Aktion für Toleranz und Weltoffenheit Bunt, aber nass

Mehrere Tausend Menschen haben am Montag für ein buntes und tolerantes Bremen demonstriert. Bremen sei sich seiner Werte bewusst, sei wachsam und stark, so Bürgerschaftspräsident Christian Weber.
26.01.2015, 18:04
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Bunt, aber nass
Von Jürgen Hinrichs

Es waren 7000, weit mehr als die Veranstalter erwartet hatten. 7000 Menschen, die auf dem Markplatz für Weltoffenheit und Toleranz demonstriert haben. Ihr Trotz richtet sich gegen Fremdenfeindlichkeit, doch gestern war es auch das Wetter, dem widerstanden werden musste.

Es regnet nicht mehr“, ruft eine Frau, und das ist die Nachricht an diesem Abend. Denn geregnet hatte es die ganze Zeit, ein erbärmliches Wetter, richtig fies. Als es jetzt mal aufhört, von der Frau laut verkündet, wird das auf der Bühne wie ein Zeichen gewertet, wie eine Belohnung dafür, dass so viele gekommen sind. Vorher waren es die Regenschirme, die das Bunte und die Vielfalt waren, nun sieht man immerhin auch mal Gesichter, wenn die Schirme eingeklappt und die Kapuzen abgenommen werden.

Das Bunte und die Vielfalt – das ist wie ein Mantra in dieser einen Stunde auf dem Markplatz. Darauf kommt es den Menschen an, die sich zu einer Kundgebung versammelt haben. Es sind rund 7000, sagt die Polizei, viel, viel mehr als die Veranstalter erwartet hatten. Die Menschen wollen zeigen, dass Bremen ein weltoffene Stadt ist, und dass sie es bleiben wird. Da ist was wie Trotz zu spüren – gegen das Wetter und gegen eine Entwicklung, die sich gegen Ausländer und Flüchtlinge richtet.

Lesen Sie auch

„Ich bin auf einer Anti-Pegida-Demo“, spricht ein junger Mann in sein Handy. Pegida sagt sonst kaum jemand, jedenfalls auf der Bühne nicht. Nur ja nicht hochjazzen, was man nicht haben will. Natürlich schwingt Pegida aber trotzdem mit während der Kundgebung, deswegen vor allem sind sie ja gekommen. Dresden und Leipzig, was sich dort abspielt, was irgendwann ja auch nach Bremen kommen könnte oder nach Bremerhaven. Versuche gab es ja bereits.

Bürgerschaftspräsident Christian Weber (SPD) geht in seiner Ansprache so weit weg von Pegida, dass er mit der Antike anfängt, um die alten Tugenden einer Gemeinschaft freier und gleicher Bürger zu beschwören. Es ist mehr ein Referat, eine flammende Rede ist es nicht. Der Präsident bekommt Beifall, als er das Ende erreicht. Er hat ja nichts Falsches gesagt.

Mehr Dampf auf dem Kessel hat ein Stahlwerker: Eyup Ertugul, Betriebsrat bei ArcelorMittal. „Schießen Sie los“, fordert die Moderatorin den Redner auf. Das hätte sie nicht tun müssen, denn Ertugul, offenbar geübt in großen Auftritten, ist schon mit seiner Stimmgewalt so präsent, dass es zwar nicht egal ist, was er sagt, ganz und gar nicht, aber die Lautstärke schon hilft.

„Bei uns ist für Rassismus und Extremismus egal welcher Art kein Platz“, sagt er mit Nachdruck, und das ist so plakativ wie es sein muss bei einer Kundgebung. „Die Hütte ist bunt, und sie bleibt bunt“ – noch so ein Satz, den er raus haut Die Menschen jubeln. Da ist einer, der in seinem Betrieb seit Jahrzehnten die Integration lebt, der jetzt davon erzählt, dass es nicht immer einfach ist, und der gerade deswegen noch glaubwürdiger erscheint.

Wer nicht redet, das ist der Bürgermeister. Bewusst nicht. Jens Böhrnsen steht neben der Bühne, leidlich geschützt vor dem Regen, und hört zu, wenn er nicht gerade von Journalisten interviewt wird. Der, der das Toleranz-Bündnis von mehr als 50 Organisationen angestoßen hat und darauf achten will, dass es nach der Kundgebung weiter geht im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und für Toleranz, hält sich an diesem Abend geflissentlich zurück.

Böhrnsen weiß, dass ihm sein Engagement schnell als Wahlkampf ausgelegt werden könnte. Es ist ja nicht mehr lange hin bis zum Urnengang im Mai. Also besser in die zweite Reihe, wo er Seit’ an Seit’ mit seiner Rivalin steht, Elisabeth Motschmann, Spitzenkandidatin der CDU.

Dass die Veranstaltung vom Rathaus regiert wird, ist aber auch so offensichtlich. Senatssprecher Hermann Kleen und seine Mitstreiter von der Pressestelle tragen Armbinden, die sie als Ordner ausweisen. So etwas hat man auch noch nicht gesehen. Böhrnsens Büroleiter überwacht den Ablauf und hat zunächst Sorge wegen der Technik. Nachher klappt aber alles.

Werder hat als sicherlich populärster Bündnispartner bei der Kundgebung einen Spieler aus dem Profi-Kader auf die Bühne holt. Es ist Sebastian Prödl, und wie der Österreicher auf seine nonchalante Art den Zusammenhalt unter den Ausländern in seiner Mannschaft betont, dass es aufs Talent ankommt, und sonst auf gar nichts, jedenfalls nicht auf die Nationalität. Wie er das in einem Dialekt tut, bei dem man gut zuhören muss, um ihn zu verstehen – dann ist das auch schon wieder Toleranz, Weltoffenheit und Integration.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+