Viertel verliert Institution Bye-bye, Bar Brazil

Nach 35 Jahren ist es vorbei. Shunil Hossain, Chef des Bistro Brazil am Ostertorsteinweg, muss das Lokal aus gesundheitlichen Gründen schließen. Damit verliert das Viertel eine Institution.
28.05.2018, 10:27
Lesedauer: 3 Min
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Bye-bye, Bar Brazil
Von Nina Willborn

In Menschenjahren gerechnet ist 35 natürlich kein Alter, in dem man abtreten sollte. Insofern ist es ganz gut, dass Kneipenjahre eher wie Hundejahre zählen, da gilt 35 schon als ziemlich respektables Alter, in dem man eben manchmal Abschied nehmen muss. Am Donnerstag, 31. Mai, ist es mit einer Ausgeh-Institution am Ostersteinweg so weit. Bye-bye, Bistro Brazil!

Bei der Abschiedsparty werden sie auch mit Sicherheit auch ein bisschen nostalgisch werden und sich daran zurückerinnern, als das Brazil gastrotechnisch absolut auf der Höhe der Zeit war: in der Mitte der achtziger und dann in den neunziger Jahren. Die wilden Zeiten, als Falco, Ideal und noch einige mehr von künstlerischem Rang, wenn sie in Bremen zu Besuch waren, sich mit Vorliebe an die Theke von Jürgen „Knoxx“ Schierholz setzten.

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Es ist nicht endgültig zu beweisen, aber durchaus möglich, dass die Bremer, zumindest die Nachtschwärmer damals, durch seine kleine Bar überhaupt erst von der Existenz einer Zitrusfrucht namens Limette erfuhren. So erzählt es jedenfalls Shunil Hossain, Barkeeper-Legende im Brazil und seit 2013 dessen Besitzer. „Wir waren neben dem Parkhotel der einzige Laden, der überhaupt Cocktails servierte.

Und bevor wir ihn servierten, wusste kein Bremer, was ein Caipirinha ist“, sagt Hossain. Als sie es dann wussten, sind alleine in den mehr als 3000 Nächten, in denen er hinter der Bar Brazil-Dienst geschoben hatte, so einige über den Tresen gegangen. Denn Brazil-Nächte waren meistens ähnlich wie die von den Gebrüdern Blattschuss besungenen Kreuzberger vor allem eins: lang.

Dass Hossain das Brazil nun abgibt, hängt mit seiner Gesundheit zusammen, die nach 34 Jahren Nachtleben ein bisschen angegriffen ist. Nichts akut Lebensbedrohliches, aber die Ärzte raten nun doch, kürzer zu treten. Hossain, bald wird er 64, greift auch zu einem medizinischen Vergleich, wenn er über das Brazil, sein Brazil, spricht. „Mit manchen Bars ist es so, als ob man Zahnstein hat. Die kann man dann putzen, und dann ist es erst mal wieder gut. Das Brazil aufzugeben, fühlt sich an wie ein Zahnverlust. Der ist endgültig. Aber so ist es eben. Das Brazil wird alt, wir werden alt.“ Auch Jürgen Schierholz sieht "den Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge." Was ihn, einen ausgewiesenen Fachmann des Nachtlebens im Viertel, immer an seinem zweiten "Baby" nach dem Römer, den er 1980 miteröffnete, fasziniert hat: das Publikum. Jung, alt, Künstler, Kreative, Kaufmänner oder -frauen. "Es waren so oft Leute aus allen Generationen da. Ich könnte auch unzählige Geschichten erzählen von Ehen, die wir gestiftet haben", sagt er, und dann muss er lachen. "Aber wir haben bestimmt auch doppelt so viele auseinandergebracht."

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Wenn sich heute Ehen rund um den O-Weg anbahnen oder in Krisen geraten, dann häufiger in den neuen Läden. Im Wohnzimmer, im Chinchilla vielleicht, oder in einer der vielen Craftbeer-Bars. Es ist auch nicht so, dass Hossain nicht versucht hätte, das Brazil als Brazil weiterzugeben. "Ich habe es ein halbes Jahr lang versucht." Unter anderem hat der Sohn von Jürgen Schierholz mit dem Gedanken gespielt, zu übernehmen. Aber sein Vater riet ihm letztendlich ab. Jetzt wird eine bekannte Cocktailbar übernehmen und nach einer Renovierungszeit wieder öffnen.

"Die Situation ist heute anders als damals in den achtziger Jahren", sagt Schierholz. "Heute muss man hart kalkulieren. Es gibt einfach nicht mehr dieses Alleinstellungsmerkmal, das wir damals hatten. Als House in den neunziger Jahren aufkam, haben wir musikalisch Meilensteine gesetzt, das war richtig Avantgarde."

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Zu spüren bekommen haben sie in den vergangenen Jahren im Brazil, wie in vielen anderen Läden im Viertel und umzu, auch das veränderte Ausgehverhalten. Früher kam, wer nach dem Tanzen in den Läden auf der Discomeile noch nicht genug hatte, noch auf einen Absacker ins Viertel. Inzwischen sind auch die Discos bis in den Morgen offen. Dazu kommt, ebenfalls nicht unwichtig, dass die Mieten steigen. "Quadratmeterpreise von mehr als 50 Euro sind schon nicht ohne", sagt Schierholz.

Obwohl – wenn er könnte, wie er wollte, würde er immer wieder einen Laden wie das Brazil aufmachen. "Dazu müsste ich aber im Lotto gewinnen oder mal bei ,Wer wird Millionär' drankommen." Was sich Hossain vorstellen könnte, um das Brazil ein bisschen weiterleben zu lassen: in regelmäßigen Abständen eine Party ihm zu Ehren zu feiern. So, wie es seit Jahren auch die legendäre Disco Imperial macht. "Aber nicht vor 2019 oder 2020. Jetzt hat das Brazil seinen Zenit erreicht. Wir müssen es gehen lassen."

+++ Ursprüngliche Meldung wurde ergänzt und aktualisiert am 29. Mai um 20.59 +++

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