Abgang eines Bremer Bürgermeisters

Carsten Sieling ist einer vom Fach

Carsten Sieling hat seine Verdienste. Er war in der Bürgerschaft und im Bundestag in wichtigen Funktionen. Als Bürgermeister ist er indes gescheitert - eine Rolle, die der 60-Jährige nicht ausfüllen konnte.
01.07.2019, 20:22
Lesedauer: 4 Min
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Carsten Sieling ist einer vom Fach
Von Jürgen Hinrichs
Carsten Sieling ist einer vom Fach

Als grundanständig, bescheiden und fleißig wird Carsten Sieling beschrieben. Trotzdem ist für ihn nach vier Jahren als Bürgermeister Schluss.

JASPERSEN/DPA

Carsten Sieling ist einer, mit dem man gut reden kann, er ist ein nahbarer Mensch, lässt sich ein, hört zu, diskutiert. Dieses Mal lehnt er das Gespräch aber ab. Keine Nachfragen, bitte, lässt der Bürgermeister seinen Sprecher mitteilen. Nichts, kein einziges Wort, das über die persönliche Erklärung hinausgeht, die Sieling vor den Journalisten abgibt. Er liest sie vom Blatt ab, auch das ist bei Pressekonferenzen sonst nicht seine Art. Einmal stockt er, ein kurzes Schweigen zwischen den Sätzen, und dann ist es schon vorbei.

Abgang eines Bürgermeisters. Sieling tritt nicht mehr an, wenn das neu gewählte Parlament den Präsidenten des Senats bestimmt. Nach nur vier Jahren ist Schluss. Noch nicht das Ende einer politischen Karriere, wohl aber die entscheidende Zäsur.

Es ist paradox: Kaum jemand in Bremen, der ein schlechtes Wort über Carsten Sieling verliert. Feiner Kerl, sagen fast alle. Grundanständig, bescheiden und fleißig. Klug und clever auch, das beweisen seine Erfolge, allen voran die Neuordnung des Finanzausgleichs zwischen den Bundesländern und dem Bund. Als vor zwei Jahren nach zähen Verhandlungen eine Einigung erzielt wurde, war das von enormer Tragweite. Sieling hat Bremen gerettet, eine Großtat. Ohne das zusätzliche Geld würde es dem kleinsten Bundesland schlecht ergehen.

Ein Bürgermeister also, der durchaus mit Fortune regiert und dazu noch überaus sympathisch ist. Doch was hat es ihm und seiner Partei geholfen? Stimmenverluste von historischem Ausmaß, das erste Mal Zweiter bei einer Wahl in Bremen, ein Niedergang, der sich auch dadurch nicht schönreden lässt, dass es für die SPD im Bund noch schlechter aussieht. Sieling war der Spitzenkandidat, er muss dieses Ergebnis verantworten und zieht jetzt die Konsequenzen. Doch woran genau ist er eigentlich gescheitert?

An einem Missverständnis.

Dieser Mann kann vieles, er hat das bewiesen. In Bremen zunächst, danach in Berlin. Sieling, ein diplomierter Ökonom, der mit 17 in die SPD eintrat, war zwei Jahre lang Landesvorsitzender seiner Partei. Er zog 1995 als Abgeordneter in die Bürgerschaft ein und war dort schnell einer der Wortführer. Zehn Jahre später wählte ihn seine Fraktion zum Vorsitzenden – ein Amt, das im Koalitionsalltag taktisches Geschick verlangt und viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit den eigenen Abgeordneten.

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Von welchem Kaliber Sieling ist, stellte sich noch stärker im Bundestag heraus. Sein Mandat ab 2009 war nicht das eines Hinterbänklers. Der Abgeordnete profilierte sich als Finanzpolitiker, er saß in den wichtigen Ausschüssen und wäre am Ende sicherlich auch ein Kandidat für Regierungsämter gewesen. In seiner Fraktion war er nicht bei den konservativen Seeheimern, sondern bei der Parlamentarischen Linken zu Hause. Auch dort wieder als Treiber, der die Schlagzahl erhöhte und zuletzt als Sprecher fungierte.

Seit der Zeit in Berlin verfügt Sieling über gute Kontakte zu den Ministerien, zur Bundespartei der SPD, die ihn in den Vorstand gewählt hat, und zu einzelnen Abgeordneten anderer Parteien und aus anderen Bundesländern. Ein Netzwerk, das Gold wert war und mehr noch Geld, als Bund und Länder ihre Finanzbeziehungen neu organisierten. Nicht schaden konnte auch, dass mit dem Bremer Bürgermeister jemand am Verhandlungstisch saß, der vom Fach ist.

Dieser Mann kann vieles, eines aber nicht, und das war früh zu merken. Als Sieling vor vier Jahren von seiner Partei zurück nach Bremen gerufen wurde, um die Lücke zu füllen, die Jens Böhrnsen mit seinem Verzicht auf das Bürgermeisteramt gerissen hatte, musste er in eine Rolle schlüpfen, die ihm allzu sichtbar nicht auf den Leib geschnitten ist. Bei Böhrnsen war das in den ersten Jahren seiner Zeit als Senatspräsident genauso. Er blieb blass, hatte es aber auch besonders schwer, weil sein Vorgänger der charmante Menschenumarmer Henning Scherf war. Anders als Sieling fing sich Böhrnsen, er kriegte die Kurve, wurde souverän und heimste bei seiner letzten Wahl horrend viele Personenstimmen ein. Nicht mehr weitermachen wollte er allein wegen des damals schon dramatisch schlechten Abschneidens seiner Partei.

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Sieling hat die Kurve nicht gekriegt. Wer sympathisch ist, ist nicht automatisch beliebt. Wer Erfolg hat, wird nicht automatisch anerkannt. Das ist nicht gerecht, aber schwer zu ändern. Bestes Beispiel ist, dass in den vier Jahren immer wieder die Frage aufkam, was der Bürgermeister eigentlich macht, wo er steckt. Der lässt sich nicht blicken, kritisierten die Leute. Ein falscher Eindruck, denn Sieling hat gerackert, wie er nur konnte, er war allgegenwärtig, ließ keinen Termin aus. Es spricht Bände, dass das anders wahrgenommen wurde.

Charisma hat man oder man hat es nicht. Sieling hat es nicht. Ihm fehlt die Ausstrahlung eines Bürgermeisters, das, was gemeinhin als landesväterlich beschrieben wird. Der Amtsbonus war bei der vergangenen Bürgerschaftswahl so eher ein Amtsmalus.

Sieling tritt zurück ins Glied, er will sein Mandat im Bremer Parlament annehmen. Der Bürgermeister plötzlich nicht mehr auf der Regierungsbank, sondern im Plenum, als einfacher Abgeordneter. Ein Kreis, der sich für ihn schließt.

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