Interview mit Verbraucherzentrale

Gutschein-Lösung: „Der Kunde ist doppelt gekniffen“

Die derzeitige Gutschein-Lösung muss dringend optimiert werden, sagt Annabel Oelmann, Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen. Im Interview erklärt sie, warum die zurzeit geltende Lösung ungerecht ist.
27.01.2021, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Gutschein-Lösung: „Der Kunde ist doppelt gekniffen“
Von Pascal Faltermann

Weil Veranstaltungen durch die Corona-Pandemie nicht stattfinden können, hat der Bundesrat im Mai 2020 beschlossen, dass Kunden statt der Erstattung der Eintrittspreise grundsätzlich Gutscheine erhalten. Diese Lösung soll laut einem Antrag der rot-grün-roten Regierungskoalition verbessert werden. Wie bewerten Sie den Antrag, der an diesem Mittwoch im Landtag beschlossen werden soll?

Annabel Oelmann: Wir waren schockiert von diesen Zwangsgutscheinen, die geltendes Recht ausgehebelt haben. Viele Kunden können es sich in Pandemie-Zeiten nicht leisten, auf das Geld zu verzichten. Da sind die im Antrag aufgeführten Nachbesserungen dringend erforderlich. Wir brauchen eine Stärkung der Verbraucherrechte. Richtig ist auch, dass die Veranstaltungsbranche Hilfen sehr benötigt. Das darf aber nicht über Zwangsdarlehen über den Endverbraucher erfolgen. Deswegen ist der Antrag wichtig und richtig. Damit wird eine Optimierung der Gutschein-Lösung erreicht.

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Warum ist die derzeitige Gutschein-Lösung ungerecht?

Momentan wird dem Kunden ein Gutschein aufgezwungen. Wenn das Konzert oder die Veranstaltung ausfällt und der Verbraucher sein Geld zurück möchte, kann er gerade nichts tun, da ihm der Rechtsanspruch dafür genommen worden ist. Der Endverbraucher ist somit in eine Zwangs-Kreditgeber-Situation gedrückt worden. Das ist eine vollkommen andere Situation, als wenn ich losgehe und einen Gutschein kaufe.

Ist ein Sonderkündigungsrecht für Verbraucher bei Gutscheinen zwingend erforderlich, wie es der Antrag vorsieht?

Ja, weil absolut nicht in Sicht ist, wann Veranstaltungen wieder normal stattfinden können. Die Gutscheine laufen bis Ende 2021 und wir gehen nicht davon aus, dass alle Veranstaltungen bis dahin nachgeholt werden können. Das Einlösen geht dann sicherlich auch nur schleppend voran. Das Insolvenzrisiko bei der derzeitigen Gutschein-Lösung trägt vollumfänglich der Verbraucher, mit einem Sonderkündigungsrecht gäbe es für die Kunden Rechtssicherheit.

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Ist es richtig, dass Gutscheine aufgrund der derzeitigen Situation übertragbar sein müssen?

Da das bei der derzeitigen Lösung gesetzlich nicht klar geregelt ist und vieles schwammig ist, wäre es wichtig, dass die Gutscheine auch übertragbar sind. Wir haben hier eine Branche, die total unter finanziellem Druck steht und Verbraucher, die die Gutscheine in vielen Fällen nicht wollten. Da macht das Übertragen Sinn.

Wer sollte für die Kosten aufkommen, wenn der Gutschein-Ersteller insolvent ist?

Der Kunde ist momentan doppelt gekniffen. Er bekommt keine Leistung und bekommt auch kein Geld zurück. Eine Lösung wäre, dass die Bundesregierung in diesen Fällen das Insolvenzrisiko übernimmt.

Worauf sollen Verbraucher achten?

Grundsätzlich gilt, dass man schauen sollte, wie lange die Gutscheine einlösbar sind.

Das Gespräch führte Pascal Faltermann.

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Zur Person

Annabel Oelmann (42) leitet als Vorständin die Verbraucherzentrale Bremen. Ihr Spezialgebiet sind die Verbraucherfinanzen.

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