Ärzte üben Umgang mit Nadel und Faden Chirurgen lernen in Bremen das Nähen

In speziellen Nähkursen können Chirurgen ihr Handwerk lernen. Chefarzt Thomas Carus vom Klinikum Ost organisiert seit 20 Jahren solche Seminare. Sein Spezialgebiet: die Schlüssellochtechnik.
19.01.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Chirurgen lernen in Bremen das Nähen
Von Sabine Doll

In speziellen Nähkursen können Chirurgen ihr Handwerk lernen. Chefarzt Thomas Carus vom Klinikum Ost organisiert seit 20 Jahren solche Seminare. Sein Spezialgebiet: die Schlüssellochtechnik. Mediziner aus dem ganzen Bundesgebiet kommen dazu nach Bremen.

Thorsten Goldschmidt schaut angestrengt auf den Monitor vor ihm. Der Chirurg verfolgt, wie die sichelförmige Nadel durch das Gewebe gleitet. „Ich muss das Loch in der Magenwand mit Nadel und Faden verschließen“, erklärt er. Die Hände dürfen nicht zittern, jeder Stich und der Knoten am Ende müssen sitzen, damit das Loch auch wirklich fest und für immer verschlossen ist. Ansonsten drohen Komplikationen für den Patienten. Zum Beispiel eine schwere Infektion. Goldschmidt zieht den Knoten zu, einen sogenannten chirurgischen Schiebeknoten. Fertig. Fast zehn Minuten hat der Eingriff gedauert. Der Arzt ist zufrieden. „Na, das hat ja ganz gut geklappt“, sagt er und legt die Operationsinstrumente aus der Hand.

Der Arzt aus dem St. Christophorus-Krankenhaus im nordrhein-westfälischen Werne ist einer von 30 Ärzten aus dem gesamten Bundesgebiet, die im Bremer Klinikum Ost den Umgang mit Nadel und Faden in der sogenannten Schlüssellochchirurgie trainieren. In einem Nähkurs für Chirurgen. Diese Operationstechnik kommt vor allem bei Eingriffen im Bauchraum zum Einsatz. Bei der Entfernung von Gallenblase oder Blinddarm. Beim Verschließen von Löchern in der Magenwand. Wenn zwei Darmabschnitte wieder miteinander verbunden werden müssen.

Training am Spültuch

Großer Vorteil der Technik: „Sie erspart den Patienten lange Heilungszeiten und ist schonender, weil wir keine großen Bauchschnitte machen müssen“, erklärt Thomas Carus, Chefarzt des Zentrums für minimalinvasive Chirurgie in dem Bremer Krankenhaus. Stattdessen braucht der Operateur nur winzige Öffnungen, durch die die Operationsinstrumente geschoben werden. Eine Mini-Kamera, die Bilder aus dem Bauchraum auf einen Monitor überträgt, eine Fasszange für die Nadel und andere Geräte. Und genau da beginnt die Schwierigkeit.

„Der Chirurg kann das Operationsgebiet und das, was er dort tut, nicht direkt sehen“, sagt Carus. „Er muss permanent auf den Monitor schauen, der nur zweidimensionale Bilder aus dem Bauchraum liefert, und gleichzeitig die Instrumente führen.“ Schnell und vor allem sicher. Denn nicht selten sind es Notfalloperationen, wie akute Blinddarmentzündungen oder ein Magendurchbruch, bei denen jede Minute zählt. Das setzt Erfahrung, Sicherheit und Routine bei den Operateuren voraus. Thomas Goldschmidt und seine Kollegen üben dieses spezielle Handwerk an Modellen. Der Bauchraum ist eine Art Plastikwanne mit mehreren, kleinen Öffnungen an der Oberfläche. Durch sie schieben sie die winzigen Instrumente zum Operationsgebiet vor. Das ist ein Schwammtuch zum Abspülen, in das Löcher geschnitten sind.

Die Grundtechniken des chirurgischen Nähens und Verknotens hat der Arzt aus Werne im Studium gelernt. „Wir haben zum Beispiel solange an Bananen geübt, bis man Bananen nicht mehr sehen konnte“, sagt er. Und am Operationstisch. „Aber das Arbeiten mit der Schlüssellochtechnik ist eine ganz andere Herausforderung, die viel Erfahrung und Übung voraussetzt.“ Trainiert wird vor allem die sogenannte Hand-Augen-Koordination, gleichzeitig auf den Monitor zu schauen und zu operieren. Und das sichere Führen der Instrumente mit beiden Händen. Carus: „Die meisten Menschen machen alles nur mit einer Hand. Klavierspieler oder Schlagzeuger sind da auf jeden Fall schon einmal im Vorteil. Aber das ist alles eine Sache der Übung.“

Und diese bekommen Nachwuchs-Ärzte immer häufiger in externen Fortbildungen. Angebote wie das Bremer Seminar sind in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Hauptgrund für Carus: „Wegen der veränderten Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern bleibt weniger Zeit, eigene und zusätzliche Übungskurse zu organisieren.“ Arbeitsverdichtung, Personalabbau, verkürzte Operationszeiten und wirtschaftliche Zwänge nennt der Chefarzt als Stichworte. Seit 20 Jahren organisiert er Nähkurse für Nachwuchs-Ärzte, in denen sie das Schlüsselloch-Operieren üben können. Die Teilnehmer werden von ihren Kliniken geschickt, andere bezahlen den Kurs aus eigener Tasche.

Immer neue OP-Instrumente

„Die Patientensicherheit muss absolute Priorität haben, allein schon ein zweitägiger Kurs trägt dazu enorm bei.“ Studien hätten gezeigt, dass fünf Stunden Übungszeit die Sicherheit um 30 Prozent und die Schnelligkeit um 60 Prozent erhöhten. Die zweitägigen Kurse umfassen in der Regel rund 15 Stunden. Unter den Teilnehmer sind aber nicht nur Assistenzärzte, die gerade aus dem Studium kommen und ihre Karriere als Chirurgen beginnen. Auch Oberärzte, schon lange im Klinikbetrieb, melden sich an. Der Grund: „Die Medizintechnik entwickelt sich ständig weiter, es kommen immer mehr neue Instrumente auf den Markt, deren Einsatz man üben muss. Das gilt auch für erfahrene Operateure“, sagt Carus.

Thomas Goldschmidt schaut wieder auf den Monitor. Die Aufgabe dieses Mal: In dem Schwammtuch einen länglichen Schnitt verschließen. Mit einer fortlaufenden Naht und einem Schiebeknoten. Chefarzt Carus macht es am großen Monitor vor. „Achten Sie darauf, dass der Nadelhalter immer fest einrastet, damit sie nicht abrutschen“, gibt er als Tipp.

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