Interview mit designiertem Bürgermeister

Carsten Sieling über das Spicarium und den Nord-Beauftragten

Carsten Sieling will im Rathaus einen Bremen-Nord-Beauftragten installieren. Im Gespräch mit unserer Zeitung äußerte sich der designierte Bremer Bürgermeister auch zur Zukunft des Spicariums.
09.07.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Carsten Sieling über das Spicarium und den Nord-Beauftragten

Carsten Sieling: Der Kauf der Grohner Düne durch die Gewoba könnte eine positive Wirkung entfachen.

Frank Thomas Koch

Herr Sieling, der Koalitionsvertrag steht, aber in Bremen-Nord haben viele Akteure den Eindruck, dass der Stadtbezirk darin schlecht abschneidet. Sie vermissen Ideen und konkrete Impulse. Haben diese Leute etwas überlesen?

Carsten Sieling: Es gibt in diesem Koalitionsvertrag in der Tat kein eigenes Bremen-Nord-Kapitel – aber beispielsweise auch keines für Bremerhaven. Wir begreifen Bremen-Nord als Teil der Gesamtstadt. Das heißt: Aussagen, die wir beispielsweise zur Wirtschaftspolitik oder zum Themenfeld Kinder und Bildung allgemein treffen, gelten auch für Bremen-Nord, darauf lege ich Wert.

Es muss Ihnen aber doch zu denken geben, wenn selbst aus den Reihen ihrer Nordbremer Genossen Nachbesserungen gefordert werden.

Diese Debatte wird nach meiner Wahrnehmung durch den Prüfauftrag für das Spicarium bestimmt...

Sie meinen: den Beschluss, die Ausstellung im Alten Speicher zu schließen. Sie steht ganz konkret auf der Streichliste.

Ich sagte bewusst: Überprüfung. Das letzte Wort ist sicher noch nicht gesprochen. Ich gehe davon aus, dass auch die neu gewählten Abgeordneten der Bremischen Bürgerschaft bei dieser Entscheidung mitreden wollen.

Es gibt also noch Hoffnung für das Spicarium.

Die Zahlen sehen kritisch aus. Deshalb werbe ich um Verständnis dafür, dass wir aufgrund der finanziellen Gesamtlage Bremens gezwungen sind, überall im Land Dinge auf den Prüfstand zu stellen. In Bremerhaven reden wir über neue Strukturen bei der Polizei, in Gröpelingen kann eine Schule nicht gebaut werden. Bremen-Nord stellt also keinen Sonderfall dar. Grundsätzlich müssen wir uns aber fragen, ob man für Bremen-Nord Themen neu auf die Tagesordnung setzt.

Nämlich?

Es ist nüchtern festzustellen: Nicht alles, was in den letzten gut 20 Jahren versucht wurde – sei es im Tourismus, sei es bei der Schaffung von Arbeitsplätzen – hat die erhofften Effekte gebracht. Eine Lehre, die man daraus ziehen kann, ist die Überprüfung vorhandener Strukturen. Die Rolle des Bauamtes Bremen-Nord wäre ein Beispiel. Ein anderes sehe ich im Tourismus. Es liegt nahe, sich auf ganz spezielle Angebote zu konzentrieren, die es nur in Bremen-Nord gibt, also etwa den Bunker Valentin. Und was die Vegesacker Wasserkante angeht: Da müssen wir uns fragen, ob sie in Zukunft von bestimmten Leuchtturm-Projekten wie dem Spicarium leben soll oder eher von ihrer maritimen Atmosphäre und dem Tagestourismus, der dadurch angezogen wird.

Es gab eine weitere Nachricht aus den Koalitionsverhandlungen, die für Enttäuschung gesorgt hat, nämlich den Verzicht auf einen Bremen-Nord-Beauftragten, der die Belange des Stadtbezirks gegenüber den Senatsressorts vertritt.

Das habe ich nie gesagt. Die Funktion eines Bremen-Nord-Beauftragten steht zwar nicht im Koalitionsvertrag, aber ich werde sie im Rathaus einrichten. Die wichtigste Aufgabe dieses Mitarbeiters als Bremen-Nord-Beauftragter wird es sein, ein Entwicklungskonzept zu erarbeiten und die einzelnen Projekte, auf die man sich in diesem Rahmen verständigt, vernünftig zu koordinieren.

In welcher Form wird die Position im Rathaus angedockt?

Das werde und kann ich erst entscheiden, wenn ich gewählt bin. Ich sage aber auch, dass es sogar drei gewählte Beauftragte gibt. Ortsamtsleiter, die in ihren wichtigen Ämtern mehr als bislang und vor allem gemeinsam die Entwicklung von Bremen-Nord befördern sollten.

Wer einen Bremen-Nord-Beauftragten beruft, der erkennt damit an, dass der Stadtbezirk eine besondere Identität hat und besondere Herausforderungen an die politisch Handelnden stellt. Was ist Ihr Leitbild für die Entwicklung Bremen-Nords?

Wir müssen uns von ein paar Dingen verabschieden. Das Erste ist die Hoffnung, dass wir in absehbarer Zeit wieder auf einen Beschäftigungsstand wie vor der Vulkan-Krise kommen. Dem sollte man nicht nachlaufen, sondern eher spezialisierte Entwicklungen angehen. Gute Chancen dafür sehe ich beispielsweise auf dem BWK-Gelände und im Bremer Industriepark. Mit jedem Tag, mit dem die Weserquerung der A 281 näher rückt, werden die Gewerbegrundstücke dort attraktiver. Eine andere starke Qualität Bremen-Nords ist der Wohnstandort. Man findet hier eine Wohnqualität, wie sie viele Menschen sonst in den niedersächsischen Nachbarkommunen suchen. Dieses Potenzial ist in den vergangenen 20, 30 Jahren zu stark liegen geblieben. Wir wollen ganz ausdrücklich auf Bremer Gebiet Wohnen im Grünen und in diesem Zusammenhang Flächenentwicklung im Außenbereich ermöglichen. Die verkehrliche Erschließung von Wohngebieten innerhalb der Stadtgrenzen ist einfach viel besser, als wenn man die Landschaft der niedersächsischen Nachbargemeinden zersiedelt. Das ist für mich auch aus ökologischer Sicht sinnvoll.

Eines der drängendsten Probleme in Bremen-Nord ist die Grohner Düne. Projektgruppen und Staatsräte-Runden haben daran herumgedoktert, ohne dass Besserung in Sicht ist. Was haben Sie sich vorgenommen?

An diesem Punkt können wir von einem sehr erfolgreichen Projekt lernen, das sogar bundesweite Aufmerksamkeit erregt hat, nämlich der Entwicklung Tenevers. Diesen Ortsteil haben wir systematisch umgebaut. Dabei war die städtische Wohnungsgesellschaft Gewoba ein sehr wichtiger Partner. Das wollen wir für die Grohner Düne auch. Ein Erwerb der Immobilie durch die Gewoba könnte eine Wirkung entfalten, die deutlich über Gesprächsrunden hinausgeht.

Von der Grohner Düne landet man sehr schnell beim Thema Innere Sicherheit. Es häufen sich Ereignisse wie die Massenschlägereien im Blumenthaler Ortskern oder am Grambker Sportparksee, die das Sicherheitsgefühl vieler Menschen nachhaltig erschüttern. Wie soll das weitergehen?

Innensenator Ulrich Mäurer ist bereits in den letzten Jahren mit harter Hand gegen Gewalt von rivalisierenden Clangruppen vorgegangen. Und wir werden weiterhin das Gewaltmonopol des Staates durchsetzen. Auch deshalb haben wir uns entschlossen, die Polizei zu verstärken.

Aber marginal.

Das bestreite ich. In der absoluten Stellenzahl mag die Verbesserung vielleicht gering ausfallen. Wir wollen aber eine Verschiebung. Die Polizisten, die im Vollzugsdienst sind, sollen auch wirklich Vollzug machen und nicht mit Papierkram hinter dem Schreibtisch festgehalten werden. Leider ist das auf den Wachen derzeit noch häufig der Fall.

Damit verlangen Sie nicht weniger als eine völlige Kehrtwende bei der Polizei, denn die Bürokratie nimmt dort stetig zu.

Hierfür braucht es eine Kehrtwende bei den Vorgaben zu Personaleinsparungen. Das wird auch geschehen.

Sie werden demnächst nicht nur Bürgermeister, sondern auch Kultursenator...

...und in diesem Zusammenhang liegt mir die Stadtteilkultur sehr am Herzen. Wir haben ja zuletzt insgesamt 8,6 Millionen Euro für die Runderneuerung des Bürgerhauses aufgewendet. Ich finde: Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Kulturdeputation hat sich erst vor Kurzem mit der Förderung der Soziokultur befasst. Das darf nicht an Bremen-Nord vorbeigehen.

Das Gespräch führte Jürgen Theiner.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+