Interview mit Denis Metz

Cartoons gegen rechts: „Mit Vollpfosten verdienen wir Geld“

Exakt 80 Jahre nach der Reichspogromnacht zeigt die Havengalerie in Vegesack 120 „Cartoons gegen rechts“. Zur Vernissage kommen neun der 21 Zeichner und geben Autogramme.
07.11.2018, 20:13
Lesedauer: 5 Min
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Von Imke Molkewehrum
Cartoons gegen rechts: „Mit Vollpfosten verdienen wir Geld“

Denis Metz zeigt viele Cartoons auch auf www.schnabulak24.de.

Lappan Verlag
Herr Metz, 80 Jahre nach der Reichs-Pogromnacht, die sich vom 9. auf den 10. November jährt, eröffnen Sie in der Vegesacker Havengalerie die Ausstellung „Cartoons gegen rechts!“ mit 120 Zeichnungen von 21 Cartoonisten aus dem druckfrischen, gleichnamigen Buch. Was war der konkrete Auslöser für Sie, das Buch herauszugeben?

Denis Metz: Die Idee brodelte schon Jahre in mir. Erst kam die Pegida, dann die letzte Bundestagswahl. Die war der Auslöser. Ich habe das Buch im Frühjahr dem Verlag vorgestellt und Zeichner empfohlen, die im Kampf gegen rechts treffsichere Arbeiten machen. Darunter waren sowohl routinierte Kollegen der Antikriegs- und Alternativszene als auch Pioniere.

Wie haben Sie die Auswahl getroffen?

In Deutschland ist die Szene der Cartoonisten überschaubar. Es gibt 100 bis 120 Zeichner. Man kennt sich. Das Konzept für das Buch habe ich dann mit einer Handvoll Leute ausgearbeitet und erste Zeichnungen dem Verlag vorgelegt. Eigentlich wollte ich viel mehr Zeichner beteiligen, aber der Verlag hat die Anzahl begrenzt. Von 25 angeschriebenen Cartoonisten haben dann 21 tatsächlich zugesagt.

Wer sagt denn freiwillig ab?

Beispielsweise der österreichische Karikaturist Gerhard Haderer. Der wollte den Jüngeren den Vortritt lassen. Außerdem bildet er in Linz an seiner „Schule des Ungehorsams“ Vertreter aus Kunst, Kultur, Wissenschaft und Philosophie im Kampf gegen den Rechtspopulismus aus und hilft ihnen, sich zu vernetzen.

Inwieweit sind die deutschen Cartoonisten miteinander vernetzt?
Denis Metz lebt auf Baltrum.

Denis Metz lebt auf Baltrum.

Foto: fr

Bei Cartoonisten geht es sehr familiär zu. Über das Internet haben wir alle miteinander zu tun, und viele tauschen sich täglich miteinander aus. Bei Facebook posten wir sogar Zeichnungen und fragen: "Versteht ihr das?“ Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis zueinander. Es gibt – anders als zum Beispiel bei Designern oder Models – keinen Konkurrenzkampf.

Ob in Österreich, Italien, Ungarn Amerika, Brasilien oder Deutschland: Weltweit ist ein deutlicher Rechtsruck spürbar. Inwieweit sind Cartoons angesichts der Bedrohung und Verrohung ein Pfeifen im Wald?

Alles ist Pfeifen im Wald. Aber Cartoons sind die einzige Waffe, die ich habe, um Menschen zu sagen: Da läuft was schief! Philosophen sagen, dass nur Bildung und Kunst gegen Dummheit und Populismus helfen. Der Leser soll merken, dass er sich selbst verändern muss. Dass US-Präsident Trump doof ist, weiß er ja schon.

Donald Trump ist aber für Cartoonisten ein gefundenes Fressen…

Natürlich ist Trump ideal. Mit Vollpfosten verdienen wir unser Geld. Auch mit Seehofer. Merkel glitscht uns dagegen leider immer weg. Ich konzentriere mich auf die deutsche Politik, zeichne aber eher Paare am Esstisch oder Nazis auf der Straße.

Was kennzeichnet aus Ihrer Sicht einen guten Cartoon?

Ein guter Cartoon muss sofort zünden. Er macht aus etwas Ernsthaftem einen Witz. Das ist oft grausam, hilft aber. Der Cartoon muss überraschen und der Witz muss nicht erklärt werden. Er darf nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Stattdessen sollte die Zeichnung dem Leser den Spiegel vorhalten. Und man muss auch die eigenen Eigenarten aufgreifen und angreifen. Nazis werden unser Buch sicher nicht lesen. Deshalb muss man sich auch über die linken Leser lustig machen. Das Entwickeln dieser Ideen dauert aber lange.

Die zahlreichen Cartoons der gepeinigten Freiheitsstatue nach der Wahl von Donald Trump waren dagegen eher plakativ…

Ja, manchmal ist auch Symbolik nötig, weil wir unter Zeitdruck stehen und die Verlage Vorgaben machen. So etwas entsteht oft unter Zeitdruck. Von uns haben mehrere Zeichner unabhängig voneinander eine vergewaltigte, gedemütigte oder verletzte Freiheitsstatue gezeichnet. Und drei Zeichner haben zur Thematik Angst vor Islamisierung einen Cartoon mit der Mondsichel am Himmel gemacht. Ich auch. Das hatte sich jeder selbst ausgedacht. Keiner klaut mutwillig.

Welche gesellschaftliche Tendenz empfinden Sie derzeit als besonders bedrohlich?

Die Tendenz zur Dummheit. Die Wahrheit wird verdreht. Die Menschen sind mit den Nachrichten überfordert und können nicht mehr differenzieren. Das gilt auch für die Angst vor Flüchtlingen. Die wenigsten spüren etwas davon, trotzdem wählen sie die Nazi-Partei, deren Mitglieder behaupten, sie seien keine Nazis, und suchen sich Opfer, auf denen sie herumhacken.

Sie selbst leben auf Baltrum. Inwieweit ist eine ostfriesische Insel der geeignete Ort, sich mit den Schrecken der Welt auseinanderzusetzen?

Die Baltrumer sagen: „Ich fahr' nach Deutschland“, wenn sie aufs Festland fahren. Mit 500 Leuten ist unser Dorf ein Mikrokosmos. Schaltet man Fernseher und Internet ab, ist man völlig abgeschirmt und kann von oben auf das Geschehen gucken. Satire ist schwieriger, wenn man mitten drinsteckt und die Nazis direkt neben einem laufen.

Dieses Privileg haben aber nicht alle Menschen. In Wohnsiedlungen am Stadtrand ist es sicher nicht so friedlich. Da wachsen deshalb auch eher Aversionen gegen die Nachbarn aus aller Herren Länder.

Kann sein.

Warum gibt es eigentlich so wenige Frauen unter den Cartoonisten?

Es gibt sehr gute Cartoonistinnen. Gut ein Drittel der Zeichner sind in Deutschland Frauen. Die sind weniger in der Tagespolitik unterwegs, aber nicht weniger bissig.

Wie entwickelt ein Zeichner seinen eigenen Stil und findet die Pointen?

Stil ist ein Prozess, der Jahrzehnte dauert. Ich bin jetzt 43, habe aber schon mit 13 meinen ersten Cartoon in einem Anzeigenblatt veröffentlicht. Ich bin ein Verehrer von Bernd Pfarr, der mit 45 an Krebs gestorben ist. Seine verqueren Perspektiven habe ich mir ein bisschen abgeguckt.

Welchen Vorteil hat eine satirische Zeichnung gegenüber einem satirischen Text?

Die Zeichnung kann innerhalb von Sekunden erfasst werden. Das ist der einzige Vorteil.

Wie finden Sie den 2015 gedrehten satirischen Film „Er ist wieder da“, der von der Rückkehr Hitlers handelt?

Ich habe nur das Buch gelesen und erlebt, dass man irgendwann nicht mehr über Hitler lacht, sondern mit ihm. Das hat mir Angst gemacht. Plötzlich sind die Nazis ganz nah an einem dran. Es braucht einen satirischen Hintergrund, um die Handlung zu differenzieren. Meinen Kindern habe ich deshalb nicht erlaubt, den Film zu gucken.

Welches Format bevorzugen Sie unter den satirischen Fernsehsendungen?

Die Mitternachtsspitzen im WDR sehe ich gerne. Nicht aushalten kann ich Klamauk und Comedy, also Mario Barth oder Dieter Nuhr. Die lachen über andere, und das finde ich platt. Dieter Nuhr ist politisch nicht leicht einzuordnen. Außerdem macht er sein Programm für die breite Masse, ohne Tiefgang.

Wie finden Sie Loriot?

Loriot ist großartig. Er hat durch alle Schichten die Leute zum Lachen gebracht. Das ist große Kunst. Ich habe mir gerade auch noch eine Otto-Platte angehört. Der ist mit seinem kindlichen Humor auch nach 40 Jahren richtig gut.

Welches Ihrer zehn Bücher war bislang das erfolgreichste?

Ganz klar „Oppa was a Rolling Stone – das Buch zum Rollator“ von 2012. Davon gab es vier Auflagen à 3000 bis 4000 Stück. Das aktuelle Buch „Cartoons gegen rechts“ startet mit 10 000 Exemplaren und wird ein Kassenschlager (lacht).

Das Gespräch führte Imke Molkewehrum.

Info

Zur Person

Denis Metz

wurde 1974 in Wipperfürth geboren, lebt auf Baltrum und arbeitet als Cartoonist. Er hat jetzt sein zehntes Buch herausgegeben.

Info

Zur Sache

Signierstunde mit neun Cartoonisten

Die Ausstellung „Cartoons gegen rechts!“ ist ab Sonnabend, 10. November, in der Vegesacker Havengalerie, Alte Hafenstraße 27, zu sehen. Gezeigt werden 120 Drucke aus dem gleichnamigen Buch. Neun der 21 Zeichner signieren am Sonnabend anlässlich der Vernissage zwischen 11 und 12.30 Uhr Bücher: Til Mette, Harm Bengen, Denis Metz, Katharina Greve, Mario Lars, Gymmick, Martin Perscheid, Ari Plikat und André Sedlaczek. Die Ausstellung dauert bis zum 9. März. Die Öffnungszeiten sind: Dienstags bis freitags von 9 bis 12.30 Uhr und von 14.30 bis 18 Uhr, sonntags von 14 bis 17 Uhr und nach Absprache.

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