Cem Özdemir in Bremen "Cem, lass kiffen!"

Beim Wahlkampfauftritt ihres Spitzenkandidaten Cem Özdemir haben die Grünen die Öffentlichkeit vergessen. Nicht einmal ein Mikrofon gab es.
22.08.2017, 19:15
Lesedauer: 4 Min
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Von Jürgen Hinrichs

Er ist der Spitzenkandidat, der bisher für den meisten Ärger sorgt, für Frust und Enttäuschung. Der Mann kann nichts dafür, es sind seine Leute vor Ort, die nicht nachgedacht haben. Und so ist das alles beherrschende Thema am Dienstag auf dem Marktplatz nicht der Klimaschutz, die Agrarwende oder die Verfehlungen der deutschen Autoindustrie.

Es ist ein Utensil, eines, das fehlt: ein Mikrofon. Cem Özdemir ist nicht zu verstehen, und zu sehen ist er auch nicht. Ein denkwürdiger Wahlkampfauftritt. Die Idee ist, ihn auf ein grünes Sofa zu setzen. Wer will, soll sich dazu gesellen und ihm Fragen stellen.

Doch was haben sich die Bremer Grünen eigentlich vorgestellt? Wie pessimistisch ist die Partei mittlerweile, dass sie nur noch mit einer Handvoll Menschen rechnet, wenn der Spitzenkandidat kommt? Weil es deutlich mehr sind, 200 vielleicht oder 300, kommt nur ein Bruchteil von ihnen zum Zuge, diejenigen, die sich früh und geschickt postiert haben.

"Das ist keine Veranstaltung für die Menschen"

Özdemir sitzt auf keinem Sofa, wie angekündigt, sondern auf einem grünen Polstersessel. Die beiden Sessel daneben sind für Fragesteller reserviert. So wird es mehr ein Tête-à-Tête, als etwas, was die Menge erreicht. „Das ist keine Veranstaltung für die Menschen“, sagt eine Frau in den hinteren Reihen.

„Die dachten wohl, es kommen nur zehn Leute“, wundert sich eine andere Frau. Die beiden, sie kennen sich nicht, geben auf und stellen sich gemeinsam beim Kaffee an. Die Grünen haben zu Café Cem eingeladen. Özdemir, der anatolische Schwabe aus Stuttgart und Klimaschützer mit Wirtschaftsinteressen, wie er von seiner Partei angekündigt wird, ist sichtlich in Form.

Der 51-Jährige hat Lust auf Wahlkampf, das merkt man, als er den Marktplatz betritt und keinem Gespräch ausweicht, sondern mit Lust und Laune Argumente austauscht. Gerne lässt er sich auch zu Selfies bitten und schreibt Autogramme. Zur Begrüßung, da steht er noch und ist zu sehen, wiederholt er seine Forderung, in der nächsten Legislaturperiode des Deutschen Bundestags die 20 dreckigsten Kohlekraftwerke abzuschaffen.

Kein gutes Zeugnis für seine Parteifreunde

„Manche stammen noch aus der Zeit von Sepp Herberger.“ Die Grünen hätten bei diesem Thema ein Alleinstellungsmerkmal, „alle anderen Parteien sind Kohle-Parteien.“ Dann spricht er über die Autobranche und die Aufsichtsbehörden: „Die einen tun so, als ob sie die Grenzwerte einhalten. Die anderen tun so, als ob sie das kontrollieren.“

An den Fahrzeugen müsse massiv nachgerüstet werden, „nicht nur mit ein paar Mausklicks“. Und es müsse das Verursacherprinzip gelten. Bremen lobt der Spitzenkandidat als extrem fahrradfreundliche Stadt. „Für meine Stadt kann ich das leider nicht sagen“, bedauert er.

Stuttgart hat mit Fritz Kuhn seit vier Jahren einen grünen Oberbürgermeister, Baden-Württemberg mit Winfried Kretschmann seit sechs Jahren einen grünen Ministerpräsidenten. Kein gutes Zeugnis, was Özdemir seinen Parteifreunden ausstellt.

Auch die heißen Eisen werden angefasst

„Haben wir tatsächlich kein Mikrofon?“, fragt er Kirsten Kappert-Gonther, die ihn begleitet und für sich Wahlkampf macht, sie ist die Bremer Bundestagskandidatin. Nein, haben sie nicht. Özdemir schaut die Kollegin entgeistert an, fügt sich dann aber in die Situation, was soll er machen?

Petra Geyik schafft es, sie gehört zu den wenigen Auserwählten, die Platz nehmen dürfen, um Özdemir Fragen zu stellen. Doch dann sind es keine Fragen, es ist eine Ode. Özdemir steht auf und empfängt das Lob im Stehen. Sie blickt auf zu ihm, jetzt im doppelten Sinne. Der Grüne sei einer, der sich etwas traue und mit seiner Kritik zum Beispiel an dem türkischen Präsidenten Erdogan auch die heißen Eisen anfasse.

„Der hat Biss“, hatte die 65-Jährige vorher schon im Gespräch mit dem Reporter gesagt, „am besten, er wird Bundeskanzler.“ Die Grünen liegen in den Umfragen mittlerweile bei unter acht Prozent, schlechte Chancen für den Job im Kanzleramt. Minister könnte Özdemir aber schon werden, Außenminister, wenn die Grünen sich nach der Wahl zu einer Jamaika-Koalition entschließen und die anderen Parteien mitmachen.

Die Grünen geben einen aus

Ein Bündnis zwischen CDU/CSU, FDP und den Grünen – Özdemir traut man das zu, was ihn bei den Linken in seiner Partei eher nicht beliebt macht. Er wirbt zunächst aber natürlich allein für seine Partei und dafür, zur Wahl zu gehen. „Das ist das Wichtigste“, sagt der Kandidat, „jeder bei uns kann wählen, was er will und muss nicht wie in anderen Ländern fürchten, seinen Job zu verlieren, eingesperrt zu werden oder gar sein Leben zu verlieren.“

Özdemir schaut rüber zu den Politclowns von „Die Partei“, die bei jeder Wahlkampfveranstaltung auftauchen und Quatsch machen, andere sagen, sie stören. „Auch diese Kollegen machen ein Angebot“, sagt der Grüne. Und was für eines! „Cem, lass kiffen!“, ruft einer aus der kleinen Gruppe, „hab' einen Joint dabei.“

Die beiden Frauen, denen es zu bunt geworden ist, bei den Grünen nichts zu sehen und zu hören, haben sich mittlerweile mit Kaffee versorgt. Interessante Sorten, die angeboten werden: ein Schwarzwälder-Kirsch-Latte zum Beispiel oder Othello, eine Kreation aus Heißer Schokolade und Espresso. Die Grünen geben einen aus, wenigstens das.

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