Zahl der Patienten wächst Cannabis gibt es in Bremen jetzt auf Rezept

Seit zweieinhalb Monaten können sich schwerkranke Patienten von ihrem Arzt Cannabis verschreiben lassen – und die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür.
26.05.2017, 22:11
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Cannabis gibt es in Bremen jetzt auf Rezept
Von Sabine Doll

Seit zweieinhalb Monaten können sich schwerkranke Patienten von ihrem Arzt Cannabis verschreiben lassen – und die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür.

Am 10. März ist das Gesetz in Kraft getreten, dass es nun auch in Deutschland Cannabis auf Rezept gibt. Seit der Freigabe für Cannabis als Medizin gehen bei den Bremer Krankenkassen die Anträge auf Kostenübernahme ein: „Wir haben bislang 15 Anträge bekommen“, sagt Jörn Hons, Sprecher der größten Krankenkasse im kleinsten Bundesland, der AOK Bremen/Bremerhaven.

Bei einer Erstverordnung muss der Arzt mit dem Patienten die Kostenübernahme bei der Krankenkasse beantragen und die medizinische Notwendigkeit begründen. „Die Entscheidung muss innerhalb von drei bis fünf Wochen gefällt werden, bei einer Palliativversorgung innerhalb von drei Tagen“, so der Sprecher.

Lesen Sie auch

Bei der Bremer Krankenkasse HKK haben bereits 29 Patienten Anträge gestellt, acht wurden abgelehnt. „Gründe für eine Ablehnung sind meist grobe Mängel in der ärztlichen Begründung zur Cannabis-Verordnung. In der Regel wird aber im Sinne des Antragstellers entschieden. Wir begrüßen die Therapie grundsätzlich“, sagt HKK-Sprecher Ilja Mertens.

Das sieht der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) anders: Die Therapie könne zwar für viele Kranke ein Fortschritt sein, sagte ein Sprecher nach der Freigabe. „Allerdings fehlt für den dauer- und regelhaften Leistungsanspruch in der gesetzlichen Krankenversicherung der Nachweis der Wirksamkeit.“

Ausgegangen wird von mindestens 1100 Patienten

Auf die Kassen kommen Kosten zu: Das Gesetz sieht monatliche Behandlungskosten von im Schnitt 540 Euro pro Patient vor. Die Deutsche Schmerzliga hat die GKV scharf kritisiert – und auf die Homöopathie verwiesen: „Wenn es eine Therapieform gibt, für die es ganz sicherlich keinerlei wissenschaftliche Evidenz für eine nachgewiesene Wirkung gibt, dann ist es die Homöopathie.“

Wie viele Patienten künftig Cannabis auf Rezept bekommen werden, ist schwer abzusehen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) geht von mindestens 1100 Patienten aus, das entspricht zumindest der Zahl, die vor dem 10. März von dem Institut eine Ausnahmegenehmigung für den Kauf von natürlichem Cannabis erhalten haben.

Allerdings gibt es angesichts der großen Zahl schwerkranker Patienten etwa mit chronischen Schmerzen, die bislang unzureichend therapiert werden, auch Schätzungen von mehreren hunderttausend – zumindest – Interessenten. Die bislang eher kleine Zielgruppe könnte also deutlich wachsen.

Für jedes Krankheitsbild

„In dem neuen Gesetz wurde ausdrücklich darauf verzichtet, einzelne Indikationen zur medizinischen Anwendung aufzulisten“, sagt Christoph Fox, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB). Demnach können Cannabis-Blüten, Extrakte, Rezepturen oder Fertigarzneimittel theoretisch für jedes Krankheitsbild verordnet werden.

Neben Multipler Sklerose und Krebs soll Cannabis gegen Schmerzen bei Neuropathie und Rheuma, Appetitlosigkeit wegen Aids oder Alzheimer sowie Übelkeit durch Chemotherapien oder beim Tourettesyndrom helfen. Für die meisten Ärzte ist der Umgang mit Cannabis neu, weshalb viele verunsichert sind, wenn ein Patient zu ihnen kommt.

Auf dem Betäubungsmittelrezept müssen sie angeben, ob getrocknete Cannabisblüten, -Extrakte oder Fertigarzneimittel verordnet werden – ob das Cannabis als Kapsel, Tee oder Inhalation eingenommen werden soll und in welcher Dosierung.

Vor allem aus den Niederlanden und Kanada importiert

„Wir haben viele Anrufe von Ärzten bekommen, die unsicher waren“, sagt Thomas Real, Inhaber der Raths-Apotheke. „Bei den Blütensorten etwa gibt es große Unterschiede im Wirkstoffgehalt. Wenn das nicht detailliert auf dem Rezept angegeben ist, müssen wir den Patienten zum Arzt zurückschicken.“

Cannabis wird derzeit vor allem aus den Niederlanden und Kanada importiert, künftig soll eine eigene Agentur unter dem Dach des BfArM die Versorgung in Deutschland regeln. Für die Apotheken bedeutet die Herstellung der Rezeptur einen erheblichen Aufwand, wie die Apothekerkammer Bremen betont.

„Etwa eine Stunde dauert es pro Rezept, in der die Qualität der Ware zunächst geprüft, dann beispielsweise die Blüten zerkleinert und die Rezeptur hergestellt wird“, sagt Real. Der Bremer Apotheker geht auch davon aus, dass die Zahl der Cannabis-Patienten steigen wird. „Es werden vielleicht nicht Massen sein, aber wir müssen uns auf mehr Patienten einstellen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+