„Umwelt macht Schule“

Chinesische Schüler wollen nach Bremen

Die Bremerin Andrea Jung macht derzeit ein Praktikum als Lehrerin in Hangzhou. Mit ihren Schülern nimmt sie an einem Umweltwettbewerb teil, der sie mit etwas Glück nach Bremen bringen könnte.
02.01.2019, 20:08
Lesedauer: 3 Min
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Chinesische Schüler wollen nach Bremen
Von Carolin Henkenberens
Chinesische Schüler wollen nach Bremen

Andrea Jung und die chinesische Lehrerin Xiaoling Wu

Carolin Hekenberens

Vier Monate China – als die angehende Lehrerin Andrea Jung aus Bremen-Steintor die Nachricht erhielt, wohin es sie für ihr Auslandspraktikum verschlägt, war sie zunächst nicht sehr begeistert. Vom Reich der Mitte hatte sie kein besonders positives Bild. Lieber wollte sie nach Thailand oder Vietnam. Doch dann denkt sich die 30-Jährige: Wird schon gut werden – und sagt zu.

Mittlerweile ist sie seit knapp drei Monaten in der südchinesischen Stadt Hangzhou und hat sich an die neue Umgebung, das Essen und den Trubel der Metropole mit neuneinhalb Millionen Einwohnern ein wenig gewöhnt. Ihr Praktikum ist Teil des Programms „Schulwärts“ des Goethe-Instituts, das Auslandsaufenthalte für Studierende und junge Lehrer mit einem Stipendium unterstützt und so gleichzeitig Schulen fördert, an denen Deutsch gelehrt wird.

„Es macht total Spaß, hier zu unterrichten. Es sind eigentlich Traumbedingungen. Die Schüler sind sehr diszipliniert, das ist ein großer Unterschied zu Bremen“, erzählt Jung per Sprachnachricht. Sogar nach dem Unterricht kämen oft Schüler zu ihr, um noch Details nachzufragen oder um sich auf Deutsch zu unterhalten. Die Schwierigkeit sei eher, die sehr regelkonformen Schüler dazu zu bewegen, aus sich heraus zu kommen. Letztens, an Heiligabend, hat das offenbar geklappt. Jung schickt ein Handyvideo, in dem ihre Schülerinnen und Schüler das „Fliegerlied“ des Schlagersängers Tim Toupet singen, ihre Arme ausbreiten wie ein Flugzeug, springen und lachen.

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Die chinesischen Schüler können an der Fremdsprachenschule Hangzhou ab der achten Klasse Deutsch lernen. Einige wählten die Sprache, weil sie die deutsche Fußballnationalmannschaft mögen, berichtet die Deutschlehrerin Xiaoling Wu. Andere mögen die Philosophie, Kultur oder Musik und hätten deshalb Interesse am Land. „Ich sage immer, dass Deutsch eine schwierige Sprache ist“, sagt Wu. Sie vermutet, gute Schüler suchten die Herausforderung und wählten deshalb Deutsch. Wu selbst hat die Sprache erst im Studium gelernt. Zwölf Stunden jede Woche.

„Umwelt macht Schule“

Mit etwas Glück könnten einige von Andrea Jungs chinesischen Schülern bald Bremen besuchen. Die 30-Jährige, die in Bremen Germanistik und Politik studiert hat, nimmt mit vier von ihnen an dem Wettbewerb „Umwelt macht Schule“ teil. Der Preis: Eine Fahrt zur internationalen Jugendumweltkonferenz, die im Mai 2019 zufällig in Bremen stattfindet.

Jung sollte in den Deutschkursen Werbung für das Umweltprojekt machen und Schüler finden, die bereit sind, in ihrer Freizeit daran mitzuarbeiten. „Ich habe den Schülern ein Video von einem toten Wal gezeigt, der im November vor Indonesien angeschwemmt wurde und sechs Kilo Plastik im Bauch hatte“, erzählt Jung. „Da habe ich gemerkt: Die Schüler waren schockiert.“ Es melden sich vier Schüler. Junge Menschen für etwas begeistern, ihr Interesse an Themen wecken: Jung erlebt einen dieser Momente, weshalb sie ihren Beruf so mag.

Die Schüler denken über Energie-, Papier- und Lebensmittelverschwendung an ihrer Schule nach, entscheiden sich letztlich für eine Aktion gegen Plastiktüten. Die werden nämlich täglich zuhauf im schuleigenen Supermarkt benutzt und kurze Zeit später weggeworfen. Hier, so finden die Jugendlichen, können sie leicht Veränderung bewirken.

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150 Stofftaschen liegen seit einiger Zeit vor dem Markt aus – zur kostenlosen Benutzung. Die Taschen haben die Schüler von ihrem eigenen Geld gekauft, sagt Jung. Nach dem Einkauf sollen sie an Stationen abgelegt werden, von wo sie die Schüler zurück in den Supermarkt bringen. Über soziale Netzwerke informieren die vier Projektteilnehmer ihre Mitschüler über die Folgen von Plastikmüll für die Umwelt.

Plastiktüten aus Bequemlichkeit

„Der Kampf gegen Plastik sollte nicht Politikern und Regierungen allein überlassen sein, auch wir Jugendliche können dabei helfen indem wir kleine Sachen machen“, sagt der 16 Jahre alte Linqi Ying. Wir alle wüssten, wie schädlich Plastiktüten für die Umwelt seien, sagt er. Und doch benutze man sie aus Bequemlichkeit. Diese Einstellung der Menschen findet er bedenklich. Sie habe viel gelernt während des Projektes, sagt die ebenfalls 16-jährige Xinyu Fang. „Ich war erstaunt über die Menge an Plastik, die in der Geschichte der Menschheit produziert wurde.“

Plastikmüll ist überall auf der Welt ein großes Problem, in China mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern fällt jedoch besonders viel an. Lange war das Land die Müllkippe der Welt, importierte große Mengen. Damit ist seit 2018 Schluss. China verhängte einen Einfuhrstopp für Plastikabfall. Seit ein paar Jahren gebe es in China ein Gesetz, das die kostenlose Abgabe von Plastiktüten verbiete, berichtet Lehrerin Xiaoling Wu. Doch der Preis der Tüte sei gering, die Gewohnheiten tief verwurzelt.

Die Schüler sind hoch motiviert und wollen vor allem deshalb nach Deutschland, insbesondere nach Bremen fahren, um von anderen Jugendlichen noch mehr zu lernen, eine ganz andere Kultur zu entdecken. Die Gast-Lehrerin drückt ihnen die Daumen. „Ich würde mich darüber freuen, den Schülern auch meine Stadt zu zeigen, weil es einfach eine ganz andere Welt ist als China und Hangzhou“, sagt Andrea Jung.

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