Streit an der Universität Chancengleichheit auf Abruf

Seit zehn Jahren fördert die Uni mit vier Projekten junge Wissenschaftlerinnen, um ihnen den Berufseinstieg zu erleichtern. Doch nun sollen dafür zuständigen Mitarbeiter nicht mehr beschäftigt werden.
19.04.2019, 18:00
Lesedauer: 3 Min
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Chancengleichheit auf Abruf
Von Lisa-Maria Röhling

Der Ruf der Universität Bremen ist in Gefahr. So sieht es zumindest die stellvertretende Frauenbeauftragte, Veronika Oechtering. Seit zehn Jahren fördert die Uni mit vier Projekten junge Wissenschaftlerinnen, um ihnen den Berufseinstieg zu erleichtern. Nun sollen die dafür verantwortlichen Mitarbeiterinnen nicht mehr weiter beschäftigt werden. Für Oechtering, viele Doktoranden und Uni-Mitarbeiter ist das unverständlich – mehrere Projekte stünden damit vor dem Aus. Das soll durch eine Petition verhindert werden.

Mit „Perspektive Promotion“, „Enter Science“, „Mint-Coaching“ und „Go diverse“ werden seit zehn Jahren junge Wissenschaftlerinnen an der Uni mit Beratungsangeboten gefördert. Die Projekte werden von vier Frauen geleitet, die in Teilzeit tätig sind. Diese Mitarbeiterinnen sollen nun ihre Jobs verlieren: Zwei Verträge laufen Ende April aus, ein weiterer Ende Mai, der vierte dann Ende November. Gebe es keine Entfristung, sagt Oechtering, würden die Projekte zwar weitergeführt, aber mit neuen Mitarbeitern. Und das entspreche nicht der ursprünglichen Planung, mit den Maßnahmen kompetente, langfristige Beratungsangebote zu bieten. „Wenn jetzt bei null angefangen wird, ist das ein Qualitätsverlust, der einer Zerschlagung gleichkommt", warnt sie.

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Zudem seien die Projekte eng an die Gewinnung von Bundesgeldern gekoppelt: Im Herbst habe sich die Uni ein drittes Mal für das Professorinnen-Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung beworben. Bei den ersten Bewerbungen 2009 und 2014 habe die Bremer Uni gut abgeschnitten und einen Zuschlag bekommen, mit dem für jede Runde drei neue Stellen für junge Professorinnen finanziert wurden. Allerdings sind die Beratungsprojekte dafür nicht unbedeutend: Um die Bundesgelder überhaupt einwerben zu können, muss im Antrag für das Programm ein umfangreiches Gleichstellungskonzept vorlegen, das aus Uni-Mitteln bezahlt wird. Dazu gehören auch Programme wie „Perspektive Promotion“. Das Prinzip: Fließen die Gelder des Professorinnen-Programms, wird in die Projekte investiert. Knapp 300 000 Euro stünden der Universität dafür pro Jahr zur Verfügung.

Erfolglose Gespräche

Genau gegen dieses Prinzip, sagt Oechtering, werde nun verstoßen. Wolle sich die Uni mit dem Versprechen, die Projekte umzusetzen, für die Bundesmittel bewerben, dürften die dafür verantwortlichen Mitarbeiterinnen nicht ihren Job verlieren. Darüber habe es auch bereits Gespräche mit der Uni-Leitung gegeben – allerdings ohne Erfolg. „Alle internen Möglichkeiten, Rektor und Kanzler zur Entfristung der Verträge zu bewegen, sind ausgeschöpft“, heißt es in einer Presseerklärung der Zentralen Frauenbeauftragten.

Studierende und Doktoranden wollen sich damit nicht zufriedengeben. Eine Doktorandin habe deshalb einen offenen Brief an die Uni-Leitung geschrieben und eine Petition gestartet, um das Projekt „Perspektive Promotion“ zu retten. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, weil sie ihren eigenen Arbeitsvertrag nicht gefährden wolle. Das Vorgehen der Uni kann sie nicht nachvollziehen. „Wieso sollte man diese Frauen auf die Straße setzen?“, fragt sie. Die Angebote seien deshalb so beliebt, weil die Mitarbeiterinnen jahrelange Erfahrung hätten und wüssten, welche Perspektive die Doktorandinnen an der Uni Bremen hätten. „Das Wissen und die Erfahrung sind wichtig“, sagt sie. „Wir wollen, dass die Angebote genau so weiterlaufen.“ Inzwischen haben knapp 200 Unterstützer die Petition auf dem Internetportal Change.org unterschrieben.

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Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält das Vorgehen der Universität für nicht nachvollziehbar. „Eine Daueraufgabe bleibt eine Daueraufgabe, selbst wenn temporär Geld aus unterschiedlichen Quellen dafür verwendet wird“, heißt es in einer Mitteilung der Bildungsgewerkschaft.

Es gebe zahlreiche andere unbefristete Beschäftigte, die sich unabhängig von den vier betroffenen Projekten um Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit kümmerten, sagt hingegen die Uni Bremen. Diese Verträge sollen bestehen bleiben, „sodass alle Regelaufgaben im Bereich Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit unverändert fortgeführt werden“, betont eine Sprecherin der Universität.

Das Wissenschaftsressort bedauert die Entscheidung

Für temporär anfallende Aufgaben würden hingegen befristete Beschäftigte eingesetzt. Das treffe auch auf die vier Stellen zu, die nun auslaufen. „Das Enddatum der Beschäftigungsverhältnisse stand von Beginn an fest und war allen Beteiligten bekannt", so die Sprecherin. Auch das Professorinnen-Programm sei vielmehr eine Ergänzung zu allen anderen Bestrebungen der Universität in Sachen Geschlechtergerechtigkeit. Inwiefern mit der dritten Auflage des Programms neue befristete Stellen beantragt würden, sei erst klar, wenn die genaue Anzahl der neu zu berufenen Professorinnen feststehe.

Das Wissenschaftsressort von Senatorin Eva Quante-Brandt (SPD) bedauert diese Entscheidung: Wenn sich Strukturen, die zusammen mit Bund-Länder-Programmen geschaffen wurden, bewährt hätten und sie auch weiterhin benötigt würden, „erwarten wir als Ressort, dass diese durch die Umwandlung von befristeten in dauerhafte Beschäftigungsverhältnisse verstetigt werden“, betont die Sprecherin der Wissenschaftssenatorin, Christina Selzer.

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