Roboter in der Altenpflege Chance und Gefahr zugleich

Was ihn dieser Tage in Bremen bewegt hat, das schreibt Willi Lemke für unsere Zeitung auf. Diesmal beschäftigen ihn Roboter in der Altenpflege. Er sieht darin sowohl Chancen als auch große Gefahren.
11.05.2018, 16:12
Lesedauer: 2 Min
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Von Willi Lemke

Eigentlich bin ich ja ein großer Sympathisant von Start-up-Unternehmen. Ich begrüße es, wenn junge oder jung gebliebene Leute Ideen entwickeln und versuchen, etwas Neues auf die Beine zu stellen und dafür ein Unternehmen gründen. Als ich aber neulich von einer bremischen Start-up-Firma las, die Roboter für die Betreuung alter Menschen einsetzen will, dachte ich mir: Liebe Leute, was habt ihr für ein Menschenbild von Senioren.

Das junge Unternehmen, das sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigt, hat sich auf die Entwicklung sogenannter sozialer Roboter spezialisiert. Das sind Roboter, die mit Menschen zusammenarbeiten und sie im Alltag oder bei der Arbeit unterstützen. Solche Roboter können im Umgang mit Menschen auch dazu lernen und sich – im Rahmen ihrer technischen Möglichkeiten – auf deren spezielle Bedürfnisse einstellen. Das mag in manchen Bereichen durchaus sinnvoll und bereichernd sein. Aber wenn ich mir vorstelle, dass alte Menschen, deren Kontakte mit anderen sowieso schon enorm eingeschränkt sind, nur noch mit Robotern kommunizieren, dann graut mir.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen. Ich finde es sehr gut, wenn Maschinen und Computer den Pflegerinnen und Pflegern in Altenheimen die Arbeit erleichtern. Also, wenn sie durch Einsatz von Technik nicht mehr so schwer tragen müssen, ihnen Routineaufgaben abgenommen werden und ihr Stress reduziert wird. Auch wenn solche Geräte helfen, die nachlassende körperliche und mentale Kraft alter Menschen auszugleichen, finde ich das sinnvoll. Auch ein intelligentes Pflegepflaster, das rechtzeitig vor dem Wundliegen warnt, scheint mir hilfreich zu sein. Aber wenn ein Stück Metall und ein Haufen Elektronik an die Stelle eines sich kümmernden Menschen treten sollen, finde ich das nicht mehr akzeptabel.

Ich räume ein, dass das Thema durchaus zweischneidig ist. Viele alte Menschen möchten beispielsweise lieber in ihrer Wohnung bleiben, statt in ein Altenheim zu gehen. Das wird mit zunehmender Gebrechlichkeit immer schwerer. Wenn nun Apparate ihnen den Aufenthalt in der eigenen Wohnung erleichtern, ist das sicher eine Hilfe, die ich nicht verteufeln will. Ich will auch nicht in Abrede stellen, dass ein Demenzkranker durch ein künstliches Kuscheltier aufgeheitert werden kann, wie das angeblich schon in Japan Praxis ist. Aber gegenüber Robotern als Reha-Trainer bin ich sehr skeptisch. Sie können genesende alte Menschen zu körperlichen Übungen animieren und anhand der gemessenen Daten sagen, ob sie Fortschritte machen. Aber auch wenn die Stimme eines Roboters noch so menschlich klingen mag, es fehlt die menschliche Zuwendung.

Warum sind solche Maschinen ein Geschäftsmodell? Einerseits, weil wir keine Zeit oder keine Lust haben, uns mit den alten Menschen zu beschäftigen. Andererseits und vor allem, weil es leichter und billiger ist, Computer einzusetzen als Pfleger qualifiziert auszubilden, ihr Berufsbild zu verbessern und sie angemessen zu bezahlen. So gesehen ist die Geschäftsidee des eingangs erwähnten Start Up Unternehmens möglicherweise erfolgversprechend. Aber mir wäre lieber, die jungen Leute konzentrierten sich auf soziale Roboter, die das Zusammenleben der Menschen fördern und nicht deren Vereinzelung. Die Technik ist dieselbe.

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Zur Person

Willi Lemke (71)

schreibt jeden Sonnabend im WESER-KURIER über seine Heimatstadt und was ihn in dieser Woche in Bremen bewegt hat.

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