Neue Stationen in Lesum geplant Carsharing in Bremen-Nord kommt voran

Gemeinschaftliche Nutzung von Autos ist gut für die Umwelt, doch in Bremen-Nord hatte dieser Trend bisher wenige Freunde. Mit zusätzlichen Carsharing-Stationen soll das Modell attraktiver werden.
13.07.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ulf Buschmann

Zu viele Autobesitzer, zu wenig Parkplätze. In dieser Zwangslage sind immer mehr Quartiere in Bremen. Entlastung, finden Fachleute, ist durch Carsharing möglich. Vor allem deshalb hat das Bau- und Verkehrsressort des Senats in der vergangenen Woche verkündet, dass in der Neustadt, in Findorff, in Mitte und im Gete-Viertel 24 neue Carsharing-Stationen in Betrieb genommen werden sollen. „mobil.pünktchen“ nennen sie sich. Betreiber ist das Bremer Unternehmen „Cambio“, das einst als Verein „Stadtauto“ mit Carsharing anfing. Der nördliche Stadtbezirk kommt in den aktuellen Planungen jedoch nicht vor.

Doch so ganz ohne neue Carsharing-Stationen soll Bremen-Nord nicht bleiben. Neben den beiden bestehenden Angeboten von „Cambio“ am Vegesacker Stadthaus und an der Vegesacker Fähre planen die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) und „Move About“ zwei Stationen im Stadtteil Burglesum: Auf dem Park-and-Ride-Platz am Bahnhof Lesum sowie am Einkaufszentrum (EKZ) Marßel. Über den Planungsstand lassen sich die Mitglieder des Burglesumer Beirates in ihrer Sitzung am 21. Juli informieren.

„Move About“ bietet Carsharing mit Elektroautos an. Die Idee dazu stammt vom Gründer des Internet-Riesen Google, Larry Page. Gegründet wurde „Move About“ im Jahr 2008, Ende 2009 startete die deutsche Niederlassung mit Sitz an der Wiener Straße im Bremer Technologiepark. Das englische Motto lautet „Zero hassle - zero emissions“, auf Deutsch etwa „Null Ärger – Null Emissionen“. Dieses kann „Move About“ auf den kompletten Nordwesten übertragen, denn das Unternehmen ist Bestandteil des bis 2016 laufenden von der Bundesregierung geförderten Modellversuchs zur Elektromobilität in der Metropolregion Nordwest.

Dass Carsharing auf dieser Basis sinnvoll ist und eine Zukunft hat, davon sind die Macher überzeugt. Da die Reichweite von Elektroautos jedoch viel geringer ist als die von Fahrzeugen mit konventionellem Verbrennungsmotor, macht das Burglesumer Vorhaben „nur Sinn, wenn beide Stationen eröffnet werden“. Das aber scheitere derzeit noch an baurechtlichen Fragen am EKZ Marßel, erläutert der Sprecher der Bremer Straßenbahn AG, Jens-Christian Meyer. Er macht deutlich: „Wir warten dringend auf das Go!“ Wenn die Genehmigungen vorliegen, dauere es noch drei Monate, bis es losgehen könne.

Dass bislang in Bremen-Nord noch keine Elektroautos fürs Car-Sharing angeboten werden, liegt laut Michael Glotz-Richter, Referent für Mobilität in der Baubehörde daran, dass sich die Station am EKZ auf privatem Grund und Boden befindet. Dort müssten erst sämtliche Fragen mit dem Eigentümer geklärt werden. Die Behörden könnten am EKZ nicht einfach zwei Stellplätze als Carsharing-Station ausweisen. Vielmehr müsse hierzu ein Bebauungsplan beschlossen werden.

Anders, so Glotz-Richter, sei es auf öffentlichen Flächen wie am Park-and-Ride-Parkplatz in Lesum. „Dort reicht es, wenn wir ein Schild aufstellen und die Fläche entsprechend widmen“, sagt er. Es bedeutet, dass die Behörde per Anordnung vorschreiben kann, dass eine Reihe von Parkplätzen ab sofort eine Carsharing-Station bilden. Der Bremer Referent und seine Kollegen in den anderen Städten und Gemeinden warten nach seiner Aussage noch immer auf ein Gesetz des Bundes, das es erlaubt, Carsharing-Stationen auf Privatgelände genauso unkompliziert errichten zu können, wie auf öffentlichem.

Carsharing-Stationen nicht nur dort aufzubauen, wo es viele Autobesitzer, aber wenig Parkplätze gibt, wie in der Neustadt, in Findorff, in Mitte und im Gete-Viertel, ist laut Glotz-Richter erklärtes Ziel des Ressorts von Bausenator Joachim Lohse (Grüne). Die Behörde plane, entsprechende Projekte in den Randbereichen wie in Bremen-Nord „mit einer kleinen Anschubfinanzierung“ zu fördern. Glotz-Richter geht von einem Betrag von rund 10.000 Euro im ersten Jahr aus. Dieser werde sich in den Folgejahren verringern. Ob und in welcher Höhe das Bauressort Geld dafür ausgeben kann, hänge allerdings noch von den Haushaltsberatungen Ende des Jahres ab.

Bremen-Nord ist "schwierig zu bedienen"

Anders dürfte es indes kaum funktionieren, das Carsharing-Angebot in Bremen-Nord zu erweitern. „Wir können nur die Rahmenbedingungen schaffen“, sagt Jens Tittmann, Sprecher des Bauressorts. Letztlich müssen die beteiligten Unternehmen Geld verdienen, und da ist Bremen-Nord eher ein hartes Pflaster, wie Kerstin Homrighausen, Geschäftsführerin von „Cambio“ bestätigt: „Wir sind seit 20 Jahren in Bremen-Nord am Experimentieren.“

Außer den beiden Stationen am Vegesacker Stadthaus und an der Fähre habe es einst zwei weitere gegeben: Am Kulturbahnhof und bei der Stiftung Friedehorst. Sie sind inzwischen wieder verschwunden, weil sie sich nicht rentiert hätten, erläutert Homrighausen. Bremen-Nord habe das Problem, dass die Wege zu den Stationen zu lang seien. Deshalb sei der Stadtbezirk „schwierig zu bedienen“.

Hinzu komme, dass sich eine Carsharing-Station nur dann wirtschaftlich trage, wenn es sowohl gewerbliche als auch private Nutzer gibt. Selbst beim Angebot am Vegesacker Stadthaus sei das schwierig. Die Autos aber müssten rollen. Homrighausen sagt: „Von Zierde allein können wir nicht leben.“

Vor dem Hintergrund der Diskussion dürften die Burglesumer genau darauf gucken, wie sich das künftige Angebot entwickelt. Zu diesen Beobachtern gehört Corinna Hagedorn aus St. Magnus. Sie engagiert sich unter anderem im Fahrgastbeirat des Verkehrsverbundes Bremen/Niedersachsen, VBN. Hagedorn hat sich im vergangenen Jahr mit einem Bürgerantrag an den Beirat Burglesum für ein Carsharing-Angebot eingesetzt und erst vor einigen Tagen in einem Leserbrief verwundert auf die Ankündigung der neuen „mobil.pünktchen“ reagiert.

Sollte sich das Angebot von BSAG und „Move About“ als Fehlschlag erweisen, bleibt den Fans dieser Fortbewegungsvariante die Möglichkeit, auf vorhandene Alternativen zurück zu greifen – die gibt es laut der Internetseite www.carsharing-news.de nämlich. Genannt werden die beiden Anbieter „Drivy“ und „Tamyca“. Sie gehören zu den Unternehmen, die die Vermietung des jeweils eigenen Autos an Privatpersonen vermitteln. Weder „Drivy“ noch „Tamyca“ besitzen eigene Flotten. Mitmacher gibt es nach der interaktiven Karte auf www.carsharing-news.de an der Vorberger und Lüssumer Straße, an der Straße „Am Grambker See“, am Koppelweg in Platjenwerbe sowie an der Bansiner Straße in Ihlpohl.

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