Interview mit dem Gesundheitsamts-Leiter

„Wir gehen jedem Fall nach“

Warum es so wichtig ist, jeder Corona-Infektion nachzugehen, was die Bremer von den Fachleuten des Gesundheitsamts wissen wollen und was man aus den bisherigen Daten von Infizierten in Bremen weiß.
05.04.2020, 10:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir gehen jedem Fall nach“
Von Sabine Doll
„Wir gehen jedem Fall nach“

Wulf Folke Becker leitet seit November 2017 das Gesundheitsamt in Bremen.

Frank Thomas Koch
Herr Becker, das Gesundheitsamt ist an vorderster Front, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Was ist die Strategie?

Wulf Folke Becker: Ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit ist die Nachverfolgung von Kontaktpersonen, die Benachrichtigung dieser Menschen über eine mögliche Infektion und schließlich auch der Quarantäne, die bei entsprechendem Laborergebnis auch angeordnet werden muss. Wird uns eine bestätigte Infektion mitgeteilt, haben wir die Daten des Infizierten aus der Labormeldung. Dieser wird dann befragt, wo er sich in einem bestimmten Zeitraum aufgehalten hat und mit wem er Kontakt hatte.

Inzwischen sind so viele Menschen infiziert, kann das überhaupt noch gelingen?

Es gelingt weitestgehend, leider nicht in jedem Einzelfall. Nach wie vor ist es aber sehr wichtig, die Infektionsketten nachzuvollziehen, damit möglichst wenig infektiöse Menschen unerkannt und ohne Wissen diese Infektion weiter verbreiten. Wir müssen alles tun, um den Anstieg der Fälle möglichst moderat zu halten – damit wir nicht in den exponentiellen Anstieg kommen, der unser Gesundheitssystem extrem belasten würde.

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Wesentlich dafür sind auch die Tests zum Virusnachweis. Wie lange dauert es, bis das Ergebnis vorliegt?

Nach aktuellem Stand sind es in Bremen zwischen 24 und 36 Stunden. Die Auslastung der Labore ist sehr hoch, das ist bundesweit der Fall, die Kapazitäten sind begrenzt. Auch bei einem negativen Ergebnis, wenn das Virus also nicht nachgewiesen wird, werden die Getesteten informiert. In der Stadt Bremen sind die Nachweise in zwei Laboren möglich, in Bremerhaven in einem. Die Labore sind dabei, die Kapazitäten auszubauen. In einem Labor wurde eine automatisierte Möglichkeit geschaffen. Allein das reicht aber nicht aus, die Testmaterialien sind wie die Schutzausrüstung derzeit auf dem Weltmarkt Mangelware.

Virologen und Politiker fordern eine massive Ausweitung der Tests, unter anderem auf Menschen mit Eigenverdacht und Kontaktpersonen – damit mehr Infizierte identifiziert und isoliert werden, um so die Ausbreitung deutlich schneller unter Kontrolle zu bekommen.

Durch eine Ausweitung würden wir einen besseren Überblick bekommen. Es gibt infizierte Menschen, die keine Symptome haben. Das würde man über solche Tests frühzeitiger erkennen. Südkorea soll mit diesem Konzept sehr erfolgreich gewesen sein.

Aktuell gibt es im Land Bremen knapp 400 bestätigte Coronavirus-Infektionen. Wer sind diese Menschen, wie alt sind sie, wo haben sie sich infiziert?

Das Bild ist nicht ganz so, wie wir es vorher erwartet haben – aber es gibt auch einen logischen Grund dafür. Wir haben etwa gleich hohe Anteile unter den Infizierten in der Gruppe 20 bis 29 Jahre, 30 bis 39 Jahre und 50 bis 59 Jahre; danach nimmt der Anteil wieder ab. Durch die Kontakt-Nachverfolgung konnten wir nachvollziehen: Sehr viele der jüngeren Betroffenen waren etwa in Tirol zum Skifahren, und die haben wiederum vorwiegend soziale Kontakte in ihrer Altersgruppe.

Coronavirus - Hamburg

Viele Bremer, die sich derzeit an das Gesundheitsamt wenden, fragen nach Mundschutz.

Foto: Christian Charisius/dpa
Was sagen diese Zahlen aus?

Man muss sie als Momentaufnahme betrachten. Wir haben in Bremen noch eine relativ überschaubare Fallzahl, unsere Anstrengungen zielen darauf ab, einen Anstieg zu verlangsamen. Darin sind vor allem noch die Reiserückkehrer eingeschlossen, deshalb können wir im Übrigen auch die Kontakte noch sehr gut nachverfolgen. Mittlerweile steigt aber schon die Zahl der Fälle an, bei denen wir nicht mehr sagen können, woher die Infektionen kommen. Das Containment – die Nachverfolgung der Kontakte – behalten wir dennoch bei, weil es unsere Prämisse ist, die Zahl der unerkannt infektiösen Menschen in der Bevölkerung so niedrig zu halten wie möglich. Wir gehen jedem Fall, der uns bekannt wird, nach. Unter anderem deshalb sind die Zahlen in Bremen im Vergleich moderat.

Viele Bürger wenden sich mit ihren Fragen zum Coronavirus an das Gesundheitsamt. Was wollen die Bremer wissen?

Ganz oben auf der Liste steht die Frage, woher man Mundschutz bekommen kann. Eine häufige Frage ist, wann man das Ergebnis des Abstrichs für den Virustest erhält. Oder auch, wer die Bescheinigung für den Arbeitgeber ausstellt, wenn man als Kontaktperson in Quarantäne ist. Ganz frisch und vermehrt sind in dieser Woche Fragen zur Hygiene beim Einkaufen dazu gekommen.

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Wie groß ist der Beratungsbedarf?

Über das Bürgertelefon mit der Nummer 115 sind seit Ende Februar mehr als 6000 Anrufe zum Thema Corona eingegangen. Beim Gesundheitsamt direkt sind es gut 1000 Anrufe, dazu kommen etwa 8000 E-Mails, die wir bearbeitet haben. Es läuft richtig viel auf.

Was bedeutet die Corona-Krise für die anderen Aufgaben des Gesundheitsamts?

Alle Mitarbeiter, die nicht an anderer Stelle für unabdingbare Aufgaben eingesetzt sind, sind mit der Bewältigung dieser Krise beschäftigt. Wir müssen selbstverständlich auch in der Corona-Krise anderen Infektionskrankheiten nachgehen. Wir werden natürlich auch bekannt gewordenen Verdachtsfällen von Kindeswohlgefährdungen nachgehen, Kriseninterventionen für psychisch gefährdete Jugendliche weiterführen. Wir führen alles weiter, was eine direkte Gefahr für Bürgerinnen und Bürger bedeuten würde, wenn wir es nicht täten.

Was geht nicht mehr?

Wir müssen alle Aufgaben, die keine direkte Gefahr bedeuten würden, einschränken. Dazu zählen auch reisemedizinische Beratungen, die jetzt ohnehin niemand in Anspruch nehmen würde. Selbst wenn, wir benötigen die infektiologisch geschulten Mitarbeiter dringend an anderer Stelle. Und: Aus personellen Gründen und wegen der mangelnden Schutzausrüstung sind die Schuleingangsuntersuchungen zunächst bis zum 15. April ausgesetzt. Wir hoffen, dass wir bis dahin die notwendige Ausrüstung bekommen.

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Das Gesundheitsamt arbeitet personell schon lange am Anschlag: In Brandbriefen haben die Beschäftigen immer wieder gewarnt, dass die gesetzlichen Aufgaben nur noch eingeschränkt bearbeitet werden können, wie etwa Hygienekontrollen in Kliniken, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen – und dass die Bewältigung größerer Ausbrüche und Epidemien unter den Bedingungen kaum möglich sei.

Der Personalbedarf besteht. Gerade die aktuelle Situation führt uns allen die Bedeutung eines funktionierenden Gesundheitswesens sehr klar vor Augen – gerade auch die des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Die von Ihnen genannten Brandbriefe haben dies verdeutlicht. Der Bereich des öffentlichen Gesundheitsdienstes ist in den vergangenen Jahren bundesweit deutlich geschrumpft, und eine Verbesserung ist immer wieder angemahnt worden. Die Gesundheitsministerkonferenz hat beschlossen, den öffentlichen Gesundheitsdienst zu stärken, das ist aber noch nicht in hinreichendem Maß angekommen – auch in Bremen nicht. Meine Hoffnung ist, dass die aktuelle Situation die Politik im Bund dazu veranlasst, dies jetzt nachzuholen.

Das Gespräch führte Sabine Doll.

Info

Zur Person

Wulf Folke Becker

Jahrgang 1958, arbeitet seit 2012 im Gesundheitsamt Bremen. Seit November 2017 ist der Zahnarzt Leiter der Behörde, von 2017 bis 2019 war er es kommissarisch.

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