche Gründe die entscheidende Rolle, sondern das Patientenwohl. „Ich befürchte eine Katastrophe gewaltigen Ausmaßes, wenn wir nicht jetzt den Krankenhausbetrieb wieder hochfahren.“

Kliniken in Bremen und bundesweit registrieren bereits einen deutlichen Rückgang an Patienten mit Herzinfarkt- und Schlaganfall-Symptomen. Im Klinikum Links der Weser ist die Zahl der Herzkatheter-Untersuchungen bei Patienten mit akutem Brustschmerz laut Chefarzt Rainer Hambrecht in den vergangenen Wochen um 20 Prozent zurückgegangen. „Die Vermutung liegt nahe, dass die Menschen aus Angst vor einer Corona-Infektion abwarten. Das ist zwar nachvollziehbar, aber gefährlich“, sagt der Kardiologe. Auch Krebsspezialisten warnen vor einer Bugwelle von zu spät diagnostizierten Krebsfällen etwa durch ausgesetzte Früherkennungs- und Abklärungsuntersuchungen.

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Die Kliniken stünden vor einer „erneuten großen Herausforderung – vielleicht sogar noch größer als die Vorbereitung auf die Krise selbst“, sagt Dorothee Weihe, Sprecherin des Rotes Kreuz Krankenhauses. Sorgen macht ihr, dass die Kliniken nach Spahns Vorstellung personelle und logistische Parallelstrukturen aufrechterhalten sollen, „und das Ganze über viele Monate“. Im Falle eines Corona-Ausbruchs in einer Klinik und der Verschiebung von Patienten in andere Krankenhäuser könne das ganze System ins Wanken geraten.

Deshalb warnen die Experten im gleichen Atemzug vor einer voreiligen Rückkehr in den Normalbetrieb. „Wir sind da nach wie vor sehr vorsichtig“, sagt Matiszick. Auch Zimmer fordert ein behutsames Vorgehen. „Für eine zweite Infektionswelle müssen wir mit Reservekapazitäten gerüstet sein.“ Erforderlich sei eine Balance zwischen Regelversorgung und Covid-19-Bereitschaft. Zugleich fordern Zimmer und Weihe mehr Corona-Tests für Personal und Patienten.

Für Niedersachsen sollten Details zur Rückkehr in den Klinikalltag noch diese Woche vorgestellt werden, so Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD). Der niedersächsischen Krankenhausgesellschaft zufolge sollen 20 Prozent der Intensivbetten als Puffer über die bislang mit Covid-19-Patienten belegten Betten hinaus freigehalten werden.

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